Frau in einer Wahlkabine (Foto: Imago, xblickwinkel/McPhotox/ErwinxWodickax)

Debatte um Wahlalter-Senkung in Deutschland

Junge Wähler vor der Bundestagswahl: Die unpolitische Jugend?

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Junge Leute gehen seltener wählen als ältere. Das war schon immer so. Aber warum ist das so? Wäre eine Senkung des Wahlalters die Lösung für dieses Problem?

Die Anzahl junger Menschen, die wählen gehen, ist im Vergleich zu anderen Altersgruppen gering. Dieser Trend, der sich durch alle bisherigen Bundestagswahlen gezogen hat, wird sich wahrscheinlich auch dieses Jahr bestätigen. Trotz vieler tagesaktueller Themen, die sicherlich alle betreffen, scheint die Jugend immer noch unpolitisch zu sein. Eine Senkung des Wahlalters könnte dafür die Lösung sein.

Laut Bundeswahlleiter lag die Wahlbeteiligung der 18- bis 20-Jährigen bei der Bundestagswahl 2017 bei 69,9 Prozent. Die 21- bis 24-Jährigen kamen nur auf 67 Prozent. Das sind die geringsten Werte im Vergleich aller Altersgruppen.

Trotz immer präsenteren politischen Jugendorganisationen, wie zum Beispiel "Fridays For Future" oder "Extinction Rebellion", scheint sich an der Jugendwahlbeteiligung nichts zu ändern. Das ist jedoch nicht nur erst seit kurzem so. Bei allen Bundestagswahlen von 1953 bis 2017 waren die jungen Altersgruppen immer die, die sich am wenigsten beteiligt haben, so Michael Wehner, Leiter der Außenstelle Freiburg der Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Baden-Württemberg. Laut Bundeswahlleiter waren bei der letzten Bundestagswahl mehr als die Hälfte der Wählenden über 52 Jahre alt. Noch nie zuvor waren die Leute, die gewählt haben, so alt. Unter den Wahlberechtigten befanden sich allein drei Millionen Erstwählende, so der Bundeswahlleiter. Von den rund 5,4 Millionen Wählenden unter 24 Jahren gingen nur 68 Prozent wählen. Bei einer gesamten Wahlbeteiligung von 76 Prozent ist das weniger als alle anderen Gruppen.

"Die Senkung des Wahlalters führt nicht unbedingt zu mehr Beteiligung."

Um der geringen Wahlbeteiligung entgegenzuwirken, fordern viele Parteien eine Senkung des Wahlrechts auf 16 Jahre. Die Grünen, SPD, FDP und die Linke haben dies sogar in ihr Wahlprogramm für die diesjährige Bundestagswahl geschrieben. Aber würde die Senkung des Wahlalters die Wahlbeteiligung junger Menschen stark beeinflussen? "Das Jugendwahlrecht wäre jetzt auf den ersten Blick keine Lösung", schildert Wehner. "Am Beispiel von Österreich kann man sehen, dass die Senkung des Wahlalters langfristig zu keinem Anstieg der Jugendwahlbeteiligung geführt hat."

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Österreich hat es vorgemacht

Österreich ist eins der wenigen Länder in Europa mit einem Jugendwahlrecht ab 16 Jahren. Dies wurde 2007 bei der Wahlrechtsreform vom österreichischen Nationalrat beschlossen. Demnach dürfen österreichische Staatsbürger ab 16 Jahren in Gemeinderatswahlen, Landtagswahlen, Nationalratswahlen, Bundespräsidentenwahlen und Wahlen zum Europäischen Parlament wählen. Bei der Wahl 2008, also kurz nach der Herabsetzung des Wahlalters, war die Wahlbeteiligung der jungen Wählenden im Vergleich zu folgenden Wahlen leicht erhöht. Laut einer Studie der Universität Wien ging die Wahlbeteiligung bei jungen Wählerinnen und Wähler jedoch schon bei der Wahl 2013 zurück.

Bei der Europawahl ging es um "die Zukunft Europas"

Die Europawahl 2019 zeigte, dass es auch anders geht. Dort war die Wahlbeteiligung so hoch wie noch nie: Insbesondere junge Europäerinnen und Europäer beteiligten sich häufiger als zuvor. Bei den unter 25-Jährigen stieg die Wahlbeteiligung im Vergleich zu der vorherigen Wahl um 14 Prozentpunkte. Bei den 25- bis 39-Jährigen um 12 Prozentpunkte. Die Wahlbeteiligung war mit 50,6 Prozent so hoch wie seit 1994 nicht. "Die Wahlbeteiligung der Jugend war bei der Europawahl 2019 so hoch, weil in vielen europäischen Ländern ein gewisser Druck von der rechten politischen Seite entstanden war, dem viele entgegenwirken wollten", erklärt Wehner. Viele Bürgerrechtsinitiativen, wie zum Beispiel "Pulse of Europe" sind mit dem Ziel entstanden, ein Zeichen gegen Rechts und für Europa zu setzen.

Außerdem wurde mit verschiedenen Wahlkampagnen von der Europäische Union für das Wählen geworben: Die Mobilisierung und persönliche Ansprache der Menschen für die "Zukunft Europas" stand im Vordergrund. An jeder Ecke hat man jemanden mit einem Europa-Pulli gesehen. Auf einmal war es "cool" politisch engagiert zu sein und viele wollten zeigen, dass sie den europäischen Gedanken verinnerlicht haben. Wohl ein Großstadtphänomen: In Berlin, Hamburg, München, Köln und Stuttgart lag die Wahlbeteiligung bei jeweils über 60 Prozent, während außerhalb der Großstädte die Beteiligung meistens geringer war.

Junge Frauen würden eher wählen als junge Männer

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gaben 85 Prozent der 16- und 17-jährigen Frauen an, im Fall einer Wahlberechtigung, mit Sicherheit an der Wahl teilzunehmen. Unter den 16- und 17-jährigen Männern sagen das nur 78 Prozent.

Pandemie, Briefwahl und Sommerferien von Bedeutung

"Die spannende Frage dieses Jahr wird das Thema rund um die Corona-Pandemie sein. Außerdem stehen die Sommerferien an und viele der Organisationen wie zum Beispiel 'Fridays for Future' machen eine kleine Sommerpause und sind deswegen eingeschränkt", erklärt Wehner. "Die Briefwahl wird sicherlich auch eine entscheidende Rolle spielen. Stand Heute gehe ich nicht von einem großen Anstieg der Jugendwahlbeteiligung aus."

Die Bundestagswahl am 26. September wird zeigen ob die aktuellen Themen und die globalen Krisen die jungen Menschen an die Wahlurnen bringen werden.

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