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Die Europäische Chemieagentur und die Tattoo-Szene streiten, ob einige Tätowierfarben verboten werden sollen, weil sie möglicherweise krebserregend sind. Aber was steckt eigentlich in Tattoo-Farben? Und was ist daran schädlich?

Beim Tätowieren wird Farbe mit einer Nadel etwa 1,55 Millimeter tief in die Haut gestochen. Die Farbe gelangt dadurch in die zweite Hautschicht, die Dermis. Während die obere Hautschicht, die Epidermis, sich regelmäßig ablöst und erneuert, ist das bei der Dermis nicht der Fall. Deswegen bleiben Tätowierungen für immer - es sei denn, man lässt sie entfernen.

Pigmente, Lösungsmittel, Konservierungsstoffe: Das steckt in Tätowierfarben

"Die Farben sind generell industrielle Pigmente und sind nicht dafür hergestellt worden, in den Körper eingestochen werden", sagt Prof. Wolfgang Bäumer von der Uniklinik Regensburg im SWR. Die Farbe, die beim Tätowieren verwendet wird, hat in der Regel drei Hauptbestandteile:

  1. Schwarze oder bunte Farbpigmente
  2. Lösungs- oder Dispergiermittel wie Wasser oder Alkohol, in dem sich die Pigmente lösen
  3. Weitere Beimischungen wie Konservierungs- oder Verdickungsmittel

Kleine Kügelchen aus Farbpigmenten setzen sich nach der Tätowierung in der Dermis fest. Die zusätzlichen Stoffe der Farbe transportiert der Körper weiter. Sie können sich an unterschiedlichsten Stellen im Körper ablagern.

"Einmal in die Haut eingestochen, wandern die Pigmente mindestens in die Lymphknoten. Sie tauchen auch in der Leber und in der Niere auf - der Körper versucht, sie wieder auszuscheiden, und färbt dabei verschiedene Organe mit ein."

Prof. Wolfgang Bäumler, Uniklinik Regensburg
Ein Tätowierer sticht ein buntes Motiv (Foto: Imago, imago images / ITAR-TASS)
Bunte Tattoos wie dieses könnten in Zukunft schwerer zu machen sein. Denn die Europäische Chemieagentur möchte zwei Grün- und Blautöne als Tätowierfarben verbieten lassen, die derzeit die Basis für viele weitere Farben sind. Imago imago images / ITAR-TASS

Darum können Tattoo-Farben gefährlich sein

Problematisch an den Tätowierfarben im Körper sind mehrere Aspekte:

  1. Die Beimischungen: Unter den verwendeten Konservierungsmitteln finden sich immer wieder Stoffe, auf die einige Menschen allergisch reagieren - oder auch erst nach der Tätowierung eine Allergie entwickeln. Einige Tattoo-Farben enthalten beispielsweise Nickel, ein Metall, gegen das viele Menschen allergisch sind.
  2. Verunreinigungen: Die Farbpigmente, die in Tätowierfarben verwendet werden, wurden nicht speziell für diesen Zweck hergestellt. Es sind dieselben, die beispielsweise in Kosmetikprodukten wie Lidschatten, aber auch in Autolacken eingesetzt werden. Die Reinheitsstandards, die bei der Herstellung angelegt werden, sind deshalb nicht unbedingt so streng, wie man sich das für ein Produkt wünschen würde, das unter die Haut gespritzt werden soll. Deshalb finden sich in Tätowierfarben immer wieder Verunreinigungen mit möglicherweise gesundheitsschädlichen Auswirkungen.
  3. Die Pigmente selbst: Auch einige der eingesetzten Farbpigmente selbst stehen unter Verdacht, der Gesundheit zu schaden. Bei den beiden Farben, die jetzt verboten werden sollen, vermutet beispielsweise die Europäische Chemikalienagentur, dass sie Blasenkrebs verursachen. Weil es zu Tätowierfarben aber noch zu wenige Studien gibt, sind diese Vermutungen bislang nicht zweifelsfrei belegt.

Sichere Farben gibt es nicht - aber Warnlisten

Am praktischsten für alle, die sich tätowieren lassen möchten, wäre eine Positivliste, auf der alle Farben gelistet sind, die bedenkenlos verwendet werden können. So eine Liste gibt es derzeit aber nicht, weil die Auswirkungen von Tätowierfarben nicht wirklich bekannt sind. Viele Farbpigmente wurden zwar beispielsweise daraufhin untersucht, ob man sie auf die Haut auftragen kann. Was aber passiert, wenn man sie unter die Haut spritzt, ist in der Regel nicht erforscht - vor allem nicht auf lange Zeit. Dass eine bestimmte Farbe für die Gesundheit unbedenklich ist, lässt sich deshalb einfach nicht sagen.

Auch Experte Bäumler rechnet nicht mit Positiv-Liste

Dass es jemals eine Positiv-Liste mit bedenkenlos nutzbaren Pigmenten geben könnte, glaubt Professor Wolfgang Bäumler von der Uni Regensburg nicht: "Das ist sehr aufwändig. Man müsste ähnlich wie bei Medikamenten die entsprechenden Untersuchungen machen, müsste sich angucken: Was könnte passieren?" Derjenige, der die positiv getesteten Farben verkauft, müsse dann auch die Verantwortung übernehmen. Finanziell wären diese Schritte kaum tragbar, so Bäumler weiter.

Eine kleine Orientierung, welche Farben man auf keinen Fall benutzen sollte, gibt aber das Portal "Safety Gate" der EU-Kommission. Hier werden Produktwarnungen gesammelt, sodass Verbraucherinnen und Verbraucher nach Tätowierfarben suchen können, für die es in den letzten Jahren Warnungen gab.

Lasern senkt Gesundheitsrisikos von Tattoos nicht

Eine gängige Methode, um ein Tattoo wieder zu entfernen, ist das Lasern. Dabei dringt ein Lichtimpuls zwei bis drei Millimeter tief in die Haut ein. Die Farbpigmente absorbieren die Energie aus dem Licht und zerplatzen dadurch. Das Tattoo verschwindet also durch das Lasern nicht einfach, sondern es wird in kleine Stückchen zerteilt, die der Körper abtransportieren muss. Während Farbpigmente bei einem intakten Tattoo größtenteils an ihrem Platz sind, wandern die zerkleinerten Pigmente nach dem Lasern also erst recht durch den Organismus.

Dazu kommt, dass durch das Lasern nicht nur zerkleinerte Pigmente, sondern zum Teil auch Spaltprodukte entstehen, also komplett neue Stoffe. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich beim Lasern auch krebserregende Substanzen bilden können. Gesundheitliche Risiken, die durch die Tätowierfarbe entstehen, werden durch das Lasern also nicht abgemildert, sondern eventuell sogar verschlimmert.

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