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Die IG Metall will mit der Vier-Tage-Woche die Wirtschaftskrise durch die Corona-Pandemie bekämpfen. Enzo Weber, Arbeitsmarkt-Experte beim IAB, sieht sie als flexibles Arbeitszeitmodell.

Deutschlands größte Gewerkschaft, die IG Metall, hat vorgeschlagen, in der kommenden Tarifrunde eine Vier-Tage-Woche als Option für die Betriebe zu vereinbaren, um einen Stellenabbau zu verhindern. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sieht darin "eine Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie".

Arbeitgeber lehnen Vier-Tage-Woche ab

Die Arbeitgeber haben eine Vier-Tage-Woche, selbst mit einem gewissen Lohnverzicht, abgelehnt. Der Chef der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, sagte, man bräuchte mehr Arbeit und damit mehr Wohlstand, um die Krise zu meistern. Auch Michael Hüther, Präsident des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), sprach sich gegen den Vorschlag der Gewerkschaft aus. Die Arbeitskosten würden steigen. Das sei ein Risiko für die Arbeitsplätze.

Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz: Modelle für die Vier-Tage-Woche

Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen hat mit der IG Metall einen Tarifvertrag ausgehandelt, wonach die Wochenarbeitszeit an deutschen Standorten um bis zu 20 Prozent gesenkt werden kann, sofern die Kurzarbeit nicht verlängert wird. Im Gegenzug soll zunächst auf betriebsbedingte Kündigungen im Inland verzichtet und keine Standorte geschlossen werden.

Bei Daimler arbeiten Mitarbeiter in der Verwaltung weniger - ohne Lohnausgleich. Allerdings keinen ganzen Tag, sondern nur zwei Stunden. Auch bei Bosch wurde die Arbeitszeit reduziert.

Die Vier-Tage-Woche ist ein altes Modell: Der Autokonzern Volkswagen hatte sie bereits Anfang der 1990er Jahre vorübergehend eingerichtet und damit wohl verhindert, dass 30.000 Mitarbeiter entlassen wurden.

ZF Friedrichshafen fährt mit Schutz- und Hygienemaßnahmen langsam den Betrieb wieder hoch. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Felix Kästle/dpa)
Große Betriebe sind in der Corona-Krise bereits zu eigenen Lösungen gezwungen. picture alliance/Felix Kästle/dpa

Warum die Rechnung nicht aufgeht

Professor Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) gibt zu bedenken, der volle Lohnausgleich beim Wechsel von einer Fünf-Tage-Woche auf eine Vier-Tage-Woche würde 25 Prozent mehr Lohn pro Stunde bedeuten. Ein derart hoher Lohnaufschlag sei auch unter Normalbedingungen nicht denkbar - jetzt unter Krisenbedingungen mit Sicherheit auch nicht. Selbst ein teilweiser Lohnaufschlag beim Stundenlohn wäre bereits ein erhebliches Plus.

Die Diskussion um die Verkürzung der Arbeitsstunden oder der Arbeitszeit laufe zum Einen vor dem Hintergrund stärkerer Digitalisierung, der E-Mobilität, dem möglichen Wegfall von Arbeitsplätzen - zum Anderen aber auch vor dem Hintergrund der Krise, wo der Arbeitskräftebedarf akut gesunken sei.

Verlängerung Kurzarbeitergeld: Was bringt dann die Vier-Tage-Woche?

Die Kurzarbeit ist für den Wirtschaftswissenschaftler "das angemessene Instrument für eine vorübergehende Wirtschaftskrise, die durch einen externen Schock zustande kommt, mit dem man versucht, sich rüber zu retten mit der Belegschaft. Deswegen bin ich auch dafür, dass wir das Kurzarbeitergeld verlängern".

Allerdings sollte das unbedingt verknüpft werden mit Qualifizierung. "Denn während einer langen Kurzarbeit kann der starke Wandel in der Wirtschaft, der im Moment im Gange ist, auch verschleppt werden. Dann gingen die Arbeitsplätze ohnehin verloren." Zur Krisenbewältigung brauche man keine Vier-Tage-Woche. Bei der Arbeitszeit werde es darum gehen, dass sie flexibler wird.

"Derjenige, der eine Vier-Tage-Woche haben möchte, sollte sie auch bekommen. Aber wir sollten sie auch nicht allen aufzwingen."

Der Strukturwandel und die flexiblen Arbeitszeitmodelle

Zum strukturellen technologischen Wandel weiß der IAB-Experte: "Der Übergang zur E-Mobilität etwa wird auch nach unseren Studien-Ergebnissen - auch ohne Corona - mehr als hunderttausend Arbeitsplätze kosten." Es sei aber nicht insgesamt so, dass der technologische Fortschritt die Zahl der Arbeitsplätze reduziere.

"Wenn wir in Qualifizierung investieren und die Neueinstellungen wieder in Gang bringen, werden wir auch mit voranschreitender Digitalisierung in Zukunft nicht weniger Arbeitsplätze haben."

Arbeitskräfte würden knapper durch den demografischen Wandel. "Die Arbeitslosigkeit kann über die 2020er Jahre sinken, mit Vier-Tage- oder auch mit Fünf-Tage-Woche."

Wer über die Vier-Tage-Woche entscheiden sollte

Die Menschen sollten die Möglichkeit haben, soweit machbar, ihre Arbeitszeit selbst festzulegen, meint Weber. "Für diejenigen, die das wollen, ist eine Vier-Tage-Woche eine super Sache. Aber es gibt eben auch andere, die das nicht wollen." Deswegen betont er in puncto Arbeitszeit: "Flexibler, nicht unbedingt immer nur kürzer."

"Ich bin der Meinung, über die Arbeitszeiten sollten die Menschen selbst entscheiden. Darüber sollte nicht eine Wirtschaftskrise entscheiden und auch keine Digitalisierung."

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