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Ein Jahr nach Germanwings-Absturz Was hat sich seit der Katastrophe getan?

Heute vor einem Jahr zerschellte in den Alpen eine Germanwings-Maschine. Der Co-Pilot hatte das Flugzeug absichtlich abstürzen lassen. 150 Menschen starben. Was hat sich seither getan? Was wurde geändert? Was soll kommen?


Es ist 10.41 Uhr am 24. März 2015 als der Germanwings-Flug 4U9525 vom Radar verschwindet und in den französischen Alpen zerschellt. Der psychisch kranke Copilot Andreas L. aus Montabaur steuert den Airbus A320 absichtlich in den Felsen, als der Pilot nicht im Cockpit ist. Er reißt 149 Menschen mit in den Tod. Drei der Opfer kommen aus Rheinland-Pfalz.

Auch ein Jahr danach sitzt der Schock für die Familien und Angehörigen tief. Hunderte Hinterbliebene haben am Donnerstagvormittag bei einer Trauerzeremonie in den französischen Alpen der Toten gedacht. In dem nahe der Absturzstelle gelegenen Dorf Le Vernet wurde um 10.41 Uhr eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten. Auch im Westerwald wird getrauert. Eine 20-jährige Frau aus Westerburg und zwei junge Männer aus dem benachbarten Rothenbach saßen in der Maschine.

Opfer-Anwalt: "Entschädigungen lächerlich"

Der Streit über die Höhe der Entschädigungen, die die Germanwings-Mutter Lufthansa zahlen soll, schwelt weiterhin. 50.000 Euro Sofort-Entschädigung hatten die Opfer-Familien nach dem Unglück erhalten. Dazu gab es für enge Familienangehörige noch einmal 10.000 Euro. Im internationalen Vergleich ein "lächerlicher Betrag", sagte Opfer-Anwalt Christof Wellens. Da in den USA höherer Schadenersatz möglich ist, will er in Arizona klagen. Die Klage wird sich gegen die Flugschule der Lufthansa richten, an der Andreas L. ausgebildet wurde. Wellens vertritt 34 Opferfamilien.

Verpixeltes Bild des Co-Piloten

Andreas L. riss 149 Menschen mit in den Tod

Germanwings hat angekündigt, keine Verhandlungen mit US-Anwälten führen zu wollen. Weder finde amerikanisches Recht Anwendung, noch lasse sich ein Gerichtsstand in den USA begründen.

So oder so: Geld heilt keine Wunden. Wellens beklagt, dass Andreas L. überhaupt nie eine Fluglizenz hätte bekommen dürfen. "Wenn jemand über sechs Monate massiv psychisch erkrankt ist, Selbstmordgedanken hat, Psychopharmaka nimmt und zur Behandlung in einer Klink war, dann hätte man ihn ausschließen müssen", sagte der Anwalt dem SWR.

Viele Ärzte, keiner schlug Alarm

Der Pilot war in den letzten fünf Jahren vor dem Unglück bei vielen Ärzten. Keiner davon hat Alarm geschlagen. Sie hielten sich an ihre ärztliche Schweigepflicht. Was kann man also tun, damit solch eine Katastrophe nicht noch einmal passiert?

Im Abschlussbericht der Absturzuntersuchung fordern französische Ermittler klare internationale Regeln für die Schweigepflicht. Gesundheitsdienstleister sollten die Behörden informieren, wenn die Gesundheit eines Patienten die öffentliche Sicherheit gefährde.

Search and rescue workers collecting debris at the crash site of the Germanwings Airbus A320 in the French Alps, above the town of Seyne-les-Alpes, southeastern France, 31 March 2015.

Die Bergungsarbeiten im Absturzgebiet waren schwierig

Die Pilotenvereinigung Cockpit schlägt vor, dass Gesetzgeber, Ärzte und Piloten sich zusammensetzen sollten, um zu bewerten, wann ein Fall gemeldet werden darf und wann nicht. "Dies muss gemeinsam definiert werden, damit alle Seiten wissen, was auf sie zukommt", sagte Cockpit-Sprecher Markus Wahl dem SWR.

Das Maßnahmenpaket der französischen Ermittler bewertet Wahl als gut. Besonderes Augenmerk sollte hier auf die intensive Betreuung von Betroffenen gelegt werden. Gemeint ist die Einführung von sogenannten Peer-Support-Programmen. "Hier können sich Betroffene Hilfe holen, ohne Angst haben zu müssen, dass dies Konsequenzen für ihren Arbeitsvertrag hat", erklärt Wahl.

Cockpit gegen Zwei-Personen-Regel

Andere Maßnahmen, wie die kurz nach den Absturz eingeführte Zwei-Personen-Regelung im Cockpit oder die geplanten unangemeldeten Kontrollen auf Alkohol, Drogen und Medikamente, sieht die Piloten-Vereinigung kritisch.

Die Zwei-Personen-Regelung müsse wieder abgeschafft werden, sagte Wahl. "In der Zeit kurz nach dem Unglück war sie eine gute und vertrauensbildende Maßnahme. Nach einem Jahr muss man sich aber schon fragen, ob dies die Flugsicherheit im Allgemeinen wirklich verbessert hat". So sei die Cockpit-Tür nun deutlich länger offen. Zudem sei es für einen potenziellen Terroristen absehbarer, wann die Tür aufgeht. "Dies schafft mehr Risiko als es die zweite Person im Cockpit vermindert", so Wahl.

"Drogentests falsche Maßnahme"

Die Pläne der Großen Koalition in Berlin für unangemeldete Kontrollen auf Drogenkonsum, hält Cockpit auch für ein falsches Instrument. "Fragt man Psychologen, ist dies genau die falsche Maßnahme", sagte Wahl. Drogentests führten nur dazu, dass sich Betroffene versteckten und sich nicht mehr helfen ließen. "Wir provozieren mit einer solchen Maßnahme also einen solchen Fall wie Germanwings", so Wahl.

Würden Piloten auch psychologisch strenger überwacht, hätte viel Leid der Angehörigen verhindert werden können. Die Bundesregierung will die Vorschriften ändern, ein entsprechender Gesetzentwurf liegt vor. Für die Angehörigen kommt das zu spät.