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Wahrnehmung im Wachkoma Neue Diagnosetechniken zeigen Hirnaktivität

Michael Schumacher ist derzeit der wohl bekannteste Patient mit schwerer Hirnverletzung. Manche Patienten fallen nach schwerem Unfall oder Schlaganfall ins Koma oder werden - wie auch Michael Schumacher- von Ärzten in ein künstliches Koma versetzt. Doch wie tief ist dieser Schlaf wirklich? Neuere Erkenntnisse zeigen: Das Innenleben solcher Patienten ist häufig vielfältiger als bisher gedacht.

Komapatient mit Angehöriger

Für Angehörige ist eine solche Diagnose besonders schwer.

Ein junger Mann erlitt vor zwölf Jahren einen Herzinfarkt mit folgenschwerer Schädigung des Gehirns. Seitdem liegt er im Wachkoma – ans Bett gefesselt und wird in einer Pflegeeinrichtung versorgt. Die Augen sind geöffnet, doch er sucht keinen Kontakt. Und nicht jeder versteht seine Lautäußerungen. Rund 5000 Menschen sind es allein in Deutschland, die im Wachkoma verharren. Mediziner haben bis heute keine Möglichkeiten, eine Prognose abzugeben. Es ist nicht vorhersagbar, ob oder welche dieser Patienten, das Bewusstsein wiedererlangen werden, sagt Prof. Reinhard Dengler, Direktor der Neurologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover. Durch die Methoden der modernen Hirnforschung, beispielsweise durch die Messung der Hirnströme mit Hilfe der Elektroenzephalografie (EEG), lasse sich doch einiges erkennen:

Zeichen bewusster Wahrnehmung

Formel1-Pilot Michael Schumacher im Portrait

Michael Schumacher

Dengler: Man kann im EEG sogenannte ereigniskorrellierte Potentiale beobachten. Bekannt ist zum Beispiel die Welle P 300. Das heißt, dass man nach 300 Millisekunden in Folge eines Reizes eine deutliche Veränderung im EEG (Elektroenzephalograph) sieht. Diese wird als ein Zeichen der bewussten Wahrnehmung interpretiert.

Wachkoma-Patienten verarbeiten mentale Reize
Bislang war unklar, ob die Betroffenen Informationen aufnehmen. Es blieb unsichtbar, verborgen im Inneren des Gehirns, wenn man ihnen ein Bild zeigte oder eine Geschichte vorlas. Äußerlich betrachtet liegen die Betroffenen regungslos im Bett. Die neuesten Befunde legen nun aber nahe, dass mentale Reize tatsächlich auch verarbeitet werden. Zumindest von einem Teil der Patienten. Bei zehn bis 20 Prozent der Untersuchten ist die Großhirnrinde aktiv. Eine andere Strategie, dies zu erkennen, heißt motor imagery.

Eingebildete Bewegung

EEG

Ein EEG (Elektroenzephalograph) misst die Hirnfunktionen.

Dabei fordert man Patienten auf, sich vorzustellen, dass sie ihre rechtsseitigen Extremitäten bewegen. Bei manchen Patienten werden, in Reaktion auf diese Aufforderung, tatsächlich korrespondierend linksseitig die motorischen Zentren aktiviert. Daraus muss man schließen, dass die Patienten die Aufforderung verstanden haben, und dass sie eine bewusste Wahrnehmung haben, auch wenn man keinen Bewegungseffekt sehen kann.

Schnittbilder des Gehirns
Ob dies ein Zeichen für eine baldige Erholung ist, können die Wissenschaftler nicht sagen. Es gibt noch keine Studien dazu. Neue, bildgebende Verfahren wie zum Beispiel die Positronen-Emissions-Tomographie können aber mehr zum Verständnis im Umgang mit den Wachkoma-Patienten beitragen. Hier werden Schnittbilder des Gehirns erzeugt. Der Patient erhält ein schwach radioaktives Medikament. Biochemische und physiologische Funktionen werden sichtbar, wenn das Gerät die Verteilung radioaktiv markierten Substanz im Organismus abbildet.

Patienten nehmen Umwelt wahr
Dass manche Wachkoma Patienten ihre Umwelt wahrnehmen, hat man immer vermutet. Betroffene, die sich von den Folgen einer Hirnschädigung nicht mehr erholt haben, werden als Phase F-Patienten bezeichnet, was Langzeitpflege bedeutet. Manche dieser Patienten können sich aber durchaus mitteilen – etwa durch Laute. An bestimmten Reaktionen konnte also schon beobachtet werden, ob Wachkoma-Patienten Dinge erfassen, die relativ unerwartet waren: Dass es Zuwendung gibt oder dass Reaktionen auf bestimmte Personen erfolgen. Was man zuvor nur beobachten konnte, kann mit diesen Methoden nun demonstriert werden, was im Gehirn passiert. 

Wenn ein Wachkoma-Patient aufwacht

Musikunterstützendes Training

Musiktherapie hilft bei Gehirntraumata

Wachkoma-Patienten, die eigenständig atmen und keine intensivmedizinische Versorgung mehr benötigen, werden heute sehr zügig in eine Einrichtung der Frührehabilitation verlegt. Dort bekommen sie Physiotherapie und sehr viel sprachliche und psychologische Zuwendung, um sie aus der mentalen Isolation zu erlösen. Wenn ein Wachkoma-Patient aufwacht, dann setzt die normale elektrische Erregungsbildung wieder ein. Das versucht man durch äußere Reize zu fördern

Aktivierende Pflege
Medikamente, die diesen Prozess fördern, gibt es derzeit nicht. Was bleibt ist die aktivierende Pflege, die nun auch wissenschaftlich untermauert ist. Hier sprechen Fachkräfte mit Betroffenen. Sie machen Sport im Krankenbett und können im Spezialrollstuhl in den Gruppenraum. Außerdem ist die Therapie mit einer sogenannten Klangmatratze effektiv. Mit dieser kann man Musik oder bestimmte Rhythmen übertragen. Für die Patienten ist das sehr angenehm und entspannend.

Erholungsphase

Rehabilitation

Manche wenige Komapatienten können sogar wieder laufen lernen.

Selbst nach Jahren im Wachkoma gibt es auch in der "Phase F" immer wieder Patienten, die aus der tiefen Bewusstlosigkeit langsam wieder aufwachen. Die Augen suchen Kontakt, Bewegungen laufen koordinierter ab, erste Gefühlsregungen werden sichtbar. Die Erholungsphase kann sich in manchen Fällen über Jahre hinziehen. Wann das passiert, mit welcher Intensität und bei welchen Patienten, das kann bis heute aber niemand sagen - trotz aller Fortschritte in der Diagnostik