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Tag der deutschen Einheit. Ein Kommentar

Wo sind die Ossis denn?

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Auch nach 30 Jahren sind Ostdeutsche in Führungspositionen immer noch Exoten. Das führt dazu, dass sie im "vereinten Deutschland" nicht viel zu sagen haben, meint Stefan Giese.

Vor 30 Jahren hat ein Staat einen anderen übernommen, ist dadurch größer und (eher unfreiwillig) auch ein bisschen anders geworden. Wir haben uns angewöhnt, diese Übernahme "Vereinigung" zu nennen. Am Samstag, dem "Tag der deutschen Einheit", wird es dazu die erwartbaren Reden geben, in denen die Wörter "historisch", "gelungen" und "Glücksfall" ganz sicher nicht fehlen werden.

Der Historiker Marcus Bröick zieht Bilanz: 30 Jahre Einheit:  

Ebenso erwartbar ist der Umstand, dass die (Ex-)Bürger des geschluckten Staates auch weiterhin nicht viel zu sagen haben. Sie sind in den Führungsetagen von Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Medien und Wissenschaft auch nach drei Jahrzehnten so selten zu finden, dass selbst der Begriff "Exoten" die Lage beschönigt. So haben nach Auskunft der Bundesregierung von den 133 Abteilungsleitern in den Bundeministerien genau vier eine Ostbiografie. Im 18-köpfigen Bundeskabinett weisen immerhin zwei Mitglieder einen Ostbezug auf: Angela Merkel und Franziska Giffey. Von den 81 Unis in Deutschland wird eine einzige von einem "Ossi" geleitet. Es gibt keinen ostdeutschen Chef eines Dax-Unternehmens oder einen ostdeutschen Gerichtspräsidenten. Oder, oder, oder.

Auch in den ostdeutschen Bundesländern selbst haben die Damen und Herren in den Führungspositionen – laut einer Studie der Uni Leipzig – vor allem eine Gemeinsamkeit: Sie kommen aus dem Westen. Das war in den ersten Jahren nach der Überwindung der SED-Diktatur unvermeidlich, schließlich waren die alten Ost-Eliten überwiegend belastet oder schlicht in der neuen Zeit nicht zu gebrauchen. Heute allerdings, nach drei Jahrzehnten, ist dieser Zustand inakzeptabel.

Ostdeutsche Stimmen fehlen

Er führt dazu, dass die spezifisch ostdeutsche Perspektive, die nicht zuletzt dadurch geprägt ist, ein System überwunden und mit einem komplett anderen irgendwie klargekommen zu sein, in Gesamtdeutschland nicht wahrnehmbar ist. Es fehlen kraftvolle ostdeutsche Stimmen und Repräsentanten in hohen Positionen. Viele Ostdeutsche fühlen sich fremdbestimmt und fremdeln darum mit den angeblich gesamtdeutschen, in Wirklichkeit aber zutiefst westdeutsch geprägten "Stützen der Gesellschaft" wie Parteien, Kirchen, Sportverbänden oder (öffentlich-rechtlichen) Medien.

Hier liegt ein Grund für den Erfolg von Parteien und Medien in Ostdeutschland, die sich selbst "alternativ" nennen und sich dran gemacht haben, den größer gewordenen Staat in ihrem Sinne zu verändern. Ich bin gespannt, ob wir davon in den Reden am Samstag auch etwas hören werden.

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