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Am Samstag und Sonntag wird wieder verhandelt. 4,8 Prozent mehr Lohn fordern die Gewerkschaften, die Arbeitgeber lehnen das ab. Diese Argumente beider Seiten sollten Sie kennen.

Der Shutdown im Frühjahr hat sie sichtbarer gemacht: die "Systemrelevanz" von Pflegern, Krankenschwestern, Müllleuten, Erzieherinnen und Erziehern. Als "Helden des Alltags" wurden sie in der Corona-Krise beklatscht – und sollen auch entsprechend entlohnt werden, finden die Gewerkschaften.

4,8 Prozent mehr Geld und weniger Arbeitsstunden fordern sie in der aktuellen Tarifrunde für die 2,4 Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst der Kommunen und des Bundes. Für die Arbeitgeber ist das völlig überzogen, sie verweisen auf die Finanzlage der Kommunen zwischen wegbrechenden Steuereinnahmen und Pandemie-Mehrkosten.

Was sind die Knackpunkte in den Verhandlungen?

Neben der Kernforderung der Gewerkschaften von 4,8 Prozent mehr Lohn soll es mindestens 150 Euro mehr für alle Beschäftigten geben. Die Gewerkschaft glaubt, das müsse für die Arbeitgeber zu leisten sein. So sagt Verhandlungsführer Frank Werneke von Verdi, der Bund und die Kommunen seien zwar finanziell durch die Corona-Krise belastet, zum Beispiel durch Gewerbesteuerausfälle. Bund und Länder würden das aber ausgleichen.

Niklas Benrath, für die Arbeitgeber mit am Verhandlungstisch, hält dagegen, Ausgleichszahlungen seien bisher nur für das laufende Jahr angekündigt. Die finanzielle Lage der Kommunen sei schwierig. Fakt sei, dass jedes Prozent an Lohnerhöhung die Arbeitgeber 1,1 Milliarden Euro koste. Die Forderung nach einem Mindestbetrag von 150 Euro mehr pro Monat bedeute in unteren Entgeltgruppen eine Erhöhung von bis zu 7,8 Prozent. Das sei zu viel. Dazu kämen Sonderforderungen der Gewerkschaften etwa nach Entlastung der Beschäftigten. Ein freier Tag koste die Arbeitgeber 500 Millionen Euro.

"Irgendwann gab es mal eine E-Mail, als kleines Dankeschön. Das war wirklich ein bisschen wenig, da haben wir von den Eltern mehr Anerkennung bekommen."

Jacqueline Störtz, Erzieherin in einer Kommunalen Kindertagesstätte

Welche Rolle spielt Wertschätzung für die viel beklatschten systemrelevanten Berufe in den Gesprächen?

Arbeitgeber-Vertreter Benrath sagt, Wertschätzung sei unheimlich wichtig. Man könne die Rahmenbedingungen aber nicht ignorieren: die schlimmste Rezession seit Gründung der Bundesrepublik. Es gebe im Öffentlichen Dienst sichere Arbeitsplätze mit attraktiven Arbeitsbedingungen und Gehältern. Außerdem seien nicht alle der 2,4 Millionen Beschäftigten durch die Corona-Krise über die Maßen belastet – selbst in einigen Krankenhäusern, wo etwa viele Operationen abgesagt worden waren. Es gebe Regionen und Arbeitsplätze, in denen deutlich weniger gearbeitet worden sei. Auch Erzieherinnen und Erzieher seien teils über Monate freigestellt worden, bei kompletter Bezahlung.

Die Gewerkschaften sind überzeugt, viele der Beschäftigten seien "Corona-Helden" und müssten an der allgemeinen Lohnentwicklung teilhaben. Zudem werde im Öffentlichen Dienst ohnehin wesentlich schlechter bezahlt als in vielen Teilen der Privatwirtschaft. Das gelte nicht nur für Kitas und Krankenhäuser, sondern auch für breite Teile der Kommunalverwaltung. Besondere Aufmerksamkeit müsse in den Tarifverhandlungen den Beschäftigten im Gesundheitswesen und der Pflege zukommen.

"Wenn Sie mal zwei Stunden in Vollmontur arbeiten, sie haben ihre normale Dienstkleidung an, sie haben Schutzkleidung an, sie haben eine spezielle Maske, also das ist extrem belastend […]. Sie sind nass geschwitzt und das macht kaputt."

Anonym, Krankenschwester in einem kommunalen Krankenhaus

Während Tarifverhandlungen können Streiks drohen – Beschäftigte etwa in der Krankenpflege werden in Corona-Zeiten aber dringend gebraucht. Warum wurden die Verhandlungen nicht verschoben?

Verdi-Verhandlungsführer Werneke sagt, die Gewerkschaften hätten angeboten, die Gespräche zu verschieben. Die Arbeitgeber hätten das nicht gewollt. Sie hofften vielleicht, die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst würden sich klein machen – dies werde aber nicht passieren. Sollte es zu Streiks kommen trotz einer angespannten Corona-Situation, liege die Verantwortung für die Folgen bei den Arbeitgebern.

Niklas Benrath von der Arbeitgeber-Seite weist das zurück und sagt dazu, die Gewerkschaften hätten eine Verschiebung der Tarifverhandlungen an inakzeptable Bedingungen geknüpft. So hätten sie pauschal eine zu hohe Einmalzahlung von 1.500 Euro für alle Beschäftigten gefordert. Verhandlungen seien aber auch in Krisenzeiten möglich – das habe sich schon während der Wirtschaftskrise 2008/2009 gezeigt, und auch in Corona-Zeiten habe es Abschlüsse etwa auf dem Bau und bei der Bahn gegeben.

"Du weißt genau, du kannst dich anstecken. Die Krankheit kann human verlaufen, aber auch lebensbedrohlich sein. Das hat man im Kopf und dadurch die gewisse Angst."

Necati Karaali, Busfahrer

SWR2 Geld, Markt, Meinung Kohle statt Klatschen – Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst in Corona-Zeiten

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