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Illegale Autorennen und Raserei enden oft tragisch - besonders wenn Unbeteiligte hineingezogen werden. Experten erklären die Psychologie hinter diesem lebensgefährlichen Leichtsinn.

Mit Tempo 240 erwischte die Polizei Anfang November einen Autofahrer auf der Bundesstraße bei Pirmasens; im September ist es ein illegales Autorennen am Trierer Moselufer, das die Polizei rechtzeitig beenden kann, bevor womöglich Schlimmeres passiert wäre.

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Welche katastrophalen Folgen das haben kann, zeigt der schwere Unfall Anfang Oktober auf der A66 nahe Wiesbaden. Drei Sportwagen befuhren dabei mit hoher Geschwindigkeit die Autobahn, einer verlor die Kontrolle und krachte in den Wagen einer unbeteiligten Frau. Sie starb noch an der Unfallstelle.

Härtere Strafen für Raser

Laut einer Umfrage der Nachrichtenagentur DPA berichten die Polizeidienststellen in ganz Deutschland von einer gleichbleibend hohen Gefahr durch illegale Autorennen und Raserei.

Auch in Rheinland-Pfalz ist die Anzahl polizeilich aufgenommener "illegaler Kraftfahrzeugrennen" deutlich angestiegen. Wie das rheinland-pfälzische Innenministerium dem SWR mitteilte, wurden 2018 insgesamt 11, 2019 bereits 118 und bis 31. Oktober 241 Strafanzeigen gestellt.

Dabei hatte der Gesetzgeber im Juli 2017 reagiert und Straßenrennen auch ohne konkrete Gefährdung als strafbar erklärt.

Für den Unfallforscher und Verkehrspsychologen Siegfried Brockmann braucht es für eine wirksame Prävention vor allem ein starkes soziales Umfeld, das den Raser auf sein Fehlverhalten aufmerksam macht.

"Das Auto wird immer noch von gewissen Kreisen als Statussymbol gebraucht und sehr viele Menschen fahren auch einfach gern sehr schnell", sagt Brockmann.

Dieses Bewusstsein würde sich erst ändern, "wenn einer, der in der 30er-Zone 30 Stundenkilometer fährt, nicht mehr als Schleicher bezeichnet wird und jemand, der in drei Stunden von München nach Berlin mit dem Auto fahren kann, wirklich erheblich getadelt wird und nicht noch gelobt."

Soziale Netzwerke als Bestätigung

Für den ADAC sind auch Soziale Netzwerke ein Grund. "Man muss Rasern die Anerkennung für ihr Verhalten verwehren", sagt Monika Gaß, Pressesprecherin des ADAC Pfalz. "Deshalb sollte man wo möglich dieses Verhalten klar verurteilen. Also nicht auch noch in den sozialen Netzwerken teilen."

Personen, die Nervenkitzel suchten, müsse man klarmachen, dass sie das keinesfalls im öffentlichen Straßenverkehr tun dürfen, sondern nur auf gesperrten nichtöffentlichen Strecken, die dafür eingerichtet seien.

Revierverhalten auf der Autobahn

Mehrheitlich handele es sich dabei um ein männliches Verhalten, darin sind sich der ADAC und Verkehrsexperte Siegfried Brockmann einig.

"Gerade Männer und vor allem junge Männer zeigen im Auto Revierverhalten", sagt Brockmann. "Dieses Revier kann unterschiedliche Größen haben. Es ist immer das, was wir in den nächsten zwei bis drei Sekunden erreichen können. Das Revier eines Fußgängers ist somit wesentlich kleiner als das des Rasers auf der Autobahn. Der hat bei 200 Stundenkilometer in drei Sekunden 150 Meter absolviert. Diesen Raum beansprucht er auch für sich."

Raser- und Poserszene nicht das Hauptproblem

Die berüchtigte Raser- und Poserszene sei somit nicht zwangsläufig der vornehmliche Ort für illegale Autorennen und provozierte Grenzsituationen. Etliche illegale Autorennen entwickelten sich eher zufällig.

"Also zwei Autos stehen nebeneinander, darin vielleicht zwei testosterongesteuerte junge Männer und dann drücken die eben aufs Gaspedal", so Brockmann. "Es greift immer mehr um sich, dass man meint zeigen zu müssen, was das Auto kann." Für den ADAC steckt dahinter auch die Suche nach Anerkennung.

Zunehmender Straßenverkehr steigert Aggressivität

Für die Aggressivität nennt Brockmann auch den zunehmenden Straßenverkehr als Grund, der einen quasi unaufhörlich daran hindere, das durchzusetzen, was man will. "Beispielsweise in einer schmalen Straße, die vor mir ein Radfahrer benutzt. Den kann ich nicht überholen, das macht mich aggressiv", so Brockmann.

"Oder jemand, der sich vorschriftsmäßig an das Tempo 30 hält. Je nach Gemüt kann sich da Aggressivität aufstauen und sich dann bei einem nichtigen Anlass entladen."

Mehr polizeiliche Kontrolldichte gefordert

Aus Befragungen ginge hervor, dass das Phänomen Aggression im Straßenverkehr in den letzten Jahren zugenommen habe, sagt Brockmann. Die 2017 eingeführte härtere Bestrafung für illegale Autorennen zeige dabei offenbar wenig Wirkung. "Wenn das Adrenalin hochschießt, denkt keiner an eine Strafe."

Vom Gesetzgeber sei dennoch alles nötige getan. Was fehle, sei die entsprechende polizeiliche Kontrolldichte, so dass man auch die Annahme haben müsse, erwischt zu werden. Das fordert auch der ADAC Pfalz: "Man muss verstärkte Kontrollen durchführen, um den Irrglauben der Raser, unangreifbar zu sein, aufzuklären", sagt ADAC-Sprecherin Gaß.

ADAC: Machtspielchen verhindern

Für den Umgang mit penetranten Dränglern und Rasern rät der ADAC Pfalz: "Wenn Ihnen der Hintermann an der Stoßstange klebt, sollten Sie versuchen, Ruhe zu bewahren und den Druck auf keinen Fall auf den Vorausfahrenden verlagern", sagt Gaß. Machtspielchen sollten möglichst ignoriert werden. "Der drängelnde Hintermann verhält sich ohnehin schon irrational, das könnte ihn noch mehr provozieren."

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