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Junge unbekümmerte Partytouristen und Reiserückkehrer vom Balkan: Das RKI gibt Hinweise, warum die Fallzahlen in Deutschland ansteigen. Unsere Analyse ordnet die bisherigen Erkenntnisse ein.

In Deutschland stecken sich wieder mehr Menschen mit dem Coronavirus an. Die gemeldeten Fallzahlen steigen mittlerweile die vierte Woche in Folge kontinuierlich an. Die Ursachen sind nicht einfach auszumachen. Das Robert Koch - Institut (RKI) wagt im Situationsbericht vom 18. August 2020 eine erste Auswertung der vorliegenden Daten. Demnach zeigen die aktuellen Fälle folgende Zusammenhänge:

  1. Vermehrt infizieren sich Jüngere zwischen 15 und 34 Jahren.
  2. Fast 3.000 Neuinfektionen in der vergangenen Woche wurden aus dem Ausland eingeschleppt. Das waren ca. 39 Prozent.
  3. Viele junge Reiserückkehrer tragen die Infektionen ins Land.
  4. Ansteckungen im Kosovo, der Türkei und Kroatien bilden bislang die größte Gruppe infizierter Rückkehrer.

Weitere Muster, wie und wo es zu Ansteckungen kommt, sind aus den Daten schwierig zu ziehen. Das liegt an der Art, wie die Infektionsfälle dokumentiert werden.

Viele Junge – flächendeckende Ausbreitung

Mittlerweile haben sich die Neuinfektionen wieder auf fast ganz Deutschland ausgeweitet. Knapp 400 Landkreise mussten in den vergangenen sieben Tagen Neuinfektionen registrieren. Nur noch in einem guten Dutzend Landkreise gibt es keine Neuinfektionen.

Laut RKI-Lagebericht ist zudem ein Anstieg von Neuinfektionen in der Altergruppe der 15- bis 34-Jährigen auffällig. Das Durchschnittsalter aller Neuinfizierten ist von rund 52 Jahren auf dem Höhepunkt der ersten Welle (15. Kalenderwoche) auf mittlerweile 32 Jahre (33. Kalenderwoche) gesunken. Auch unter Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 14 Jahren ist die Inzidenz, also die Fallzahl gemessen an der Größe dieser Bevölkerungsgruppe, stark gestiegen.

Weniger Covid-19-Erkrankte im Krankenhaus

Durch die starke Ausbreitung in der jüngeren Altersgruppe sinkt auch der Anteil der "Hospitalisierten" auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Epidemie. Also immer weniger Infizierte erkranken so schwer, dass sie auch im Krankenhaus behandelt werden müssen. Nur noch rund 6 Prozent aller gemeldeten Infizierten waren in der vergangenen Kalenderwoche in stationärer Behandlung. Zum Vergleich: Während der Hochphase der ersten Welle waren es zeitweise 22 Prozent.

Anteil der Reiserückkehrer jetzt bei 39%

Unter den Neuinfizierten sind in den vergangenen Wochen zunehmend Reiserückkehrer. Nach Auswertung des RKI ist der Anteil in der 33. Kalenderwoche auf rund 39 Prozent aller neu gemeldeten Fälle angestiegen. Das entspricht knapp 3.000 der insgesamt rund 7.700 gemeldeten Neuinfektionen der vergangenen Woche.

Das RKI schreibt dazu im Lagebericht weiter:

"Bei der Betrachtung der unterschiedlichen Altersgruppen fällt auf, dass unter den Fällen mit Angabe Kosovo und Türkei eher Kinder und Personen mittleren Alters betroffen sind, was auf mögliche Reisen im Familienverbund hinweist. Hingegen sind bei den Fällen mit wahrscheinlichem Infektionsland Spanien und Kroatien eher Personen zwischen 20-24 Jahren betroffen, was wiederum eher auf Vergnügungstourismus hindeutet."

