Bild von Stefan Giese  (Foto: SWR, SWR/Christian Koch)

Sichtbare Armut

Meinung: Deutschlands Tafeln, ein Armutszeugnis

STAND
AUTOR/IN
Stefan Giese
Bild von Stefan Giese  (Foto: SWR, SWR/Christian Koch)

Bei den Tafeln werden die Schlangen der Bedürftigen immer länger. Darin zeigt sich auch, dass Armutsbekämpfung in Deutschland keine Priorität besitzt, meint Stefan Giese.

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Doch viele Menschen in diesem Land haben von dem Wohlstand nichts, sie sind arm oder von Armut bedroht. Über 13 Millionen sind es nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Unter ihnen befinden sich auffallend viele alleinerziehende Mütter, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, Rentnerinnen, Studierende und Empfänger von Sozialleistungen.

Sie alle eint, dass sie sich nur mit Mühe finanziell über Wasser halten können – und das bereits in normalen Zeiten. Aber die Zeiten sind nicht normal. Die Preise für Lebensmittel und Energie steigen seit Monaten. Für Menschen, die sowieso jeden Cent zweimal umdrehen müssen, stellt das eine existentielle Bedrohung dar. Angesichts dessen kann es nicht verwundern, dass die Tafeln, die Bedürftigen kostenlose oder stark verbilligte Waren anbieten, im Moment überrannt werden. Und das in einer Situation, in der sich zunehmend Geflüchtete aus der Ukraine in die Schlangen an den Tafeln einreihen und die Tafeln selbst mit weniger Spenden und steigenden Kosten kämpfen.

Mehr Bedürftige, längere Schlangen bei den Tafeln  (Foto: dpa Bildfunk, Marcus Brandt)
Mehr Bedürftige, längere Schlangen bei den Tafeln Marcus Brandt

Was also tun? Die Tafeln rufen zu mehr Sach- und Geldspenden auf. Das würde sicher helfen. Gleichzeitig erinnert die wachsende Zahl der Tafel-Kundinnen und -Kunden daran, dass es mit der Armutsbekämpfung in diesem Land nicht zum Besten steht und von der Bundesregierung offensichtlich auch nicht als dringlich betrachtet wird.

Gegen die steigenden Lebenshaltungskosten soll eine Einmalzahlung helfen. Die Höhe der regelmäßigen Unterstützungsleistungen für Bedürftige bleibt dagegen unverändert – und damit schon in normalen Zeiten zu niedrig. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist für die oben erwähnten 13 Millionen Menschen so kaum möglich – und die nächste existentielle Krise nie weit entfernt. Seien es teurere Lebensmittel, eine Mieterhöhung oder eine kaputte Waschmaschine.

Trier

Trier Tafeln in Region fehlen Lebensmittel

Die Tafeln in der Region Trier bekommen zu wenig Lebensmittel für den gestiegenen Bedarf. Wie die Einrichtungen dem SWR mitteilen, meldeten sich einerseits immer mehr ukrainische Geflüchtete bei den Ausgabestellen an. Und andererseits gingen die Lebensmittelspenden zurück.
Bei der Tafel in Prüm haben sich nach Angaben des Leiters mehr als 100 Geflüchtete als Neukunden registriert. In Daun habe sich die Zahl der Bedürftigen in den vergangenen zwei Wochen verdoppelt. Und auch bei den Ausgabestellen in Bitburg und Hermeskeil meldeten sich inzwischen vermehrt ukrainische Familien. Das Problem ist nach Angaben der Tafeln aber nicht nur die gestiegene Nachfrage, sondern auch der Rückgang an Lebensmittelspenden. Die Supermärkte gäben immer weniger Ware ab. Die Regale und Lager leerten sich. Daher bitten die Tafeln um Spenden aus der Bevölkerung, um ihr Angebot aufrechterhalten zu können.  mehr...

Filderstadt

Filderstadt Dramatischer Warenmangel bei der Fildertafel

Die Fildertafel meldet einen dramatischen Warenmangel und erbittet dringend Sach- und Geldspenden. Die Fildertafel ist eine Einrichtung der Diakonie im Kreis Esslingen.  mehr...

Mehr Meinungen im SWR

Neues Pflegegesetz Meinung: Pflegedebatte ist ein schlechter Witz

Noch vor der Sommerpause sollen die Eckpunkte für ein Pflegeentlastungsgesetz auf den Weg gebracht werden. Kirsten Tromnau hält das neue Gesetz für Augenwischerei und die Pflegedebatte in Deutschland für einen Witz.  mehr...

Fachkräftemangel überall Meinung: Ausländer rein!

An allen Ecken und Enden fehlen Arbeitskräfte. Die Folgen betreffen uns alle. Darum begrüßt Stefan Giese die Pläne der FDP, die Einwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern.  mehr...

Hallen- und Freibäder im Südwesten Meinung: Bestandsschutz für Schwimmbäder

45 Schwimmbädern in Baden-Württemberg drohe wegen der hohen Energiepreise die Schließung. Kirsten Tromnau meint, der Bestand der Bäder muss geschützt werden.  mehr...