STAND
AUTOR/IN

Windräder im Pfälzerwald - Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) kann sich das vorstellen. Mit ihrem Plädoyer hat sie eine alte Debatte neu entfacht. Wir erklären, worum es genau geht und welche Fakten dafür oder dagegen sprechen.

Viele Rheinland-Pfälzer und allen voran die Pfälzer lieben den Pfälzerwald, der von der Unesco als Biosphärenreservat geadelt wurde. Natur pur, Ruhe, frische Luft, Erholung - das verbinden viele mit dem Pfälzerwald. Nicht verwunderlich also, dass die Verknüpfung von der Idylle Pfälzerwald mit der Idee Windkraftanlagen für einen Sturm der Entrüstung sorgt.

Video herunterladen (11,9 MB | MP4)

Das hat Ministerpräsidentin Dreyer zu Windrädern im Pfälzerwald gesagt

Im TV-Duell mit ihrem Herausforderer Christian Baldauf (CDU) und auch in der Spitzenrunde kurz vor der Landtagswahl sagte Dreyer, es dürfe kein Tabu in den Wäldern im Land geben. Das bedeute nicht, dass Windräder mitten in den Pfälzerwald gestellt würden. Vielmehr nennt Dreyer Randzonen, Brachen und Autobahnen als mögliche Standorte.

"Und wieso sollte man nicht mit Kommunen und Bürgern darüber sprechen, ob an einer Autobahn ein Windrad steht?"

Malu Dreyer in "Die Wahl im SWR - Die Spitzenrunde" am 11. März 2021

Das Thema ist nicht neu. Bereits vor einigen Jahren wollte die SPD den Pfälzerwald für Windenergie nutzen. Es gab erbitterten Widerstand aus der Bevölkerung. Aber auch die FDP war und ist bis heute dagegen. So wurde das Projekt nach dem Start der Ampelkoalition 2016 ad acta gelegt. Mehr noch: 2020 wurde eine für die Diskussion wichtige Vorschrift geschaffen.

Der rechtliche Rahmen in Rheinland-Pfalz

"Die Errichtung von Windkraftanlagen ist ausgeschlossen." - Dieser Satz steht seit Juli 2020 in Paragraph 7, der "Landesverordnung über das Biosphärenreservat Pfälzerwald". Für die Gegner von Windrädern im Pfälzerwald wie zum Beispiel den Bezirkstagsvorsitzenden Theo Wider (CDU) ist damit klar: Es darf keine Windräder im Biosphärenreservat geben. Zu klären ist aber: Ist der Pfälzerwald überhaupt als Ganzes von dieser Vorschrift erfasst?

Sind Pfälzerwald und Biosphärenreservat deckungsgleich?

Seit 1992 hat der Pfälzerwald die Anerkennung als Biosphärenreservat, 1998 wurde das grenzüberschreitend erweitert auf das Gebiet zusammen mit den Nordvogesen in Frankreich. Die Unesco gibt diese Fläche (auf deutscher Seite) mit etwa 1.810 km² an. Davon entfallen laut Landesforsten Rheinland-Pfalz etwa 1.690 km² auf den Pfälzerwald. Der Rest ist die Weinanbaufläche, die westlich der Deutschen Weinstraße liegt. Zugleich gibt es nach Angabe der Unesco-Außenstelle zum Biosphärenreservat Pfälzerwald einen sehr kleinen Teil im Norden des Pfälzerwaldes, der nicht zum Biosphärenreservat gehört. Für diesen Teil gilt die Verordnung nicht, Windräder wären hier also prinzipiell denkbar.

die Karte zeigt die verschiedenen Gebiete des Biosphärenreservats Pfälzerwald in Rheinland-Pfalz mit Wald, Weinbau, Grünbau und Siedlungsgebieten. (Foto: Biosphärenreservat )
Aufteilung des Biosphärenreservats Biosphärenreservat Bild in Detailansicht öffnen

Da die Landesverordnung also fast für den gesamten Pfälzerwald gilt, schließt sich die Frage an:

Wären Windräder der Todesstoß für den Unesco-Titel Biosphärenreservat?

