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In dieser Woche gibt es in Baden-Württemberg Zeugnisse. Ganz akkurat zeitlich gestaffelt, in unterschiedlichen Stufen und unter Einhaltung der Abstandsregeln. Und kommende Woche beginnt in Mecklenburg-Vorpommern wieder die Schule. Ohne Abstand und im Regelbetrieb. Und das obwohl die Infektionszahlen gerade wieder steigen und die Angst vor einer zweiten Corona-Welle wächst. Es fehlt ein Plan B für die Schulen, findet Anja Braun.

Für die Schule setzt die Politik auf das Prinzip Hoffnung: Wird schon nichts passieren. Es heißt: Wir kehren zum schulischen Regelbetrieb zurück, sofern und solange "es das Infektionsgeschehen zulässt". Doch Angaben, ab wann das Infektionsgeschehen nach Meinung der Länder zu heftig für den Regelbetrieb wird, gibt es nicht. Es gibt keinen wirklichen Plan B.

Wie geht es denn im Fall der zweiten Welle weiter? Dazu hört und liest man nur solche Larifari-Angaben - in Baden-Württemberg heißt es ja, wenn das Infektionsgeschehen es nötig macht, sollte Fernunterricht stattfinden, und der muss dann auch gegeben werden und soll auch bewertet werden.

Schulen fehlen die Mittel für Fernunterricht

Das ist von einem konkreten Plan weit entfernt. Wie genau wird denn der Wechsel zwischen Präsenz- und Fernunterricht aussehen? Wie gehen die Lehrkräfte da vor? Auf was können sich Schülerinnen und Schüler und auch ihre Eltern dann einstellen? Dass kein Plan B vorliegt, hat ja einen Grund: Bisher fehlen der Mehrheit der Schulen die Voraussetzungen für einen funktionierenden Fernunterricht.

In Baden-Württemberg sehen sich nach der jüngsten Umfrage unter 1.500 Schulen - gerade mal zehn Prozent in der Lage, wirklich Fernunterricht zu halten, und nur fünf Prozent fühlen sich dabei wirklich sattelfest. Der Rest eiert rum. Das kann doch nicht sein, dass die Politik hier mit offenen Augen elf Millionen Schülerinnen und Schüler ins Chaos schickt und dabei so tut, als hätte sie alles im Griff.

Eine Frage der Prioritäten

Jetzt ist es an der Zeit, sich ehrlich zu machen! Es geht darum, wie wichtig uns die Bildung für die nachfolgenden Generationen wirklich ist. Denn es ist eine Frage der Prioritäten. So durften nach dem Lockdown zum Beispiel die Biergärten deutlich früher wieder öffnen als Kitas und Schulen.

Doch wenn wir Kindern und Jugendlichen ein Recht auf Bildung zugestehen, dann sollten daraus auch Schlüsse gezogen werden. Zum Beispiel, dass Schulen und Kitas nicht als erste geschlossen werden dürfen. Und dass die Politik unterscheiden muss zwischen den Bedürfnissen jüngerer Kinder und denen von Jugendlichen.

So sollten Kitas und Grundschulen auch in einer zweiten Welle so lange wie möglich offen bleiben, denn Kinder unter zehn Jahren können nicht mit Fernunterrricht oder Fernbetreuung umgehen und brauchen den Regelbetrieb dringend. Das ist auch deshalb vertretbar, weil diverse Beobachtungsstudien gezeigt haben, dass sich Kinder unter zehn Jahren eher selten infizieren und auch das Virus eher selten weitergeben.

Fernunterricht am besten für höhere Klassenstufen

Für die Kids in den weiterführenden Schulen muss der Plan B klargezogen werden. Denn Jugendliche sind nach den meisten Beobachtungsstudien bisher ähnlich ansteckend wie Erwachsene, durch ihre vielen Sozialkontakte schätzen manche sie sogar als ansteckender ein. Die weiterführenden Schulen sollten sich daher für das kommende Schuljahr auf den Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht vorbereiten. Dabei könnten die älteren Schülerinnen und Schüler als erste in den Wechsel oder zur Not reinen Fernunterricht gehen, sie kommen damit am besten zurecht.

Wichtig: digitales Angebot und flexibler Lehrplan

Voraussetzung dafür ist aber ein tägliches digitales Angebot, das wirklich funktioniert. Und ein Lehrplan, der im Fall des Plan B auf die wichtigsten Stoffgebiete fokussiert wird. Das fordern Bundeselternvertreter und selbst der Lehrerverband. Denn dass beim Fernunterricht und auch beim Wechsel zwischen Klassenzimmer und Homeschooling einiges auf der Strecke bleiben wird, ist doch klar.

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