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Menschen demonstrieren in Kandel gegen Rechtspopulismus und -extremismus

Nach Tod der 15-jährigen Mia Tausende demonstrieren für "buntes Kandel"

Die südpfälzische Gemeinde Kandel war am Samstag Schauplatz gleich mehrerer Demonstrationen. Ein breites Bündnis aus vielen gesellschaftlichen Gruppen bot einer rechtspopulistischen Kundgebung die Stirn.

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Es ist ein bunter Haufen gewesen, der sich am Samstag zum Protest auf dem Kandeler Bahnhofsvorplatz zusammengefunden hatte. Neben Naturfreunden standen Vertreter der "Antifaschistischen Aktion", neben Gewerkschaftern auch Vertreter von Kirchen - und mittendrin die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die ihr halbes Kabinett mitbrachte. Sie alle waren dem Aufruf gefolgt, ein Zeichen gegen die Rechtspopulisten zu setzen, die seit dem Tod der 15-jährigen Mia regelmäßig in der 9.000-Einwohner-Stadt demonstrieren - zum Beispiel für die Schließung der Grenzen.

Die Landtagsfraktionen von SPD, CDU, FDP und Grünen unterstützten die Kundgebung des Bündnisses "Wir sind Kandel". Neben Dreyer waren FDP-Landeschef Volker Wissing (FDP), CDU-Landtagsfraktionschef Christian Baldauf, SPD-Landeschef Roger Lewentz und die Grünen-Landesvorsitzende Jutta Paulus (Grüne) vor Ort. Der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und der Generalvikar des Bistums Speyer, Franz Jung, schlossen sich der Demonstration ebenfalls an. Auch Vertreter von Gewerkschaften wie der rheinland-pfälzische DGB-Vorsitzende Dietmar Muscheid nahmen an dem Protest teil.

Die Kirchen erklärten sich mit ihrer Teilnahme an der Gegendemonstration solidarisch mit den Einwohnern Kandels angesichts der Bedrohung der Stadt durch demokratiefeindliche Kräfte, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von Landeskirche und Bistum. Wenn das Leid von Menschen instrumentalisiert werde, um politischen Profit daraus zu schlagen, werde eine Grenze überschritten. Dann gehe es nicht mehr um gute Lösungen für die Menschen, sondern um die Spaltung der Gesellschaft und die Profilierung auf Kosten anderer.

"Gegen Instrumentalisierung einer schrecklichen Tat"

Dreyer betonte am Rande der Demonstration, es sei wichtig, dass man sich mit den Menschen in Kandel solidarisch zeige und sich gegen die Instrumentalisierung einer schrecklichen Gewalttat stelle. "In unserem Land leben Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religionen oder Weltanschauungen friedlich und tolerant zusammen. So soll es auch in Zukunft bleiben." Fremdenhass und rechtsextremes Gedankengut hätten keinen Platz in Deutschland. "Gegenüber Gewalt und Hass gibt es eine Null-Toleranz-Strategie gegenüber allen Menschen, egal woher sie kommen", so die Ministerpräsidentin weiter.

An der "Kandel ist überall" -Demo nahmen diesmal etwa 1.000 Menschen teil

An der rechtspopulistischen "Kandel ist überall"-Demo nahmen diesmal etwa 1.000 Menschen teil

Der südpfälzische CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Gebhardt sagte, seit Wochen müsse man erleben, wie der Tod der 15-Jährigen von rechtsradikalen Kräften aus ganz Deutschland für deren Zwecke missbraucht werde. "Das ist unerträglich für diese Stadt, unerträglich für die ganze Region."

Dass so Klartext gesprochen wurde, tat vielen Kandelern gut. Sie mussten in den vergangenen Wochen zusehen, wie eine Demo nach der anderen organisiert wurde - immer mit Bezug auf den Tod des Mädchens. Am 3. März waren 4.500 Demonstranten in der Stadt. "Wir Kandeler wollen das nicht", sagte ein 75 Jahre alter Rentner über die Aufzüge der Rechtspopulisten. Es sei fast schon kriminell, das Verbrechen an Mia für politische Zwecke zu missbrauchen. "So ein Mord kann überall passieren." 

Und eine 71-Jährige, die nach eigenen Angaben erstmals an einer Demo teilnahm und "trotz Knieschmerzen" gekommen war, sagte: "Wir möchten unsere Stadt nicht von der braunen Suppe kaputtmachen lassen."


Tausende Menschen auf den Straßen

Nach Polizeiangaben mobilisierte "Wir sind Kandel" rund 2.000 Menschen. An einem weiteren, von der Antifa angemeldeten Protestzug waren etwa 250 Menschen beteiligt. Die Teilnehmerzahl der rechtspopulistischen "Kandel ist überall"-Demo bezifferte die Polizei auf etwa 1.000.

Polizisten mit Flaschen und Böllern beworfen

Zum Kontakt zwischen den Lagern kam es am Samstag nicht. Laut Polizei flogen aber aus dem linken Spektrum einige Böller und Flaschen auf die Beamten. "Aus dem Grund wurden Pfefferspray und Schlagstock eingesetzt", sagte eine Polizeisprecherin. Drei Polizisten seien dabei leicht verletzt worden, seien aber weiter dienstfähig gewesen.

Fünf Personen seien vorläufig festgenommen worden. Ein Mann soll den sogenannten Hitlergruß gezeigt haben, den vier anderen werde Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und der Wurf von Böllern vorgeworfen.

An einem dritten, von der Antifa angemeldeten Demonstrationszug beteiligten sich etwa 200 Menschen

An einem dritten, von der Antifa angemeldeten Demonstrationszug beteiligten sich etwa 250 Menschen

Das rechtspopulistische Bündnis "Kandel ist überall" wollte mit der Kundgebung an den gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia erinnern. Mutmaßlicher Täter ist ein Flüchtling. Zudem forderte "Kandel ist überall" auch den Stopp jeglicher Zuwanderung und mehr Abschiebungen. "Wir kämpfen für unsere Heimat", stand auf einem großen Transparent, das Männer und Frauen an der Spitze des Zuges vor sich hertrugen. Die Teilnehmer skandierten: "Merkel ist noch an der Macht, gebt auf Eure Kinder acht!" und "Kein Djihad in unserer Stadt".

Eine vorherige Demonstration des rechtspopulistischen Bündnisses war von der baden-württembergischen AfD-Politikerin Christina Baum angemeldet worden. Unter den damals rund 3.500 Teilnehmern waren auch Rechtsextreme, Hooligans und NPD-Anhänger.

Lewentz warnt AfD

Weil damals auch rheinland-pfälzische Landtags- und Bundestagsmitglieder der AfD bei der Kundgebung mitliefen, hatte Innenminister Lewentz im SWR im Vorfeld angekündigt, man "werde am Samstag genau hinschauen. Wenn AfD-Abgeordnete mit rechtsradikalen Gruppierungen wie 'Identitärer Weg', NPD oder 'Dritter Weg' gemeinsam marschieren und Fahnen zeigen, dann ist das für mich grenzüberschreitend."

Parallel zu den Demonstrationen in Kandel fanden am Samstag auch Kundgebungen in Hachenburg im Westerwald statt. Hier demonstrierte die AfD gegen den Einfluss des türkischen Moschee-Verbandes Ditib. Die Kundgebung wurde von einer Gegendemonstration begleitet.