"Das Alleinstellungsmerkmal des Pfälzerwaldes ist, dass es die größte zusammenhängende Waldfläche in ganz Westeuropa ist", erklärt Lutz Möller, stellvertretender Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission. Der Unesco sei ganz wichtig, dass dieses Waldstück auch so erhalten bleibt.

"Und auf Basis der aktuellen Landesverordnung ist der Bau solcher Anlagen tatsächlich dort nicht möglich." Allerdings geht die Rechtsvorschrift über die Forderungen hinaus, die die Unesco 2014 gestellt hatte. Die Verordnung bezieht sich nämlich auf die gesamte Fläche des Biosphärenreservats und nicht nur auf die bewaldete Fläche. Nur für diese hatte die Unesco 2014 ein klares Verbot für Windkraftanlagen gefordert. "Dazu stehen wir auch heute, und unsere Forderung wird nicht schärfer gefasst, weil die Landesverordnung sogar darüber hinausgegangen ist", sagt Möller.

Nach Angaben der Unesco-Außenstelle für den Pfälzerwald sind 77 Prozent des Biosphärenreservats bewaldet. Würden auf den übrigen Flächen Windräder gebaut, würde das nicht den zusammenhängenden Wäld zerschneiden - wohl aber derzeit gegen die entsprechende Verordnung verstoßen. Würde diese umgeschrieben werden, "dann müsste man gucken, was möglich ist", sagt Möller. Die Unesco hofft aber, dass die gerade erst vor einem halben Jahr in Kraft getretene Verordnung nicht neu gefasst wird, denn sie sei sehr modern und in langer Abstimmung mit der Bevölkerung entstanden. Wenn es also zumindest eine theoretische Möglichkeit gibt, Windräder im Pfälzerwald aufzustellen, folgt die Frage nach dem wo.

Windräder an der Autobahn - eine Option für den Pfälzerwald?

Diese Idee brachte Ministerpräsidentin Dreyer ins Spiel. Ein Blick auf die Karte zeigt: Zwischen Grünstadt und Landstuhl verläuft die A6 am Rande des Pfälzerwaldes und die A62 streift das Gebiet im Westen auf wenigen Kilometern. Für Bernhard Wern, Ressourcenökonom am Institut für Zukunftsenergie und Stoffsysteme (Izes) in Saarbrücken, sind Windräder an Autobahnen ein gangbarer Weg. "Wichtig ist, dass Mindestabstände eingehalten werden, damit ein Windrad niemals auf eine Autobahn stürzt, sollte es mal umfallen." Tatsächlich stehen an der A6 zwischen Grünstadt und Kaiserslautern bereits zwei Windräder, die wohl älter als die neue Landesverordnung sind.

Ein Windrad auf einer kleinen Brachfläche mitten im Wald - es wird diskutiert, ob das in rheinland-Pfalz im Pfälzerwald möglich wäre (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Oliver Berg)
So könnte es aussehen picture alliance/dpa | Oliver Berg

Taugen Brachflächen im Wald als Standort für Windräder?

"Das ist auf jeden Fall denkbar", meint Ressourcenökonom Wern. Aber es erfordere genaues Hinschauen: "Wie viele Bäume müsste man zum Beispiel fällen, um für die Bauphase Wege zu schaffen, die breit genug für die Transporter sind?" Nach dem Bau müssten die Windkraftbetreiber wieder nachpflanzen. Ohnehin gebe es ja die Forstwege, über die Langholzfahrzeuge fahren müssen. Die seien dann auch ausreichend, um für die Wartung zu den Windrädern zu gelangen. Die zu schaffenden Transportwege sieht Möller ebenfalls als ein Hindernis an, denn die Brachflächen müssten ja windhöfig sein, also in Randbereichen auf der Höhe liegen. "Wir müssten uns dann jeden einzelnen Standort anschauen."

Energiewende als gesamtwirtschaftliche Aufgabe in Rheinland-Pfalz

Der Klimawandel betrifft jeden, die damit verbundene Energiewende wird zu einer Aufgabe für alle. Windenergie gehört für mehrere Parteien zur Energiewende selbstverständlich dazu. Aber braucht es dafür unbedingt Windräder im Pfälzerwald? Gibt es nicht genug andere Standorte im Land?