RKI-Situationsbericht vom 18. August 2020

Das RKI liefert also weitere Indizien dafür, dass jüngere Urlauber offenbar unbekümmert in Länder wie Spanien oder Kroatien fahren, sich dort anstecken und das Virus mit zurück nach Deutschland bringen. Insofern überrascht es nicht, dass Gesundheitsminister Jens Spahn Partys und Jüngere sehr deutlich als Verursacher des aktuellen Anstiegs brandmarkt. Offenbar spielen auch Rückkehrer vom Balkan und der Türkei eine wesentliche Rolle bei der Weiterverbreitung.

Mehr Tests - Teststrategie hat sich geändert

Ein Zusammenhang zwischen der Steigerung der Tests und dem aktuellen Anstieg der Neuinfektionen besteht offenbar nicht. Denn die Testungen wurden bereits seit rund 10 Wochen noch einmal sehr stark ausgeweitet, während die positiven Befunde erst seit ca. vier Wochen wieder stark ansteigen.

In diesem Zeitraum war auch die Anzahl der Positivgetesteten wesentlich stärker angestiegen als die Anzahl der Test. Das schlägt sich auch in der Steigerung der Positivrate nieder. Der Unterschied zur "ersten Welle" liegt in der Teststrategie: Bis vor wenigen Wochen wurden Symptomlose in der Regel nicht getestet und daher nicht entdeckt. Insbesondere durch die Tests bei Reiserückkehrern jungen Alters, werden vermutlich zahlreiche asymptomatische Infizierte nun durch zusätzliche Tests entdeckt.

Ausführliche Informationen, warum die Test-Ausweitung nicht die Ursache für die deutlich gestiegenen Fallzahlen ist, gibt es hier bei BR24.

Massentests begrenzt einsetzbar

In der Regel sind die PCR-Testungen sehr genau. Mehrere Untersuchungen deutscher Labore und Universitäten haben die Treffsicherheit dieser Testart bestätigt. Gleichzeitig können die Tests nicht beliebig ausgedehnt werden. Denn je mehr Menschen getestet werden, die gar kein tatsächliches Ansteckungsrisiko hatten ("Prävalenz"), desto höher steigt die Anzahl der falsch positiven Ergebnisse. Das erklärt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auch hier im Interview beim "ARD Nachbericht aus Berlin" (Youtube). Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, die Tests auf alle Reiserückkehrer auszuweiten und es sollten sich vorwiegend Rückkehrer aus Risikogebieten mit einem stark erhöhten Infektionsgeschehen testen lassen. Im gegenwärtigen Geschehen ist es relativ unwahrscheinlich, dass diese Befunde eine signifikante Größe ausmachen. Modelle, die mit einer niedrigen Prävalenz rechnen, ergeben extrem hohe Fallzahlen mit mehreren Tausenden Fällen. Das ist nicht der Fall. Statt dessen zeigt sich eine leicht erhöhte Positivrate bei Reiserückkehrern im Vergleich zur Gesamtzahl aller Tests. So waren laut einer Abfrage des RKI in Reiserückkehrer-Zentren rund 1,5 Prozent aller Proben positiv. An bayerischen Autobahnraststätten lag die Positivrate bei 2,2 Prozent. Über die Reiseziele der hier getesteten Einreisenden ist nichts bekannt.

Wahrscheinlichste Situationen für Ansteckung weiter unbekannt

Seit Monaten ist das öffentliche Leben massiv eingeschränkt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich erneut gegen Lockerungen der Corona-Regeln ausgesprochen. Und auch Gesundheitsminister Jens Spahn plädierte in dieser Woche dafür, die strengen Regeln zum Beispiel beim Feiern beizubehalten:

"Feierlichkeiten, Veranstaltungen - dort überträgt es sich sehr, sehr schnell. Deswegen finde ich, müssen wir mit den Ländern nochmal schauen: Was sind die Grenzen, was sind die Regeln für die Größen von Veranstaltungen."

