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Ausgrabungen in der Mainzer Johanniskirche "Es ist immer mit einer Überraschung zu rechnen"

Von Anne Koark, Manuela Hübner und Jens Freitag

Spektakuläre Funde machten Archäologen Anfang 2014 in der Mainzer Johanniskirche: Im sogenannten "Alten Dom" glauben sie auf Mauerreste aus dem 6. bis 8. Jahrhundert gestoßen zu sein. Im Interview erzählen uns die Leiterin der Landesarchäologie Mainz Marion Witteyer und Grabungsleiter Ronald Knöchlein von ihrer spannenden Arbeit.

Dr. Marion Witteyer

Marion Witteyer ist seit 2012 Leiterin der Mainzer Landesarchäologie. Ihr Schwerpunkt ist die provinzialrömische Archäologie. Vor der Johanniskirche betreute sie u.a. die Ausgrabung des Isis-Heilgtums. Bereits als Studentin war sie in Mainz bei der Freilegung der Römerschiffe dabei.

SWR: Was war der Grund für die aktuellen Grabungen? Wussten Sie schon vorher, was Sie erwartet?
Marion Witteyer: Wir wurden bei Bauarbeiten hinzugerufen und haben im letzten Juni angefangen zu graben. Anfangs sah es so aus, als seien wir schnell fertig. Denn wir haben nur Kriegsschutt gesehen, mit dem das Fundament nach dem Zweiten Weltkrieg aufgefüllt worden war. Und Kriegsschutt rausholen ist keine große Sache. Aber dann haben wir darunter Schichten gefunden, die man auf jeden Fall dokumentieren musste. Und bei der Arbeit entstanden neue Fragen. So ging das immer weiter.

Wie viele Leute sind hier täglich an den Grabungen beteiligt?
Witteyer: Der Grabungsleiter Herr Knöchlein, ein Dauermitarbeiter sowie mehrere Studenten, die zu unterschiedlichen Zeiten kommen - manchmal vier bis sechs Leute, manchmal nur eine Person. Ich bin fast jeden Tag da und diskutiere mit den anderen die Befunde. Am liebsten würde ich aber mit ins Loch steigen und bei den Grabungen helfen.

Ronald Knöchlein: "Große Steinbauqualität"

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"Große Steinbauqualität"

Jens Freitag

Grabungsleiter Ronald Knöchlein erklärt, wieso diese Mauer in ihrer Qualität zwar an die große römische Steinbauqualität erinnert, wahrscheinlich aber aus der Hatto-Zeit stammt.

Mit welchen anderen Experten arbeiten Archäologen denn zusammen?
Witteyer: Wir sind immer mit einem großen Team in der Auswertung unterwegs. Wir selbst können beispielsweise Menschenknochen dokumentieren, aber bei Skelettfunden gibt es ja viele weitere Fragen, und die beantwortet dann ein Anthropologe. Der kann zum Beispiel auch das Alter der Person erkennen, wenn er die Zähne untersucht. Dann interessiert uns das Steinmaterial, das untersuchen die Geologen. Die Speiseabfälle bestimmt ein Osteologe, denn da sind Tierknochen drin. Wenn es ums Holz geht, würden wir einen Dendroarchäologen befragen. Und die C14-Bestimmung macht wieder jemand anderes. In geschlossenen Sarkophagen könnten auch Kleidungsreste die Zeit überlebt haben, also brauchen wir Textilkundler oder -restauratoren.

Ronald Knöchlein: In manchen Fällen werden auch Erdproben nach Pflanzenresten untersucht - von Botanikern. Manchmal brauchen wir zudem auch Mineralogen, wenn es um ganz spezielles Baumaterial geht. Die können dann zum Beispiel rausfinden, aus welchem Land das Material kommt.

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Evangelische Kirche St. Johannis in Mainz

Die Johanniskirche damals und heute

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Aus dem Jahr 1812: Neben dem neuen Dom wirkt die Johanniskirche (hier am rechten Bildrand) recht unscheinbar.

Aus dem Jahr 1812: Neben dem neuen Dom wirkt die Johanniskirche (hier am rechten Bildrand) recht unscheinbar.

Detail eines kolorierten Kupferstichs: die Johanniskirche um 1835. Kurz zuvor war sie von der evangelischen Gemeinde übernommen worden.

Die Johanniskirche vor dem Umbau von 1906-1907.

So sah die Kirche 1909 aus, zwei Jahre nachdem sie von Architekt Friedrich Pützer umgebaut worden war.

Der Innenraum der Johanniskirche nach den Fliegerangriffen im September 1918.

1942 brannte die Johanniskirche nach einem Fliegerbombenangriff fast vollständig aus.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg musste die Kirche wiederaufgebaut werden. Die Arbeiten waren 1956 abgeschlossen.

Im Sommer 2013 begannen umfangreiche Grabungen in der Kirche. Seitdem haben Archäologen Mauern aus frühkarolingischer Zeit freigelegt und Hinweise auf einen römischen Bau entdeckt.

Bei den Grabungen finden die Archäologen neben Keramik- und Glasscherben auch immer wieder Tierknochen. Sie stammen aus Speiseabfällen.

Alle Funde werden sorgfältig in Tüten gepackt. Sie werden später genau untersucht.

Hinter diesem unscheinbaren Mauerbogen vermuten die Archäologen den Abgang zur Krypta des alten Doms.

Auch Wandputz kann Licht in die Vergangenheit bringen. Das Grabungsteam arbeitet deshalb mit einem Experten für historische Putze zusammen.

