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Unsere Straßenverkehrsordnung ist wegen Formfehlern im Moment wohl ungültig. Für die beteiligten Juristen ist das peinlich - für uns aber schafft das schöne Freiräume, meint Jan Seidel.

Viele Autofahrer sind derzeit verunsichert. Juristen haben herausgefunden, dass andere Juristen beim Überarbeiten der Straßenverkehrsordnung wahrscheinlich Fehler gemacht haben – und das könnte dazu führen, dass die aktuellen Vorschriften ungültig sind. Und je nachdem, welchen Juristen man jetzt fragt, gelten deshalb wieder die Regeln von 2007. Oder von 1990. Oder von 1970.

Die Kolumne von Jan Seidel können Sie hier auch als Audio hören:

Das dürfte einer der Gründe sein, warum die Menschen Juristen so gerne mögen: Sie wirken oft wahnsinnig professionell, sind aber eigentlich wie wir, nur oft besser gekleidet: Sie leben nach klaren Regeln – so wie wir, sie können diese Regeln eloquent erklären und vertreten – oft besser als wir, aber wenn es eine Störung im System gibt, sind sie genauso verwirrt wie wir, aber immer noch gut gekleidet.

Für Autofahrer ergibt sich aus der Unklarheit bei der Straßenverkehrsordnung ein charmanter Zustand der Mikro-Anarchie: Weil niemand weiß, welche Regeln im Moment gelten, haben wir viel Spielraum für eigene Interpretation und können einfach mal die Grenzen austesten – und das alles, ohne dass gleich der Staat in seinen Grundfesten erschüttert wäre.

Ungeschriebene Gesetze des Straßenverkehrs

Nach meiner Beobachtung halten sich die meisten Autofahrer auch weiter vor allem an die ungeschriebenen Gesetze im Straßenverkehr: Audi- und BMW-Kombi-Fahrer nutzen vor allem die linke Spur und verteidigen ihr Revier gerne durch Lichtsignale, Mercedes-Fahrer schätzen die Spontanität und lehnen es deshalb weiterhin ab, den Blinker zu benutzen, Leute, die es lieber etwas ruhiger angehen lassen, finden wir auf der Autobahn meistens auf der mittleren Spur und die Regeln zum sogenannten Zebrastreifen bleiben Auslegungssache. Ansonsten gilt – unberührt von diesem rechtlichen Hickhack: Der Fahrer vor einem ist meistens ein Depp und fährt total komisch – und der hinter einem soll mal bitte ein bisschen Abstand halten.

Abendlicher Straßenverkehr auf einer Autobahn (Foto: Imago, xU.xStammx/xFuturexImage)
Abendlicher Straßenverkehr in Zeiten der Mikro-Anarchie Imago xU.xStammx/xFuturexImage

Für mich ist das in diesen aufgewühlten Monaten ein sehr gutes Zeichen für die Verfasstheit unseres Zusammenlebens: Auch, wenn die Regeln im Moment unklar sind, bricht kein Chaos aus, halten sich alle weiter grob an das, was sie kennen – weil es sich wahrscheinlich bewährt hat. 

Und wenn was schief geht, dann können wir immer noch einen Juristen anrufen. Der weiß dann im Zweifel auch nicht weiter, aber er ist meistens gut gekleidet.

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