Constance Schirra (Foto: SWR, © SWR/Christian Koch, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im Rahmen einer engen, unternehmensbezogenen Berichterstattung im SWR-Zusammenhang bei Nennung Bild: SWR/Christian Koch (S2+), SWR Presse/Bildkommunikation, Baden-Baden, Tel: 07221/929-24429, foto@swr.de)

"Zwei Minuten": Die Kolumne zum Wochenende

Meinung: Viel Besuch, viel anstrengend

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Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist Reiseziel wichtiger und weniger wichtiger Menschen geworden. Wie schafft das der ukrainische Präsident bloß, fragt sich Constance Schirra in unserer Wochenend-Kolumne.

Also, wenn ich jetzt Besuch bekomme, Tante Elfriede aus Duisburg zum Beispiel, dann putze ich erstmal die ganze Wohnung, picobello, backe Kuchen, beziehe das Gästebett, ziehe mich adrett an, lasse alles stehen und liegen und widme meine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich Tante Elfriede. Und wenn sich kurz nach Tante Elfriede meine alte Schulfreundin aus Köln ankündigt, der ehemalige Kollege aus Paris anreist und mein Cousin einen kurzen Zwischenstopp bei mir einlegt, dann… rast es in meinem Kopf und ich kann nicht mehr klar denken und es hämmert immer nur: Ich habe zu tun, lasst mich doch alle in Ruhe, weil ICH finde: Viel Besuch, viel anstrengend.

Die Kolumne von Constance Schirra können Sie hier auch als Audio hören:

Deshalb frage ich mich: Wie schafft das der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj? Der Mann ist im Krieg! Der muss Raketen abwehren, Bataillone kommandieren, telefonieren und telegrafieren, und trotzdem hat er immer Zeit für seine Besucher! Wer da schon alles war! Regierungschefs aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Minister aus den USA, der UN-Generalsekretär, die halbe EU-Kommission, der Kanzler aus Österreich… nur mit den Deutschen gab’s Trouble.

"Überraschung in Kiew"

Aber jetzt, diese Woche: Der deutsche Oppositionsführer reist an! Friedrich Merz! Mensch, das wurde aber auch Zeit! Eben erst ist der CDU-Chef in Kiew aus dem Schlafwagen gekrabbelt, da titelt das Blatt für Intellektuelle Leute in Deutschland, kurz BILD, auch schon: Überraschung in Kiew! Und da schüttelt dieser wichtige deutsche Mann doch tatsächlich die Hand des ukrainischen Präsidenten, Corona ist ja rum. Wahnsinn!

Merz ist Erster!

Selenskyj hat Merz empfangen! Nicht der deutsche Präsident… nicht der deutsche Bundeskanzler… Nein, Merz ist Erster! Der Erste, der die Hand des Helden halten darf! Ob er sie je wieder wäscht? Und aus den Augen des CDU-Chefs strahlt: Ätsch! Nein, natürlich nicht Ätsch, sondern aus seinen Augen strahlt: Bewunderung, Mitgefühl, Solidarität, denn das ist es ja, was er der Ukraine mit seinem Besuch zeigen will. Bis in die ukrainischen Bunker soll das Signal dringen, bis in die besuchsfreie Kreml-Kammer des russischen Präsidenten… seht her: Der große Friedrich ist solidarisch mit der Ukraine!

Die SPD behauptet ja, Merz besuche die Ukraine nur aus parteipolitischem Kalkül, weil Landtagswahlen sind. Bah! Bösartiges Pack, diese SPD! Der Merz ist einfach nur wie alle. Und Alle fahren gerade zu Selenskyj nach Kiew. Lassen sich mit ihm fotografieren, versichern ihm ihre Solidarität, fahren wieder nach Hause, ringen weiter darum, was zu tun ist, um diesen erbärmlichen Krieg zu beenden. Und wissen keine Antwort darauf.

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