Das Skelett wurde im Keller der Kirche gefunden. Es liegt in einem frühmittelalterlichen Sarkophag. Die Archäologen gehen davon aus, dass der Sarkophag davor schon mehrmals benutzt wurde.

Was findet sich denn alles im Boden der Johanniskirche?

Grabungsleiter Knöchlein steht vor einer Mauer

Ronald Knöchlein ist Grabungsleiter in der Johanniskirche. Zuvor hat er unter anderem die Erforschung eines fränkischen Gräberfelds bei Worms betreut. Knöchlein hat in Mainz und München Archäologie studiert.

Knöchlein: In Kirchen freut man sich über jede Scherbe, weil man sonst relativ wenig findet. Wir finden hauptsächlich Keramikscherben, aber auch Glasstücke von Fenstern und Trinkgefäßen. Im Kriegsschutt aus dem Zweiten Weltkrieg haben wir unter anderem Küchengeschirr gefunden. Aus der Barockschicht haben wir auch viel geborgen, zum Beispiel Speiseabfälle. Auch ein paar spätmittelalterliche Münzen haben wir gefunden. Die sind hauchdünn und leicht grünlich, "Hut ab", dass die Studenten die nicht übersehen haben.

Sie suchen auch noch nach einer Krypta. Wie sind da die Fortschritte?
Knöchlein: Es gibt Hinweise, wo sie sein könnte. Wir haben einen Rundbogen gefunden, von dem wir ausgehen, dass das der Abstieg in die Krypta ist. Wir haben allerdings noch nicht mit den Grabungen dort begonnen.

Zugang zur Krypta gefunden?

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Zugang zur Krypta gefunden?

Jens Freitag

Hinter einer bogenförmige Vermauerung vermutet der Ausgrabungsleiter den Zugang zur Krypta, der Grabkammer der Johanniskirche - eine vielversprechende Spur.

Wie schreiten die Grabungen insgesamt voran?
Knöchlein: Jede Erkenntnis, die wir hier treffen, müssen wir mit mindestens fünf neuen Fragen erkaufen. Aus dem Erkenntnisminus kommen wir also nie raus ...

Witteyer (unterbricht): Doch, später!

Eine der Erkenntnisse war die tatsächliche Höhe der Kirche ...
Knöchlein: Ja, genau! Man findet aus dieser Zeit selten eine Kirche mit solch einer Höhe. Und viele dieser Mauern sind sogar noch erhalten. Der Kölner Dom zum Beispiel hat bei weitem nicht so viel alte Substanz aufzuweisen wie die Johanniskirche. Erst später hat man dann den Boden aufgeschüttet, sodass viel von der Höhe verloren ging. Als ich selbst zu Schulzeiten hier war, hat noch keiner gewusst, dass die Kirche früher so viel höher war.

Ronald Knöchlein: "Gewaltige Höhenausdehnung"

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1:26 min

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"Gewaltige Höhenausdehnung"

Jens Freitag

Grabungsleiter Ronald Knöchlein erklärt, wie gewaltig die Johanniskirche in ihrer Höhenausdehnung ist.

Wie viel vom frühkarolingischen Vorgängerbau steckt denn noch in der Johanniskirche?
Knöchlein: Hatto hat teilweise Mauerreste von Bau 1 verwendet. Es finden sich Reste, die in die neue Kirche integriert wurden. An anderen Stellen wurde dieser komplett abgerissen. Ich denke, es war ein planmäßiger Abriss und Neuaufbau - wahrscheinlich ein fließender Übergang.

historische Aufnahme der Mainzer Johanniskirche

Zeitleiste

Von Hatto bis heute

910 n. Chr.
Einweihung der spätkarolingischen Domkirche durch Erzbischof Hatto. Damals heißt sie noch St. Martin.

1002
Erzbischof Willigis krönt Heinrich II. in der Domkirche zum König.

1036
Der neue Dom St. Martin ist fertig. Er wurde genau neben dem "Alten Dom" (dem "Aldedum") errichtet. Der Aldedum bekommt einen neuen Patron: St. Johannis.

13. Jahrhundert
Weil der Alte Dom in schlechtem baulichen Zustand ist, genehmigt Papst Gregor IX. eine Sanierung. Diese soll aus dem Ablasshandel bezahlt werden.

14. Jahrhundert
Umfangreiche Baumaßnahmen beginnen. Unter anderem wird ein gotischer Turm gebaut.

um 1685
Wieder größere Baumaßnahmen. Unter anderem wird der Fußboden rund 2,5 Meter aufgeschüttet, um das instabile Fundament zu stärken.

1767
Der Verbindungsgang zwischen altem und neuem Dom, Paradies genannt, brennt nach einem Blitzschlag ab und wird in der Folge nicht mehr aufgebaut.

ab 1792
Zur Zeit der französischen Besetzung wird die Kirche unter anderem als Strohlager und Militärdepot gebraucht.

1828
Die evangelische Gemeinde übernimmt die Kirche, die ab sofort wieder für religiöse Zwecke genutzt wird.

1906/1907
Der renommierte Architekt Friedrich Pützer baut die Kirche weitreichend um.

September 1918
Die Kirche wird bei Fliegerangriffen beschädigt.

1942
Nach einem Luftangriff brennt die Kirche fast komplett aus.

1956
Einweihung nach Wiederaufbau

Sommer 2013
Bei Sanierungsarbeiten werden durch Zufall Reste eines Fußbodens aus der Zeit von Erzbischof Hatto entdeckt.

Februar 2014
Archäologen finden Mauerreste aus dem 7. und 8. Jahrhundert, also aus frühkarolingischer Zeit.

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