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Vor 15 Jahren tobte der Orkan Die Lehren aus Lothar

Der Orkan Lothar zählt zu den schlimmsten Naturkatastrophen in Süddeutschland. Wetterprognosen haben sich seither verbessert. Durch den Klimawandel könnten sich Stürme aber verstärken.

Aussicht über den Wald vom Lothar-Pfad aus

Als ob nichts gewesen wäre - heute hat man einen fantastischen Ausblick auf dem "Lothar-Pfad"

Vor 15 Jahren, am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999, raste der Orkan Lothar von Frankreich über die Schweiz, Österreich und Deutschland hinweg und verursachte in nur drei Stunden Schäden in Milliardenhöhe. Die traurige Bilanz nach der Naturkatastrophe: 60 Tote.

In Baden-Württemberg betrug der Sturmholzanfall durch "Lothar" etwa 30 Millionen Festmeter.

Ob ein Sturmtief zu einem gefährlichen Orkan wird, das sollen die Wetterdienste vorhersagen. Am 26. Dezember 1999 verwüstete Orkan Lothar weite Teile von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Lothar war, so der Deutsche Wetterdienst, ein besonders kleiner, schneller Orkan, und bewegte sich ausgesprochen untypisch, wie kein zweiter davor oder danach. Das eigentlich Überraschende sei jedoch gewesen, dass kein einziger europäischer Wetterdienst in der Lage war, diesen Sturm und seine Zugbahn zufriedenstellend vorherzusagen. Die Situation wurde seitdem von den Experten immer wieder nachgerechnet und heute ist bekannt, dass eine bessere Vorhersage damals gar nicht möglich war.

Chaotische Wetterlage und widersprüchliche Prognosen

Kahlfläche nach Lothar

Riesige Kahlfläche nach Lothar im Schwarzwald

Die Wettersituation vor Weihnachten 1999 war allgemein extrem ungewöhnlich und besonders chaotisch verlaufen. Die einzelnen Vorhersagen für den 26. Dezember 1999 widersprachen sich mehrmals. Was damals niemand wissen konnte: Ein falscher Datensatz eines Wetterballons, der Tage zuvor weit weg auf Sable Island, einer kleinen Insel bei Neufundland, gestartet war, führte zu den ständig wechselnden Aussagen. Wie spätere Vergleichsrechnungen zeigten, waren die Auswirkungen dieses einen falschen Datensatzes enorm.

Erst als konkrete Meldungen von den Wetterstationen an der französischen Atlantikküste eintrafen, stabilisierten sich die Vorhersagen der Wetterdienste. Die Sturmwarnungen des DWD für Süddeutschland begannen immerhin bereits am Vormittag des 25. Dezember und liefen die ganze Nacht hindurch.

Sind wir mittendrin im Klimawandel?

Schuld ist der Klimawandel - das sagt sich so leicht, aber Extrem-Wettersituationen haben zugenommen in den vergangenen Jahren. Seit Lothar gab es etwa zehn ausgeprägte Tiefdruckgebiete über Mittel-Europa, die sich zu heftigen Unwettern entwickelten.

Müssen wir uns wegen des Klimawandels häufiger auf Extrem-Wetterlagen einstellen? Antworten von Sven Plöger, ARD-Wettermann

Der ARD-Wetterexpert Sven Plöger

ARD-Wetterexperte Sven Plöger

Ja, wir sind drin im Klimawandel. Wir dürfen aber Wetter und Klimawandel nicht durcheinander werfen. Beim Klima ist die Frage immer: Häufen sich die Stürme? Bei den Stürmen haben wir nur einen sehr geringen Trend über die letzten Jahre. Für das Klima müssen wir immer 30 Jahre anschauen. Bei anderen Größen haben wir aber schon einen klaren Trend: Die heißen Tage über 30 Grad haben sich stark vermehrt und die Winterniederschläge. Klimawandel - ja, es gibt ihn. Lothar für sich genommen war aber ein außerordentlich heftiger Sturm.

Wenn Wetterprognosen für zwei, drei Tage nicht funktionieren, wie kann dann eine Prognose über 30 Jahre funktionieren?

Das Entscheidende ist, man macht zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Wetterprognosen, bei denen man für die nächsten zwei, drei, maximal 15 Tage sagen will, wo befindet sich welches Hoch und Tief - da versucht man die Dynamik der Atmosphäre nachzurechnen. Verläuft sich das auf Grund der chaotischen Lage in der Atmosphäre innerhalb dieser Tage, dann ist die Prognose nicht mehr möglich.

Klima und Wetter auf keinen Fall in einen Topf werfen.

