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Johannes Schmid-Johannsen (Foto: SWR)
Ulrich Lang (Foto: SWR)
Nico Heiliger (Foto: SWR)

Weniger Kontakte führen zu weniger Ansteckungen. Die zweite Infektionswelle scheint gebrochen. Dennoch sinken die Fallzahlen nur langsam. Wir analysieren die Entwicklung.

Coronavirus-Neuinfektionen ausgebremst - wirkt der Teil-Lockdown?

Belege über die Wirksamkeit der Beschränkungen aus dem Teil-Lockdown gibt es nicht. Die Datenerfassung der Fallzahlen lässt nur sehr eingeschränkt Rückschlüsse zu, welche Ansteckungen dadurch unterbunden wurden. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass ein verändertes Verhalten der Bevölkerung zu weniger Ansteckungen geführt hat. Anders ist die aktuelle Entwicklung der Fallzahlen nicht zu erklären. Und auch die Fallzahlenentwicklung in anderen Ländern zeigt, dass die Beschränkung von Kontakten, Ausgangssperren und ähnliche pauschale Lockdown-Maßnahmen wirksam den Anstieg von Neuinfektionen bremsen.

Abgeschwächtes Wachstum der Corona-Neuinfektionen seit Anfang November

Der starke Anstieg der Infektionszahlen, wie wir ihn im Oktober gesehen haben, wurde tatsächlich ausgebremst:

  • Noch Mitte / Ende Oktober (Kalenderwochen 43) stieg die Anzahl der gemeldeten Fälle im Vergleich zur Vorwoche (Kalenderwoche 42) um 77 Prozent auf durchschnittlich 10.600 pro Tag,
  • und dann noch einmal in der Folgewoche (KW 44) um 48 Prozent auf durchschnittlich 15.800 pro Tag.
  • In der ersten Novemberwoche (KW 45) war dann nur noch ein Anstieg um 11 Prozent im Vergleich zur Vorwoche auf 17.900 zu verzeichnen,
  • gefolgt von 1,5 Prozent in Kalenderwoche 46 und Stagnation in der Kalenderwoche 47.
  • Zuletzt sank die Fallzahl um 5,6 Prozent auf durchschnittlich rund 17.300 registrierte Neuinfektionen pro Tag (Kalenderwoche 48).

Hunderte Landkreise sind noch Hotspots

Die Bundesländer und die Bundesregierung haben weiterhin vereinbart, dass das Ziel ist, möglichst alle Landkreise zu einer Neuinfektionsrate von 35, maximal aber 50 zu bringen. Derzeit scheint dieses Ziel nur schwer zu erreichen. Denn der Großteil der Stadt- und Landkreise hat eine Neuinfektionsrate, auch Sieben-Tage-Inzidenz genannt, von weit über 50. Die Datenanalyse zeigt, wie sich die Landkreise derzeit entwickeln.

  • Jeder Punkt steht für einen Stadt- oder Landkreis.
  • Rote Punkte haben eine Neuinfektionsrate über 50. Nur Punkte im grünen Bereich haben weniger registrierte Fälle. Ziel von Bund und Ländern ist es, dass alle Landkreise im grünen Bereich sind.
  • Landkreise auf der linken Seite haben Stand heute weniger Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen als in der Vorwoche, die Fallzahlen sinken. Auf der rechten Seite steigen die Infektionszahlen dagegen an.

Immer wieder steigende Fallzahlen - trotz Teil-Lockdown

Trotz der Stagnation gibt es regional zahlreiche Stadt- und Landkreise, in denen die Zahl der Neuinfektionen weiterhin ansteigt. Die Karte zeigt, in welchen Landkreisen die Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche gesunken oder gestiegen sind.

Wer schützt die Alten?

Die bisherige Strategie zur Kontaktnachverfolgung und Eindämmung der Ausbreitung wird vor allem damit begründet, dass auf keinem anderen Weg die Risikogruppen geschützt werden könnten. Zu viele Menschen müssten präventiv in ihrem Alltag isoliert werden. Gleichzeitig hat der Teil-Lockdown in den vergangenen Wochen eine Ausbreitung in der älteren Bevölkerung nicht verhindert. Die Inzidenzen in der Bevölkerungsgruppe der über 60jährigen sind durchweg gestiegen:

