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Dass viele einen Impftermin sausen lassen, um zum Beispiel Urlaub zu machen, kann Martin Rupps nicht verstehen. Er sieht in einem Impftermin ein Privileg.

Ich bin ein nörgeliger Staatsbürger. Ich finde in Deutschland die Steuern zu hoch, die Verwaltung langsam und den Bundespräsidenten ein Schlafmittel. Kürzlich allerdings, im Impfzentrum, habe ich es als großes Glück empfunden, in diesem Land zu leben. Es legen sich, dachte ich, ziemlich viele Menschen ins Zeug, damit ich heute einen Schutz gegen das Coronavirus erhalte. Gratis. In stressfreier Umgebung. Eher früher als später kommen hierzulande alle dran, die diesen Schutz beziehen möchten.

In Impfzentren bleiben viele Stühle leer. Bis zu 60 Prozent der angemeldeten Frauen und Männer erscheinen nicht. (Foto: SWR, K. Pezold)
In Impfzentren bleiben viele Stühle leer. Bis zu 60 Prozent der angemeldeten Frauen und Männer erscheinen nicht. K. Pezold

Mir erschließt sich nicht, dass manche Leute ihren Impftermin platzen lassen, um zum Beispiel Urlaub zu machen. Oder aus einem anderen spontanen Grund. Ich kann nachvollziehen, dass jemand nach der Anmeldung Muffensausen kriegt vor einer Impfung und abspringt. Oder dass sie bzw. er den ungeliebten Impfstoff AstraZeneca scheut. Aber diese beiden Gründe erklären nicht, dass Impfzentren auf mindestens 30 Prozent (in Speyer sogar 60 Prozent) ihrer Termine sitzen bleiben. Es gibt zwar Nachrücker, aber ihr Management bereitet viel Verwaltungsaufwand.

Termin-Nachrücker machen zusätzliche Arbeit

Als ich in der Praxis meines Hausarztes anrief, um mich nach dem Termin im Impfzentrum von der Warteliste streichen zu lassen, reagierte die Mitarbeiterin überrascht. Es sei nicht die Regel, sagte sie, dass Patientinnen und Patienten absagten. Warum eigentlich nicht? Ich tippe auf Bequemlichkeit. Oder ein Anspruchsdenken an den Staat. Oder puren Egoismus.

Es gibt viel zu kritisieren am Verhalten der Politik in der Pandemie. Milliarden von Euro wurden verbrannt. Das digitale Deutschland erwies sich als Totalversager. Und doch bleibt es ein Privileg, dass uns Impfstoffe so früh zur Verfügung stehen. Und ich in einem Land leben darf, das mir eine bzw. zwei Dosen zeitnah überlässt.

Speyer

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