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Rieslinglese an der Mosel Zwischen Glücksgefühlen und Schmerzen

Die Traubenlese an der Mosel ist fast vorbei. Wie hart die Erntehelfer gearbeitet haben durfte auch SWR-Reporterin Jana Hausmann erleben. Sie war einen Tag im Weinberg dabei.

Gut gelaunt im Steilhang: SWR4 Reporterin Jana Hausmann

Gut gelaunt im Steilhang: SWR4 Reporterin Jana Hausmann

7:45 Uhr: Ankunft im Weingut Staffelter Hof in Kröv. Meine Lesehelfer-Kollegen sitzen bereits bei einem gemeinsamen Frühstück zusammen. Auch ich kann noch einen Kaffee trinken und dann geht alles ganz schnell. Winzerin Beate trommelt alle zusammen: "Los geht’s, Avanti-Avanti, Hurry up", schallt es über den Hof. Die mehrsprachige Ansage hat einen Grund, schließlich ist das Personal heute international. Lesehelfer aus Bolivien, Neuseeland, Australien und Serbien steigen in den roten Transporter, mit dem wir zum Kröver Steffensberg fahren.

Aussicht vom Kröver Steffensberg

Aussicht vom Kröver Steffensberg

Traumhafte Kulisse

08:10 Uhr: Die Aussicht hier oben ist atemberaubend. Steile, leuchtend grüne Weinbergshänge, über denen in der Ferne die Sonne aufgeht. Was für ein schöner Arbeitsplatz! Doch sich hier im Steilhang fortzubewegen, ist gar nicht so einfach. Der Schieferboden bröckelt unter meinen Füßen, als ich versuche, darüber zulaufen. Wer Höhenangst hat, hat hier nichts zu suchen. Meine Taktik: Auf dem Hosenboden langsam von Rebzeile zu Rebzeile rutschen.

Hobbywinzer aus Leidenschaft: Maximilian und Simon Preuß

Hobbywinzer aus Leidenschaft: Maximilian und Simon Preuß

Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

09:15 Uhr: Seit einer Stunde bin ich nun damit beschäftigt, die guten von den schlechten Trauben zu trennen. Trotzdem füllt sich mein Bottich nur langsam. Bei kalten drei Grad sind meine Finger klamm, ich kann sie kaum bewegen. Etwas neidisch schaue ich auf meinen Nachbarn Maximilian, der schon zwei Bottiche mit Trauben gefüllt hat. Der Stuttgarter Elektroingenieur ist voll bei der Sache. Kein Wunder, denn der Weinberg gehört ihm. Gemeinsam mit seinem Bruder Simon, einem Hals-Nasen-Ohrenarzt, hat er ihn 2011 gekauft, um selbst Wein herzustellen.  Etwa sechsmal pro Jahr kommen die Brüder zu den wichtigsten Arbeiten an die Mosel. Den Rest des Jahres kümmert sich Winzer Jan Matthias Klein, den ich heute begleite, um die Reben.

Das feucht-warme Septemberwetter ließ einige Trauben faulen.

Das feucht-warme Septemberwetter ließ einige Trauben faulen.

Stärkung muss sein

12:30 Uhr: Wir sind mittlerweile schon im nächsten Weinberg zu Gange, als es plötzlich herrlich nach Essen duftet. Mittagspause – mit Spätzle, Rosmarinkartoffeln Rosenkohl und Hirschgulasch. Ich lehne mich an eine Weinbergsmauer und genieße – das Essen und die Aussicht.

Nicht ganz ungefährlich

14:00 Uhr: Die Sonne ist weg, der Wind bläst kühl durch den Weinberg. Meine Konzentration schwindet. Ab und zu fallen mir gesunde Trauben aus der Hand, die ich aus Disteln wieder herauslese. Nach dem dritten beherzten Griff in die stachlige Pflanze werde ich vorsichtiger. Nicht vorsichtig genug, wie sich herausstellt. Denn wenige Minuten später ritze ich mir mit der scharfen Schere in die Hand. Es brennt höllisch als sich mein Blut mit Dreck und Traubensaft vermischt. Na immerhin, habe ich noch alle Finger.  

Im Steilhang die Balance zu halten ist nicht einfach.

Im Steilhang die Balance zu halten ist nicht einfach.

Internationale Lesehelfer

15:00 Uhr: Mein Rücken schmerzt, ich fühle mich, als wäre ich um Jahre gealtert. Aus dem anfänglichen Spaß, den ich hier im Weinberg hatte, ist pure Anstrengung geworden. Zur Ablenkung unterhalte ich mich mit der Neuseeländerin Amely. Die 24-Jährige arbeitet schon einige Jahre Zuhause in Weinbaubetrieben und will nun an der Mosel neue Erfahrungen sammeln. Auch wenn die Arbeit hier in den steilen Hängen sehr anstrengend sei, habe sie viel Spaß, sagt sie. Ihr Traum: Irgendwann ein eigenes Weingut in Neuseeland.

Acht Stunden Trauben lesen - eine echte Herausforderung für SWR4 Reporterin Jana Hausmann.

Acht Stunden Trauben lesen - eine echte Herausforderung für SWR4 Reporterin Jana Hausmann.

Erschöpft aber glücklich

17:00 Uhr: Endlich, wird sind durch! Das Glücksgefühl, das ich habe, als Winzer Jan Matthias Klein die 61 vollen Traubenbottiche auf dem alten Kleinlaster verstaut, ist kaum zu beschreiben. Wir versammeln uns am unteren Ende des Weinbergs und freuen uns über heißen Kaffee, Schokolade und Spekulatius. Ein merkwürdiger Moment, ein Hauch von Melancholie liegt der in Luft. Das Abenteuer Weinberg ging für mich erstaunlich schnell vorbei. Ich bin froh und auch ein bisschen stolz, dass ich durchgehalten habe. Mein Respekt gilt all denen, die das Jahr über unzählige Male in den Wingert gehen, um ihre Rebstöcke zu schneiden, zu binden, zu entblättern und schließlich abzuernten. Eins steht für mich fest: Nach diesem Tag weiß ich jedes Glas Riesling noch mehr zu schätzen.