Ressourcenökonom Wern rechnet vor: Etwa 40 Prozent seines Energiebedarfs deckt Deutschland heute aus erneuerbaren Energien. 60 Prozent fehlen also. Hinzu komme, dass der Strombedarf weiter wachsen wird, denn: Elektromobilität und Hauswärme durch Wärmepumpen braucht mehr Strom. "Mit dieser Perspektive müssen wir rangehen. Wir müssen natürlich an der Autobahn Windräder aufstellen - aber eben auch woanders."

Das Akzeptanzproblem: Initiative Pro Pfälzerwald gegen Windräder

Bleibt die Tatsache, dass viele Menschen vor Ort keine Windräder im Pfälzerwald haben wollen und deshalb zum Beispiel in der Initiative Pro Pfälzerwald gegen die Idee der Ministerpräsidentin Sturm laufen. Die CDU im Bezirkstag hat sich klar gegen Windräder positioniert, die SPD kann sich Windräder an der Autobahn vorstellen. Rückenwind für die Zweifler gibt es nach wie vor auch von der FDP im Land.

"Man kann nicht die Zerstörung des Regenwaldes am Amazonas kritisieren und gleichzeitig die Zerstörung von Waldflächen für die Windenergie fordern."

Daniela Schmitt, FDP

Ressourcenökonom Wern ist allerdings überzeugt, dass man es schaffen könnte, Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Wenn die Bürger einen Vorteil durch die Anlagen hätten, dann würde sich das Blatt schnell wenden. "Wenn die Kommune auf einmal eine Kita im Ort mit zwei Arbeitsplätzen finanzieren oder ein Schwimmbad wieder reaktivieren kann, weil die Windkraft Geld in die Kasse bringt, dann profitieren die Menschen unmittelbar", sagt Wern. Allerdings zeigt ein Beispiel aus dem Hunsrück, dass trotz gut gefüllter Gemeindekassen nicht alle Menschen von den Windkraftanlagen begeistert sind.

Die oberste Regel sei: "Man muss die Bürger einbinden, bevor die Investoren da sind." Die Menschen dürften nicht "placebomäßig" in den Prozess integriert werden, sondern wirklich die Chance haben, etwas entscheiden zu dürfen.

Simmern

Fluch oder Segen? Wie Windkraft im Hunsrück die Bevölkerung spaltet

Pachteinnahmen aus der Windkraft füllen im Rhein-Hunsrück-Kreis die Gemeindekassen. Lärm, Infraschall und Schlagschatten der Windräder belasten aber auch die Menschen.  mehr...

Kaiserslautern

Bezirksverband überrascht von Ministerpräsidentin Dreyer Kritik an Windkraft-Plänen im Pfälzerwald

Der Bezirksverband Pfalz mit Sitz in Kaiserslautern steht Windkraft-Anlagen im Pfälzerwald kritisch gegenüber. Ministerpräsidentin Dreyer hatte zuvor gesagt, sie könne sich Windkraft im Wald durchaus vorstellen.  mehr...

Am Nachmittag SWR4 Rheinland-Pfalz

Ökologie Warum Klima- und Artenschutz oft nicht zusammenpassen

Öko-Strom gefährdet die Artenvielfalt. Klingt erstmal widersinnig. Aber Windräder verbrauchen Fläche, Wasserkraftwerke gefährden Ökosysteme in Flüssen – um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Wahlprogramme vergleichen Das versprechen die Parteien zu Windrädern und Schottergärten

Der "Klimawandel" wird von einigen Parteien in Rheinland-Pfalz als eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart betrachtet. Welche Ideen haben sie hierfür?  mehr...

Weniger Genehmigungen auch in BW und RP Ausbau der Windenergie "massiv in den Keller" gegangen

Der Ausbau der Windenergie hat sich weiter verlangsamt - vor allem in Süddeutschland. Das hat eine Datenanalyse des SWR ergeben. Ausgewertet wurden Windkraft-Genehmigungen aller Bundesländer.  mehr...

STAND
AUTOR/IN