Symptomlose werden nicht mehr getestet

Darüber hinaus gibt es weitere Faktoren, die die Statistik der Positiv-Getesteten nun anders aussehen lassen als noch im Oktober. Seit Anfang November werden nicht mehr alle potentiell Infizierten getestet. Das bedeutet etwa, dass Hausärzte Patienten mit Husten oder anderen Atemwegserkrankungen nicht mehr auf Verdacht hin zum Coronavirus-Test schicken. Getestet wird nur noch, wer zum Beispiel einem medizinischen Beruf nachgeht oder direkten Kontakt zu einem Infizierten hatte. "Kontaktpersonen 1", also Personen aus dem direkten Umfeld eines nachweislich Infizierten, die keine Krankheitsanzeichen für COVID-19 zeigen, erhalten auch keinen Test mehr. In diesem Fall sollen sich die Betroffenen lediglich zwei Wochen lang in Quarantäne begeben - ohne Test.

Corona-Dunkelziffer wieder größer? - Schnelltests bringen Licht ins Dunkel

Ende Oktober waren rund 1.000 bis 2.000 Fälle pro Tag als Infizierte ohne nennenswerte Krankheitssymptome registriert. Diese symptomlosen Fälle fallen nun mehr oder weniger aus der offiziellen Statistik heraus. Dadurch wäre es möglich, dass sich die Kurve zu einem gewissen Teil nur auf dem Papier senkt. Gleichzeitig kommen immer mehr Schnelltests zum Einsatz. Diese Testergebnisse sind aber nicht in der Fallstatistik des RKI erfasst. Da Schnelltests weniger zuverlässige Ergebnisse liefern, folgt in der Regel bei Positiv-Getesteten ein PCR-Test, um das positive Schnelltest-Ergebnis nochmals mit der verlässlichen Methode im Labor zu überprüfen. Wie oft der PCR-Test nach einem positiven Schnelltest zum Einsatz kommt, ist ebenfalls nicht dokumentiert. Außerdem gibt es keine Meldepflicht bei positiven Schnelltests.

Verhalten der Menschen entscheidend - Besuchermassen am "Black Friday"

Das Robert Koch - Institut verweist immer wieder darauf, dass das Verhalten jedes Einzelnen dazu beitrage, ob das Virus verbreitet wird oder nicht. Insbesondere dort, wo viele Menschen auf engem Raum aufeinandertreffen, kommt es zu Ansteckungen. Ein Infizierter kann dann leicht auch sehr viele andere infizieren (Stichwort "Superspreading"). Ab dem 1. Dezember gelten während der Adventszeit daher strengere Regeln für den Einkauf in Geschäften, die nur mehr eine begrenzte Anzahl an Kunden ins die Verkaufsräume lassen dürfen. Zumindest für den so genannten "Black Friday" am 27. November 2020 galt diese Regelung noch nicht. Eine SWR-Auswertung der Passantenströme in den Innenstädten zeigt, dass so viele Menschen wie schon lange nicht mehr für die Verkaufsaktionen in die Innenstädte kamen.

Corona-Statistik mit Lücken - Testzahlen sind nicht mit anderen Daten verknüpft

Die Statistik über die Corona-Tests ist auch im zehnten Monat der Pandemie in Deutschland unvollständig. Die Gesundheitsbehörden dokumentieren nicht, wer wann aus welchem Grund getestet wird. Zu negativen Testergebnisse wird überhaupt keine Statistik geführt. Deshalb kann nur geschätzt werden, wie sich die Veränderung der Teststrategie und die Überlastung der Labore auswirkt. Deshalb ist ein direkter Zusammenhang zwischen Teil-Lockdown und langsamer steigenden Infektionszahlen im Moment anhand der vorliegenden Zahlen nicht zu belegen.

Entwicklung der schweren COVID-19-Erkrankungen ausschlaggebend

Entscheidend bleibt, wie viele Menschen schwer erkranken und zur Behandlung von COVID-19 ins Krankenhaus müssen. Derzeit sind das laut Robert Koch-Institut rund 4 Prozent aller Positiv-Getesteten. Bei einer durchschnittlichen Fallzahl von 17.000 Infizierten erkranken also täglich 700 Menschen so schwer, dass sie früher oder später ins Krankenhaus kommen. COVID-19-Patienten müssen häufig mehrere Wochen behandelt werden und können nicht schnell wieder entlassen werden. Das führt schnell zu einer Überlastung auf den speziell eingerichteten COVID-19-Isolierstationen und in der Folge auch auf den Intensivstationen.

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