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Smart Meter - Datenschützer warnen Der Spion aus der Steckdose

Die Stromkurve des eigenen Haushalts beinahe live verfolgen - intelligente Zähler machen das möglich. Nicht nur deshalb will die Bundesregierung, dass die sogenannten "Smart Meter" ab 2017 bundesweit eingebaut werden. Die Zähler gelten auch als wichtiger Baustein für die Energiewende - doch Datenschützer warnen vor den Messgeräten.

Durch Steckdosenlöcher sieht man eine Küche

Smart Meter - Spione aus der Steckdose? Der intelligente Stromzähler verrät viel über seine Besitzer

Ein Bericht von Selina Marx, SWR Reporter und Recherche

Die Waschmaschine, der Trockner und die Spülmaschine laufen in Zukunft nicht mehr sofort, wenn sie angestellt werden - sondern erst, wenn der Strom am günstigsten ist. Damit aus diesem Wunsch Wirklichkeit werden kann, braucht es ein intelligentes Stromnetz, ein sogenanntes Smart Grid. Vereinfacht gesagt, misst dieses intelligente Netz gleichzeitig, wie viel Energie gerade zur Verfügung steht und wie viel Energie benötigt wird. Dementsprechend sendet es Signale an die ans Stromnetz angeschlossenen Maschinen.

Mit Smart Meter und Smart Grid intelligent Stromverbrauch messen

Bis diese Smart Grids in Betrieb gehen, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen. Aber einen ersten Schritt plant die Bundesregierung schon jetzt. Dazu hat das Bundeswirtschaftsministerium einen Gesetzentwurf vorgelegt: Ab 2017 sollen in Unternehmen, Behörden und Haushalten sogenannte Smart Meter, also intelligente Stromzähler, eingebaut werden.

Ein moderner Stromzähler

Smart Meter helfen, den Strombedarf zu messen und zu steuern

Diese messen in 15-Minuten-Intervallen den Stromverbrauch und zeigen ihn auf einem Display (Computer, Tablet oder Smartphone) an. So kann jeder Bürger seinen Stromverbrauch beinahe live nachvollziehen. Die Bundesregierung hofft, dass die Verbraucher dadurch sparsamer mit ihrer Energie umgehen oder Stromfresser aussortieren.

Eine Vorgängerversion ist bereits seit 2010 auf dem Markt. Wer etwa ein neues Haus baut oder eine größere Renovierung vornimmt, kann ein Smart Meter bei seinem Energieversorger beantragen. Gleichzeitig sollen die Konzerne Anreize zur Energieeinsparung setzen, indem sie lastvariable und tageszeitabhängige Tarife anbieten. Der Verbraucher könnte seine Lastspitzen dann in die Zeiten der günstigeren Tarife verschieben und Geld sparen.

Ein Diagramm zeigt mit verschiedenen Kurven für einzelne Haushaltsgeräte den Stromverbrauch über einen Tag verteilt an.

Der Tagesablauf in einem Haushalt lässt sich anhand der Verbrauchskurven einfach ablesen

Daten sammeln für Netzbetreiber und Stromlieferanten

Hintergrund des Vorhabens ist die Energiewende: Der Anteil der erneuerbaren Energien soll bis zum Jahr 2030 auf 50 Prozent steigen - heute liegt er bei etwa 13 Prozent. Da erneuerbare Energien aber nur sehr schwer gespeichert und gesteuert werden können, müssen die Stromkonzerne wissen, wo wie viel Energie gebraucht wird, um den Strom flexibel verteilen zu können. Die intelligenten Zähler sollen diese Information künftig bereit stellen und so gewährleisten, dass Netzbetreiber und Stromlieferanten zeitnah über konkrete Daten verfügen.

Smart Meter gleichen Überwachungskameras

Strommasten

Smart Meter sammeln Daten über privaten Stromverbrauch. Reguliert über den Preis sollen Lastspitzen im Stromnetz ausgeglichen werden.

Datenschützer sind angesichts der Vorhaben entsetzt. Die Zähler machen nicht nur den heimischen Stromverbrauch transparent, die Messgeräte leiten die Daten auch an die Netzwerk- und Messstellen-Betreiber sowie an Stromkonzerne weiter. Welche Daten wo und wie lange gespeichert werden, ist in dem Gesetzentwurf nur ungenau definiert. Die Daten dürfen von den Datenumgangsberechtigten genutzt werden, um deren Aufträge und Aufgaben zu erfüllen, heißt es dort sinngemäß.