Gesundheitsminister Jens Spahn im ZDF-Interview am 17.8.2020

Falldokumentation der Gesundheitsbehörden weiter dürftig

Natürlich gibt es mittlerweile sehr viele wissenschaftliche Forschungen, die zum Beispiel die Rolle von Aerosolen bei der Ansteckung in geschlossenen Räumen beschreiben. Deshalb ist es nicht aus der Luft gegriffen, Feiern und Veranstaltungen mit vielen Gästen ein hohes Verbreitungsrisiko zuzuschreiben. Aus den epidemiologischen Daten des RKI lassen sich diese Zusammenhänge aber nicht ableiten. Denn die Gesundheitsämter dokumentieren immer noch nicht ausreichend, in welchem Kontext Ansteckungen stattfinden. Gesundheitsbehörden, Forscher und Epidemiologen erhalten damit aus diesen Daten keinerlei Erkenntnisse darüber, was häufige Umstände sind, unter denen das Virus weitergeben wird.

Ursachenforschung Fehlanzeige?

Bei der Ursachenforschung für die Ausbreitung trotz aller Gegenmaßnahmen tappen Politik und Gesundheitsbehörden deshalb weiter im Dunkeln. Auf Nachfrage des SWR, in welchem Kontext die gestiegenen Neuinfektionen (in Rheinland-Pfalz) entdeckt wurden, antwortet das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium dem SWR: Eine statistische Erhebung liege nicht vor, aber man sei der Ansicht, dass der aktuelle Anstieg an Infektionsfällen das Ergebnis mehrerer Effekte sei:

„Zum einen können anhand der Daten klar Fälle mit Infektionsort im Ausland ermittelt werden sowie mit diesen im Zusammenhang stehende Kontaktpersonen. Diese alleine genügen jedoch nicht, die Zunahme zu erklären. Somit müssen andere Effekte, wie beispielsweise der Inlandstourismus und der Effekt eines allgemein geringeren Beachtens von Abstands- und Hygieneregeln eine Rolle spielen.“

Sozialministerium Rheinland-Pfalz, 14.8.2020

Belege für die Thesen wie der „Abstands-, Hygiene- und Alltagsmasken-Müdigkeit“ oder die Ursache Tourismus kann das Ministerium aber nicht vorlegen. Solche Daten könnten aber gerade hilfreich sein, wenn die Politik über die Verlängerung von Beschränkungen und Verboten entscheiden muss. Wenn ersichtlich wäre, wie häufig sich junge Menschen in der Schule oder auf einer Party anstecken, hätte das sicherlich gewichtigen Einfluss auf die Frage, ob Schulschließungen oder Partyverbote ein verhältnismäßiges Mittel zur Bekämpfung der Epidemie sind.

Software-Update für bessere Daten

Wohl erst in zwei bis drei Wochen will das RKI ein weiteres Software-Update an die Gesundheitsämter ausrollen. Dann könnten solche Merkmale und Kategorien für jeden Infektionsfall angelegt werden. Wenn dann sehr viele Fälle sorgfältig dokumentiert sind, könnten die Landesgesundheitsämter und das RKI vielleicht in Zukunft die wahrscheinlichsten Umstände für eine Ansteckung zeitnah analysieren. Aber das wird wie schon in der ersten Infektionswelle davon abhängen, ob die Gesundheitsämter mit der Falldokumentation hinterherkommen. Schon in der ersten Welle der Epidemie wurden viele Neuinfektionen dürftig dokumentiert. Die Daten waren im Nachhinein kaum zu gebrauchen, um Zusammenhänge zu entdecken.

Ausreichend Personal für Falldokumentation?

Bislang konzentrieren sich die Gesundheitsämter vor allem darauf, Infektionsfälle nachzuverfolgen, Menschen in Quarantäne zu schicken, positiv Getestete aus dem Verkehr zu ziehen und so zur Eindämmung beizutragen. Die personelle und technische Ausstattung reicht häufig immer noch nicht aus, um Zusammenhänge jeder Ansteckung sorgfältig zu recherchieren und zu dokumentieren. Dadurch fehlen wichtige Daten, um die Ursachen für die Verbreitung des Virus ergründen zu können. In der Folge wird die Politik im Herbst Entscheidungen über Verbote und Einschränkungen im öffentlichen Leben erneut ohne valide Entscheidungsgrundlagen treffen müssen.

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