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Laut RKI bleibt derzeit jeder fünfte Positiv-Getestete ohne Symptome oder erkrankt nicht an COVID-19. Schwere Verläufe sind damit eher selten. Wir ordnen die Zahlen ein.

Zeitweise zeigten sich bei mehr als einem Viertel aller positiv getesteten Infizierten keine Anzeichen der COVID-19-Erkrankung. Deutschland erlebt damit gerade eine auf den ersten Blick recht widersprüchliche Situation. Zwar steigen die Fallzahlen im Land, aber die Dramatik bleibt aus: Kaum Todesfälle, leere Intensivstationen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel fasste die Lage nach den Bund-Länder-Gesprächen am 29. September 2020 nüchtern zusammen: "Wir sind recht gut durch den Sommer gekommen". Aber die teilweise gestiegenen Infektionszahlen seien aus Ihrer Sicht ein Grund zur Beunruhigung. Denn die weitere Entwicklung ist schwer vorhersehbar. Die Gefahr des sprunghaften, exponentiellen Anstiegs der Neuinfektionen gehört zum größten Risiko in der Pandemie. Wenn Ansteckungsketten außer Kontrolle der Gesundheitsbehörden geraten, wird die Eindämmung immer schwieriger. Steigende Fallzahlen sind deshalb ein Warnsignal. Dahinter gibt es aber weitere Daten, die helfen die Lage differenzierter einzuschätzen.

  1. Infiziert, erkrankt, im Krankenhaus: So viele Infizierte zeigen Symptome und schwere Verläufe
  2. März, Juni, August: So vergleichbar sind die Fallzahlen
  3. Containment: So sinnvoll sind Massentests
  4. Neuinfektionen: So gefährdet sind die Älteren
  5. Intensivstationen: So wenig helfen die Daten als Frühwarnsystem

Diese SWR-Datenanalyse ordnet die neuesten Informationen ein:

1. Infiziert, erkrankt, im Krankenhaus: So viele Infizierte zeigen Symptome und schwere Verläufe

Eine neue Auswertung im Situationsbericht des Robert Koch-Instituts zeigt noch einmal deutlich, warum das Gesundheitswesen in den vergangenen Wochen nicht überlastet war: Die überwiegende Zahl der Positiv-Getesteten aus den vergangenen Wochen dieses Sommers war gar nicht oder nicht schwerwiegend erkrankt. Ob und wie stark diese infizierten Personen ansteckend waren, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Vieles deutet aber darauf hin, dass auch symptomlos Infizierte ansteckend sind.

Seit Einführung der von der Krankenkasse bezahlten PCR-Tests in der 20. Kalenderwoche lag der Anteil der asymptomatisch Infizierten schwankend zwischen 23,4 und 34,9 Prozent. Insbesondere während der Hochphase der Reisezeit wurden mehr als ein Drittel neue Infektionsfälle registriert, die keine Krankheitsanzeichen hatten. Die Erkenntnisse des RKI passen zu einer Übersichtsstudie der Universität Bern. Nach Auswertung von 79 Studien schätzen die Wissenschaftler, dass "etwa 20% der COVID-19-Infektionen ... asymptomatisch" bleiben.

Der Anteil der Covid-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, lag Anfang Juni noch bei rund 17 Prozent und war auf zuletzt 5 bis 7 Prozent gesunken.

Einerseits legen diese Zahlen nahe, dass viele Reiserückkehrer wohl ohne Pflichttests sehr wahrscheinlich nicht bemerkt hätten, dass sie infiziert und ansteckend waren. Durch Quarantänepflicht und Rückkehrertests wurden Tausende Infizierter isoliert und ein erneuter Effekt wie bei der Ansteckungswelle durch Skifahrer aus Ischgl verhindert. Die Zahlen sind dafür kein Beweis, aber ein starkes Indiz, auf das auch das RKI in seinem Bericht ausdrücklich hinweist.

2. März, Juni, August: So vergleichbar sind die Fallzahlen

Andererseits belegt die Veröffentlichung: Wie viele Neuinfektionen durch PCR-Tests entdeckt werden, hängt von vielen Faktoren ab. Die Frage, wer ins Testraster fällt, hat unmittelbare Auswirkungen. Wäre die Teststrategie der ersten Welle beibehalten worden, wäre bis zu einem Drittel der Positiv-Getesteten womöglich unentdeckt geblieben (Stichwort Dunkelziffer). Deshalb sind die absoluten täglichen Fallzahlen über die lange Zeitreihe nur noch schwer miteinander vergleichbar. Die Grundlagen, wie sie zustande kommen, haben sich durch die notwendige Anpassung der Teststrategie mindestens drei Mal seit Februar verändert:

