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Nach dem Anschlag in Hanau mahnen die Muslime in Deutschland mehr Schutz und Anerkennung an. Bundesinnenminister Seehofer kündigte an, die Polizeipräsenz in ganz Deutschland zu erhöhen.

"Die Muslime in diesem Land haben Angst, nicht nur um ihre Moscheen, auch um sich selbst und ihre Kinder", sagte Zekeriya Altuğ vom Koordinationsrat der Muslime. Er kritisierte, dass Politiker nach den Morden von Hanau das Problem der Islamfeindlichkeit in Deutschland nicht klar benannt hätten. Es sei zwar gesagt worden, so Altuğ, dass "man zusammenstehen möchte", aber nicht mit wem. Fast alle der Opfer von Hanau waren in Deutschland geborene Muslime.

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland forderte mehr Schutz zumindest für solche Moscheen, die bereits in der Vergangenheit angegriffen worden seien. Nach seinen Angaben sind dass einige hundert.

Nationalitäten der Opfer bekannt

Das hessische Landeskriminalamt hat die Nationalitäten der Menschen bekannt gegeben, die bei dem rassistisch motivierten Anschlag in Hanau getötet wurden. Drei der Opfer haben die deutsche Staatsangehörigkeit, zwei die türkische, außerdem je einer die bulgarische und die rumänische. Eines der Opfer kam aus Bosnien-Herzegowina, ein weiteres hatte einen deutschen und einen afghanischen Pass.

Seehofer: Sensible Einrichtunge verstärkt überwachen

"Die Tat in Hanau ist eindeutig ein rassistisch motivierter Terroranschlag", sagte Innenminster Horst Seehofer (CSU) in Berlin. Es sei der "dritte rechtsterroristische Anschlag in wenigen Monaten".

"Die Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus ist in Deutschland sehr hoch", sagte Seehofer weiter. Wegen möglicher Nachahmungstäter, Wut und Emotionalisierung habe er mit den Innenministern der Länder ein konkretes Vorgehen zum Schutz der Bevölkerung abgestimmt.

Dauer

"Wir werden die Polizeipräsenz in ganz Deutschland erhöhen. Wir werden sensible Einrichtungen verstärkt überwachen, insbesondere auch Moscheen." Seehofer kündigte an, dass die Bundespolizei die Länder mit Personal und Sachausstattung unterstützt werde. "Und wir werden eine hohe Präsenz der Bundespolizei an Bahnhöfen, Flughäfen und im grenznahen Raum gewährleisten."

Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen in ganz Deutschland

Bei einer Veranstaltung in Hanau hatte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von einer "Terrortat" gesprochen. Er hatte zusammen mit seiner Frau Elke Büdenbender im Rathaus etwa 20 Angehörige von Opfern getroffen. Anschließend nahm er mit etwa 5.000 Menschen an einer Gedenkveranstaltung teil.

"Heute ist die Stunde, in der wir zeigen müssen: Wir stehen als Gesellschaft zusammen, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander".

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Steinmeier sprach von mehr als fünfzig Städten in Deutschland, in denen Menschen zu Mahnwachen zusammengefunden hätten.

Heil verspricht Angehörigen umfassende Hilfe

Bundessozialminister Hubertus Heil (SPD) hat den Angehörigen der Opfer von Hanau umfassende Hilfe durch die Bundesregierung zugesichert. "Familie und Freunde der Angehörigen bedürfen jetzt unser aller Solidarität, sie sind ein Teil von uns und wir werden sie unterstützen, wo wir nur können", sagte er dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

Rechter Terrorverdacht nach Schüssen in Hanau mit elf Toten

Der tatverdächtige 43-Jährige soll am Mittwoch in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen haben. Später tötete er seine Mutter und sich selbst.

Im Audio berichtet ein Augenzeuge in Hanau über Schüsse:

Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen an sich gezogen. "Er stuft das Verbrechen als Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein", sagte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). Es gebe Hinweise auf ein "fremdenfeindliches Motiv".

Offenbar legaler Waffenbesitzer

Nach Angaben von SWR-Terrorismusexperte Holger Schmidt hat der Mann wohl allein gehandelt. Er habe einen Jagdschein und legal Waffen besessen. Im Bereich Terrorismus und Extremismus sei er den Ermittlungsbehörden vorher nicht aufgefallen, so Schmidt. Er hat weitere Informationen zu dem mutmaßlichen Täter im Audio:

Video mit Verschwörungsmythen veröffentlicht

Der Mann hinterließ eine Videobotschaft und ein Bekennerschreiben. Das Video postete er vor rund einer Woche im Netz. Auf Englisch sagt er darin, dass es Zeit sei zu kämpfen. Er wendet sich außerdem an das amerikanische Volk, das unter Kontrolle von geheimen Kräften sei. Zudem beschuldigte er die USA, in Militäreinrichtungen Kinder zu misshandeln und dem Teufel zu huldigen.

Rassistische Äußerungen auf der Webseite

Ähnlich äußerte sich der Mann in einem Dokument, das er auf seiner Webseite veröffentlichte. Darin wendet er sich an das deutsche Volk und schreibt von einer "Schattenregierung" sowie kleinen Elite, die den gesamten Planeten beherrsche und Geheimwissen vor der Bevölkerung verstecke.

Außerdem lässt er sich über "das schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen" aus. Er habe sich die "grundsätzliche Frage" gestellt, warum "solche Volksgruppen überhaupt in meinem Land sind?" 

Teile des Schreibens offenbar schon vor längerer Zeit verfasst

Wesentliche Teile dieses Dokuments verfasste der Mann offenbar schon vor längerer Zeit. Das geht aus seinem E-Mail-Verkehr mit dem Leiter eines "Instituts" vor, das sich mit sogenannter Fremdwahrnehmung beschäftigt. Die Mails liegen dem SWR vor.

Der mutmaßliche Attentäter hatte sich nach Angaben des Leiters des "Instituts" am 13. Dezember 2019 per E-Mail an ihn gewandt. Er wollte Hilfe von ihm, weil er sich beobachtet und bespitzelt gefühlt hat. Er übersandte dabei auch eine von ihm erstellte "Strafanzeige gegen eine unbekannte geheimdienstliche Organisation" an die Bundesanwaltschaft. Diese trägt das Datum 06.11.2019. Ob diese auch bei der Behörde eingegangen ist, ist noch unklar.

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