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Städte und Landkreise investieren Flüchtlingskrise als Jobmotor

Städte, Gemeinden und Kreise in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stellen neues Personal ein, um Flüchtlinge besser versorgen zu können. Eine SWR-Umfrage ergab: Im Schnitt wird um ein Zehntel aufgestockt.

Flüchtlinge stehen in der Schlange

Flüchtlingskrise: Millionen Investitionen in Unterkünfte - aber auch Personal für Planung, Bau, Verwaltung sowie die Betreuung der Flüchtlinge soll eingestellt werden

Kirsten Tromnau, Redaktion Reporter und Recherche, hat an der SWR-Umfrage mitgewirkt und die Fragen von SWR Moderator Stephan Lochner beantwortet

Kann man sagen, dass überall im Südwesten händeringend Leute gesucht werden?

Ja, das ist so - beziehungsweise es wird bald so weit sein. Die Städte und Kreise haben nach und nach ihre Stellenpläne aufgestellt und jetzt geht es an die Ausschreibungen. Es werden vor allem viele Verwaltungsangestellte und Sozialbetreuer gebraucht. Außerdem werden Hausmeister für die neuen Flüchtlingsunterkünfte gesucht. Aber auch der soziale Wohnungsbau steht bei vielen Kommunen ganz oben auf der Liste. Dafür wollen einige auch Ingenieure einstellen.

Gerhard Grün macht Hausaufgaben mit Flüchtlingskindern

Ohne ehrenamtliche Helfer geht weiterhin nichts

Die Kreise sind für die Gesundheitsfürsorge für die Flüchtlinge zuständig, da werden Arzthelferinnen gesucht. Natürlich werden auch Erzieherinnen für die Flüchtlingskinder gebraucht. Obwohl die Kommunen jetzt in neue Stellen investieren, sind sie weiterhin auf die ehrenamtlichen Helfer angewiesen. Dafür werden auch hauptamtliche Betreuer und Koordinatoren gesucht.

Gibt es eine Stadt oder eine Gegend, die besonders heraussticht, die besonders viel Personal braucht?

Vor der medizinischen Untersuchung der  in der Registrierungszentrale Patrick-Henry-Village in Heidelberg

Personal gesucht für medizinische Versorgung

Das ist der Kreis Karlsruhe mit 375 neuen Stellen - davon allein knapp 300 in der Verwaltung. Dazu muss ich aber sagen, der Kreis Karlsruhe ist mit rund 430.000 Einwohnern auch sehr groß und man geht davon aus, dass der Kreis in diesem Jahr knapp 10.000 Flüchtlinge betreuen wird.

Zudem übernimmt der Kreis viele Aufgaben, die in anderen Kreisen die Städte und Gemeinden übernehmen. Der Kreis Karlsruhe übernimmt beispielsweise die Leitung, Sicherheit und Betreuung der Gemeinschaftsunterkünfte.

Was für Menschen mit welchen Qualifikationen werden gesucht? Finden sich genügend Menschen, die diese Anforderungen erfüllen?

Jama Maqsudi, Heimleiter in Stuttgart-Hofen

Jama Maqsudi, Heimleiter in Stuttgart-Hofen

Das ist genau das Problem. Deshalb werden die Anforderungen jetzt schon zurückgeschraubt - manchmal die klassischen Qualifikationen wie eine abgeschlossene Ausbildung, ein Studium oder andere Abschlüsse, auch durch andere Kenntnisse zu ersetzen. Genügend Berufserfahrung in einem ähnlichen Bereich und arabische Sprachkenntnisse sind auf jeden Fall schon mal ein großer Vorteil.

Auch Lebenserfahrung kann jetzt zum großen Vorteil werden. Noch vor ein paar Jahren war man ja mit über 45 Jahren oder über 50 Jahren schon 'altes Eisen' und nur noch schwer vermittelbar. In Göppingen sagte man mir, ganz im Gegenteil, eine Heimleitungsstelle in einer Flüchtlingsunterkunft würde man nur ungern an junge Leute vergeben.

Praktisch alle Kommunen haben in den vergangenen Jahren eher Personal abgebaut - haben also auch nicht mehr so viel Platz, Büros, Schreibtische und so weiter. Wenn sie jetzt massiv einstellen, wo bringen die Kommunen die neuen Leute unter?

Das wird allerdings ein Problem. Dazu kamen bei unserer SWR Umfrage auch ganz unterschiedliche Antworten zurück. Manche wollen Büros anmieten, andere wollen sogar anbauen. Um die akute Situation erst einmal zu lösen, sind auch Container im Gespräch.

Dabei wurde ich stutzig, weil Container doch gerade als Mangelware gelten. Aber nein, hieß es da, nur die Wohn-Container. Büro-Container wären noch zu haben.

Das heißt, die Kommunen nehmen für die Flüchtlingskrise viel Geld in die Hand...?

Leer stehendes Haus, was bald in eine Flüchtlingsunterkunft verwandelt wird.

Viele Kommunen nehmen Kredite auf und hoffen auf weitere Fördergelder

Ja, allerdings. Die Stadt Kaiserslautern zum Beispiel geht allein bei den neuen Stellen von Personalkosten von etwa 1,3 Millionen Euro im Jahr aus. Oder der Kreis Göppingen von knapp vier Millionen Euro. Dann die Kosten für die neuen Büros, die neuen Unterkünfte für die Flüchtlinge - manche Städte und Kreise müssen sogar Kredite aufnehmen. Andere hoffen noch auf Förderprogramme und, dass der Bund oder das Land noch ein bisschen mehr von den Flüchtlingskosten übernehmen.

Die Ergebnisse der SWR-Umfrage in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Online: Heidi Keller, Ulrich Lang