Deutschland erlebt daher erneut eine recht widersprüchliche Situation. Zwar steigen die Fallzahlen im Land, aber die Dramatik bleibt aus: Kaum Todesfälle, leere Intensivstationen. Das liegt auch daran, dass die Gesundheitsbehörden ihre täglichen Meldungen den neuen Rahmenbedingungen der geänderten Teststrategie kaum angepasst haben. Die Statistik der Gesundheitsämter stellt in erster Linie die amtlich registrierten Fälle dar. Jeder Infektionsfall löst einen Vorgang im Gesundheitsamt aus. Täglich wird damit weiterhin in erster Linie die Tagessumme der zu bearbeitenden Neuinfektionen ("positiv Getesteten") veröffentlicht, obwohl sie für die Lagebeschreibung an Bedeutung verloren hat.

Daher sind die jetzt veröffentlichten Zahlen zu symptomlos Infizierten des Robert Koch-Instituts bemerkenswert. Diese Informationen waren bislang auch auf mehrfache Nachfrage der Datenjournalisten von SWRdata nicht verfügbar. Sie liefern erstmals damit einen aussagekräftigeren Blick auf die Neuinfektionen. Mit Blick auf den kommenden Winter kann diese Statistik ein weitere Indikator für ein Frühwarnsystem sein. Denn wenn wieder mehr Infizierte auch tatsächlich erkranken, also der Anteil Symptomloser sinkt, wäre das ein Warnsignal.

3. Containment: So sinnvoll sind Massentests

Angesichts der wenigen schweren Verläufe in den vergangenen Monaten stellt sich die Frage nach der weiteren Vorgehensweise beim Testen. Die Gesundheitsmediziner der Stadt Frankfurt Prof. René Gottschalk und Prof. Ursel Heudorf haben dazu mit eine Untersuchung basierend auf den epidemiologischen Daten der Stadt Frankfurt am Main veröffentlicht. Sie stoßen damit eine Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der bisherigen Teststrategie an: Derzeit werde die Ausbreitung des Coronavirus in der gesamten Bevölkerung vor allem durch so genanntes Containment unterbunden, also durch Unterbrechen von Infektionsketten. Wichtigstes Mittel dafür sind die PCR-Massentests.

Nach Ansicht der Mediziner ist aber fraglich, ob das massenhafte Testen von Kontaktpersonen sinnvoll ist. Alternativ bestünde die Möglichkeit "zunehmend die Schutzstrategie für gefährdete Personengruppen (Protection) sowie die Folgenminderungsstrategie (Mitigation) in den Fokus zu nehmen".

"Auch bei ausreichender Ausstattung der Altenpflegeheime mit Schutzausrüstung für das Personal und Beachtung guter Hygiene können zwar Einträge des Virus in die Heime nicht vollständig vermieden, jedoch kann so einer Weiterverbreitung des Virus in diesen Einrichtungen effektiv vorgebeugt werden."

Prof. Heudorf / Prof. Gottschalk

Die beiden Amtsärzte plädieren deshalb dafür die "Sinnhaftigkeit der derzeitigen Teststrategie" zu überprüfen.

4. Neuinfektionen: So gefährdet sind die Älteren

Ein weiteres Alarmsignal wäre ein kontinuierlicher Anstieg der Neuinfektionen in der älteren Bevölkerung. Alte Menschen über 70 Jahre gelten als besonders durch das Coronavirus gefährdete Gruppe. Seit September sind die Fallzahlen bei den über 60jährigen wieder angestiegen, liegen aber weiterhin auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau:

So häufig sind Infektionen in den jeweiligen Altersgruppen

"Der Anteil der Verstorbenen unter den seit der 30. Kalenderwoche gemeldeten COVID-19-Fällen liegt kontinuierlich unter 1% und hat damit im Vergleich zum Infektionsgeschehen im Frühjahr, insbesondere im April, deutlich abgenommen ... Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich das Virus verändert hat und weniger gefährlich geworden ist. ... Wenn sich wieder vermehrt ältere Menschen anstecken, werden wieder mehr schwere Fälle und Todesfälle auftreten."

RKI-Situationsbericht vom 29.9.2020

5. Intensivstationen: So wenig helfen die Daten als Frühwarnsystem

Die COVID-19-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, sind weniger geworden. Diese Daten gelten allerdings nicht als geeignetes Frühwarnsignal. Denn wenn die Bettenbelegung auf den deutschen Intensivstationen wieder ansteigt, dann dürfte es für rasch wirkende Gegenmaßnahmen bereits zu spät sein.

Fazit: Wichtigster Indikator für die epidemiologische Ausbreitung des Coronavirus bleiben die täglichen Fallzahlen. Allerdings hilft eine differenzierte Betrachtung nach Krankheitsschwere, betroffenen Altersgruppen und Testraster, um die gemeldeten Neuinfektionen zu bewerten.

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