Der Verbraucher kann sich folglich kaum selbst schützen, sondern ist von den Datenschutzrichtlinien des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik abhängig.

Daniel Wilke, Referent für Energiewirtschaft beim Landesbeauftragten für Datenschutz Baden-Württemberg fordert deshalb, dass wirklich nur die personenbezogenen Daten erhoben werden, die notwendig sind. "Es muss gewährleistet sein, dass die Daten nur für vertraglich geregelte Zwecke, wie die Rechnung, benutzt werden und nicht etwa für Werbung oder sonstiges."

Problematisch: Anhand der Verbraucherdaten kann leicht auf die Gewohnheiten des Verbrauchers zurückgeschlossen werden. Wann geht der Nutzer zu Bett? Geht er nachts aufs Klo? Wie oft kocht er? Wann verlässt er morgens das Haus?

Ein Diagramm zeigt mit verschiedenen Kurven für einzelne Haushaltsgeräte den Stromverbrauch über einen Tag verteilt an.

Der Stromverbrauch für einzelne Haushaltsgeräte über ein paar Stunden verteilt

Eine Frau stellt etwas in die Mikrowelle daneben stehen viele Küchengeräte

Der Stromverbrauch der Haushaltsgeräte verrät die Lebensgewohnheiten

All das kann anhand der Stromkurven abgelesen werden. Denn jedes Gerät verfügt über eine Art Fingerabdruck. Backofen oder Mikrowelle beispielsweise können eindeutig durch ihren kurzen und hohen Energieverbrauch ausgemacht werden. Andere Geräte laufen konstant rund um die Uhr, wie Gefriertruhe oder Kühlschrank. Auch typische Arbeitszyklen und Nutzungszeitpunkte geben Aufschluss darüber, welches Gerät gerade läuft.

Der Informatiker und IT-Sicherheitsexperte Klaus J. Müller aus Durbach hat das getestet, indem er seine eigenen Stromkurven auswertete - mit erschreckenden Ergebnissen. "Mit Smart Metern können Haushalte beinahe ebenso überwacht werden wie mit Kameras", sagt er.

Für Hacker und Einbrecher sind die Daten ein gefundenes Fressen

Mann starrt mit Fernglas auf einen Laptop.

Über die Strom-Daten lässt sich ein Haushalt ausspähen

Kriminelle können ablesen, wann die Bewohner nicht zu Hause sind und sie bestehlen. Aber nicht nur Kriminelle haben ein hohes Interesse an den Daten. Händler beispielsweise auch, etwa um gezielt Werbung absetzen zu können. Oder Versicherungen und Vermieter, um ihre Kunden bzw. Mieter besser kontrollieren zu können.

IT-Sicherheitsexperte Müller fordert deshalb, dass die Verbraucherdaten aggregiert und nur monatlich oder jährlich an die Konzerne gesendet werden, sodass keine Rückschlüsse auf konkrete Tätigkeiten möglich sind. Dem stimmt auch Energiewirtschaftsexperte Wilke zu: "Die Daten müssen anonymisiert und zusammengefasst werden."

Wer ist vom Smart Meter betroffen?

Bis 2020 sollen laut einer EU-Vorgabe 80 Prozent der Verbraucher mit intelligenten Zählern ausgestattet sein. In Deutschland soll die Einführung der Smart Meter stufenweise erfolgen:

  • 2017 beginnen die Stromverbraucher, die mehr als 20.000 Kilowattstunden pro Jahr benötigen
  • Verbraucher mit Werten über 6.000 Kilowattstunden sind ab 2020 an der Reihe
  • Wer weniger als 6.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr verbraucht, ist erst einmal von der Einbaupflicht ausgenommen

Allerdings können Vermieter und Hauseigentümer ihren Mietern unter bestimmten Voraussetzungen einen Smart Meter einbauen. Zum Beispiel, wenn sie eine weitere Energiequelle darüber abdecken können, wie Gas oder Wasser.

Außerdem haben die grundzuständigen Energieversorgungsunternehmen ein Einbaurecht. Wenn der Kunde keinen Smart Meter möchte, kann er den Anbieter wechseln. Was passiert, wenn alle Energieversorger von ihrem Einbaurecht Gebrauch machen, muss die Kartellbehörde noch entscheiden. Immerhin gibt es eine Preisobergrenze für den Einbau und Betrieb der Smart Meter je nach Stromverbrauch. Geringverbraucher zahlen maximal 100 Euro jährlich.

Online: Heidi Keller