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Wirtschaftsspionage durch die USA Von "Freunden" ausgespäht

Die Spionage durch den US-Geheimdienst NSA ist ein offenes Geheimnis. Doch sind auch deutsche Unternehmen ins Visier der Amerikaner geraten? Betreiben diese gar gezielt Wirtschaftsspionage? "Ja", sagt der Informant Snowden und nennt ein konkretes Beispiel.

US-Präsident Barack Obama (l) schaut am 23.03.2012 mit einem Fernglas in der demilitarisierten Zone (DMZ) in  Panmunjom (Südkorea) in Richtung Nordkorea.

Freund liest mit? Laut Snowden trägt US-Präsident Obama allein die Verantwortung für die NSA und damit auch für deren Spionageaktivitäten bei deutschen Unternehmen.

Fragen an SWR-Wirtschaftsredakteur Alfred Schmit:

Haben die USA Industriespionage überhaupt nötig?

Ja, denn wer weiß, was die Konkurrenz plant, ist einfach im Vorteil, auch wenn es in diesem Fall ein unfairer Vorteil ist. Unfair deshalb, weil der amerikanische Geheimdienst NSA mit staatlicher Erlaubnis die Datennetze anderer Länder (und Unternehmen) ausspioniert. Aber die Deutschen haben diese staatliche Erlaubnis zur Wirtschaftsspionage nicht. Die Amerikaner begründen das Ausspionieren der anderen immer damit, dass es dabei um die Sicherheit der USA gehen soll - selbst dann, wenn es eigentlich "befreundete" Länder sind - wie Deutschland.

Eine Hand greift am 01.07.2013 in Hannover in einen Serverschrank mit Netzwerkkabeln.

Die deutsche Wirtschaft ist eine der wissensintensivsten weltweit. Das weckt Begehrlichkeiten der Konkurrenz - womöglich auch von "befreundeten" Staaten wie etwa den USA

Dem BND, also dem deutschen Auslandsgeheimdienst, ist es hingegen gesetzlich verboten, Wirtschaftsspionage zu betreiben. Da sind die Deutschen klar im Nachteil. Wenn es aber um eine Partnerschaft geht, wie die von Opel und dem amerikanischen Mutterkonzern GM, dann ist Spionage nur sehr bedingt ein Thema, denn da gibt es ja einen regelmäßigen Austausch von Daten. Kritisch wird es erst, wenn andere Firmen betroffen sind, die ihre Daten lieber bei sich daheim in Deutschland behalten wollen.

Welche Firmen spionieren die Amerikaner am liebsten in Deutschland aus?

Ein Beispiel wäre der Luft- und Raumfahrt-Konzern EADS. Da geht es unter anderem etwa um Raketen-Technik, eine sehr teure und spezialisierte Art der Forschung. Und wenn man die Arbeitsergebnisse, die große Teams über Jahre entwickeln, mit ein paar Klicks abgreifen kann, dann spart man sich natürlich selbst Millionen. Das Geld muss ein spionierendes Land schon nicht mehr selbst ausgeben. Nun gibt es bei EADS natürlich strikte Regeln - viele Mitarbeiter dürfen generell gar nicht ins Internet - die sind sich natürlich solcher Gefahren auch bewusst und haben die Abwehr aufgestellt, aber das war ja auch nur ein Beispiel. Mittelständler, gerade in Südwestdeutschland, die sehr oft sehr hochwertige Technik entwickeln und in ihren hochspezialisierten Bereichen dann Weltmarktführer sind ("Hidden Champions"), sind ebenso ein interessantes Ziel für Wirtschaftsspionage.

Ein Netzwerkkabel ist am 27.11.2013 vor einem Schaltplan in Köln (Nordrhein-Westfalen) zu sehen.

Gerade kleinere und mittlere Unternehmen unterschätzen, nach Darstellung von IT-Sicherheitsexperten, das wachsende Risiko der Wirtschaftsspionage - etwa über das Internet

"Hidden Champions im Visier ausländischer Geheimdienste"

Das muss kein Großkonzern wie BASF oder Daimler sein. Generell gilt: Wo hochwertig geforscht wird, ist es interessant. Aber auch, wo Neues erfunden wird und wo Märkte analysiert werden. Alles, wofür eine Firma viel Geld bezahlt, ist auch für die Konkurrenz wertvoll. Die Konkurrenz kann heute zwar überall auf der Welt sitzen, doch man muss auch sehen: Amerikanische Firmen beherrschen einen Großteil des Marktes für Netz-Ausrüstung. Server, Leitungen, die Rechner selbst, und natürlich Computerprogramme, also die Software. Das Alles kommt sehr oft aus Amerika. Und da liegt es nahe anzunehmen, dass der Zugriff amerikanischer Behörden dadurch erleichtert wird.

Wirtschaftsspionage in Deutschland

Die Spionage des US-Geheimdienstes NSA ist ein offenes Geheimnis - nun nennt der Informant Edward Snowden in einem Interview mit dem NDR ein konkretes Beispiel für Deutschland. "Wenn es etwa bei Siemens Informationen gibt, die dem nationalen Interesse der Vereinigten Staaten nutzen - aber nichts mit der nationalen Sicherheit zu tun haben - dann nehmen sie sich diese Informationen trotzdem", sagte Snowden in seinem ersten Fernsehinterview seit der Flucht nach Russland. Auf bis zu 50 Milliarden Euro Schadenssumme, die deutschen Unternehmen durch Wirtschaftsspionage Jahr für Jahr entstehen soll, hat sie etwa der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, beziffert. Dabei hat er - bislang - vor allem "den Osten" als Hauptakteur für illegale Ausspähversuche ausgemacht: also die Volksrepublik China und die Nachrichtendienste der Russischen Föderation.

Portrait von Edward Snowden aus einem Videofilm von Juni 2013

Der NSA-Whistleblower Snowden geht davon aus, dass die USA auch Wirtschaftsspionage betreiben.

US-Präsident Obama hat angekündigt, die Spionage der NSA einzuschränken. Sind das nur leere Worte?

Meiner Meinung nach war das ein großer Anteil leerer Worte. Auch das Interview, das Obama dem deutschen Fernsehen gegeben hat, fand ich in erster Linie eine Art Beruhigungspille. Da sollten wir alle mal sehen: Die mögen uns Deutsche ja immer noch gerne, die Amerikaner sind unsere Freunde. Und das stimmt ja auch. Aber beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf.

"Beim Geld hört die Freundschaft auf"

Wenn man sich überlegt, dass durch Industrie-Spionage jedes Jahr Milliarden-Schäden für die deutsche Wirtschaft entstehen, dann kann man dem freundlichen Lächeln von Präsident Obama eigentlich nicht mehr so ganz glauben, das ist meine Meinung. Obama hat natürlich ein Interesse daran, gute Beziehungen nach Deutschland zu haben. Wenn er versprochen hat, dass das Handy von Angela Merkel nicht mehr abgehört wird, jedenfalls solange er selbst der Präsident ist, dann mag man ihm das auch glauben. Aber das Vertrauen, das wir in ein befreundetes Land wie Amerika haben, ist schon angekratzt. Und das kann man mit einer Rede und einem Präsidenten-Interview auch nicht so schnell wieder herstellen.