Klima ist per se Statistik. Das können wir nicht in gleicher Weise berechnen. Die Klimamodelle rechnen auch in die Zukunft. Wenn sich irgendwann die Zonen mit den starken Tiefs verlagern, von A nach B in eine andere Region, weil andere Parameter im Erdsystem sich verändern, dann hat man eine klimatische Aussage - man muss aber nicht genau wissen, an welchem Tag der Sturm ist.

Wie drastisch wird der Klimawandel in Deutschland?

In den letzten hundert Jahren ist es weltweit um etwa 0,8 Grad wärmer geworden. In Deutschland etwa um ein Grad. Die extreme Hitze von über 30 Grad Celsius wird viel häufiger auftreten. Aber wir können jetzt noch nicht sagen, durch den Klimawandel ist alles schlimmer geworden. Man muss die eigenen Unzulänglichkeiten in der Prognose immer wieder verdeutlichen - aber sagen, dass man eine große Plausibilität hat, in die Zukunft zu blicken, weil man die physikalischen Zusammenhänge auch begreift.

Früher hieß es, so etwas wie Lothar kommt nur alle paar Generationen vor. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich eine solche Extrem-Wettersituation so noch einmal einstellt?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Stürme schwanken in ihrer Häufigkeit schon aus natürlichen Gründen. Beim Klimawandel ist immer das Problem: die Natur und der Mensch machen beide etwas, und das wirkt in verschiedene Richtungen.

Diese Stürme kommen zu Stande durch die Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Nordpol. Wenn aber der Nordpol sich gerade überproportional erwärmt, dann ist der Temperaturunterschied im Grunde geringer. Das wäre ein Argument dafür, dass das mit den Stürmen eigentlich eher in die andere Richtung geht und sie weniger werden.

Umgekehrt aber erwärmt sich die Atmosphäre und diese Prozesse sprechen eher für ein Verstärken. Deswegen sagt die Wissenschaft aus heutiger Sicht, wir müssen nicht unbedingt mit einer Häufung von Stürmen rechnen in Zukunft - aber durchaus damit, dass die Stürme, die stattfinden, sich verstärken á la Lothar.

Könnte ein Fehler wie 1999 noch einmal passieren? Antworten von Andreas Friedrich, Deutscher Wetter Dienst, Spezialist für extreme Wetterlagen

So ein Ereignis wird sich in der Abfolge so auf keinen Fall wiederholen. Da hat sich in den letzten 15 Jahren doch vieles geändert.

Was hat sich bei den Modellen zur Wettervorhersage verbessert?

Um so einen Sturm vorherzusagen, braucht man ein Modell, das die ganze Erde umspannt. Man legt in der Meteorologie ein sogenanntes Gitternetz über die Erde. Das Gitternetz hat Knotenpunkte. An jedem Punkt wird das Wetter berechnet wie zum Beispiel auch die Windgeschwindigkeit. Die Abstände dieser Gitternetze wurden in den letzten 15 Jahren deutlich verringert. Da ist der DWD sogar Weltrekordhalter, das ist das genaueste Modell, das weltweit auf dem Markt ist. Auf Grund dessen hat man heute auch viel bessere Chancen, so einen Orkan zu erkennen und über mehrere Tage im Voraus besser vorhersagen zu können.

Der DWD ist in den Sozialen Medien präsent. Hat das die Arbeit verändert?

Wir sind in die Social Media gegangen, weil man auf diesem Weg die jüngere Bevölkerung viel schneller und effektiver erreichen kann. Wir sind in Facebook, youtube und Twitter aktiv. Da kann sich die Bevölkerung informieren, was erwartet wird, wo sind die gefährlichen Dinge, auf was muss man achten als Bürger.

Wir bekommen Meldungen von Bürgern über Twitter und Facebook, die ein Unwetter lokal beobachten. Das kann zur genaueren Ausprägung von Vorhersagen und Warnungen beitragen. Natürlich muss das geprüft und gecheckt werden, zum Beispiel mit unseren Radardaten. Aber man hat dadurch oft nützliche und unterstützende Beobachtungen.

Der Lotharpfad: Seit 2003 führt der etwa 800 m lange "Lotharpfad" mit Treppen, Brücken und Stegen über und unter umgestürzten Bäumen hindurch. Der Sturmwurf-Erlebnispfad gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen im Schwarzwald. Betreut wird der Weg vom Naturschutzzentrum Ruhestein.

Wir arbeiten auch mit dem Netzwerk Skyborn zusammen, das sind die Sturmjäger - auch aus den USA bekannt. Die sind geschult, da gibt es ein Schulungsprogramm an dem der Deutsche Wetterdienst beteiligt ist. Diese Leute fahren den Unwettern hinterher und wir bekommen sehr gute und schnelle Informationen, die uns bei Unwetterlagen weiter helfen.


Zeitreise: Orkan Lothar und seine Folgen




Online: Heidi Keller