Laura Koppenhöfer (Foto: SWR, SWR/Christian Koch )

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Meinung: Viel hilft nicht viel

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Auf die Trauer folgt der Streit. So ist es nach jedem größeren “Shooting” in den USA. Die einen wollen endlich strengere Gesetze und damit weniger Waffen im Umlauf, die anderen wollen das Gegenteil. Und deren haarsträubende Begründung ist mit jedem Mal schwerer zu ertragen, findet Laura Koppenhöfer.

Egal, ob man in diesen Tagen über das Schulmassaker in Texas berichtet oder die Berichte anschließend gelesen, gehört, geschaut hat: Dieses aufdringliche Déjà-Vu-Gefühl hatten wohl die meisten. Eigentlich hätte man sich längst eine Textvorlage aufs Laufwerk oder in die Cloud stellen können. Ist es mal wieder soweit? Vorlage her, Zahl der Opfer anpassen, die Namen der Schule, des Täters und des amtierenden Präsidenten eintragen - und raus damit.

Die Kolumne von Laura Koppenhöfer können Sie hier auch als Audio hören:

Macht man bei so einer furchtbaren Tragödie natürlich nicht. Denn jedes erschossene Kind, jeder Student, jede Lehrerin, die bei diesen unvorstellbaren Taten ums Leben kommen, ist einzigartig und eben keine Vorlage. Genauso wie das Schicksal der trauernden Angehörigen.

Trotzdem erwischt mich diese Erkenntnis auch diesmal eiskalt. Dass Berichte und Reaktionen sich SO ähneln. Egal, ob man vier Jahre zurück geht nach Parkland, bald zehn Jahre zurück an die Sandy Hook School oder 15 an die Virginia Tech University.

Schon damals war die Ungeduld derer am Ende, die genug haben von dieser grotesken Waffenschwemme in den USA, wo zwar die meisten Privatleute gar keine Waffen besitzen, der Rest dafür so viele, dass es für Platz eins beim Pro-Kopf-Ländervergleich locker reicht. Wo jedes Jahr Tausende durch Schusswaffen getötet oder verletzt werden.

Blumen und Luftballons wurden an der Robb Elementary School zum Gedenken an die Opfer niedergelegt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/kyodo)
Blumen und Luftballons wurden an der Robb Elementary School zum Gedenken an die Opfer niedergelegt picture alliance/dpa/kyodo

Auch schon damals war die reflexhafte Antwort aus dem Lager der Waffennarren und ihrer Lobby: Damit’s nicht dauernd knallt, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Waffen! Dann hätten die Grundschüler zurückschießen können!

Macht Sinn!

Genauso, als würde man nach einer Hitzewelle mit Tornados und Sturzfluten erstmal alle weltweit ausgemusterten Kohlekraftwerke wieder anschmeißen. Und nochmal so viele neue bauen.

Aber genauso läuft’s! Wissenschaftler haben belegt, dass fast jedes Massaker mit schwerem Geschütz Politiker in republikanisch regierten Bundesstaaten dazu bringt, Waffengesetze zu lockern statt zu verschärfen. Entgegen aller Evidenz.

Ihr Recht auf Waffenbesitz sehen viele Amerikaner als gottgegeben, sonst hätten sich die Siedler damals im 18. Jahrhundert doch gar nicht verteidigen können! Außerdem steht’s in der Verfassung - seit gerade mal 230 Jährchen.

Na klar!

Ist immer eine super Idee, aus der Zeit gefallene Rechte und Gewohnheiten blindwütig zu konservieren. Finden Eltern, die ihre Kinder auch heutzutage legal verdreschen wollen, auch. Männer, die ihre Ehefrauen unbehelligt vergewaltigen wollen, sowieso.  

Und dann gibt es ja noch die, die sich nicht mal die Mühe machen, nach fadenscheinigen Argumenten zu suchen. Für die mit einem hochrot hingemotzten "Ich will aber!" die Sache vom Tisch ist.

Und so spannt sich der Bogen von kleinkindlicher Bockigkeit über "alternative Fakten" bis hin zum fundamentalistischen Kulturkampf. Schwer zu sagen, was davon am unerträglichsten ist. Vielleicht auch, dass Ex-Präsident Trump als Promi-Gast beim Jahrestreffen der Waffenorganisation NRA schauläuft. In Texas. Kurz nach dem Amoklauf. Und vermutlich nicht viel länger vor dem nächsten.

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