Wilderer schießen auf alles, was ihnen vor die Flinte kommt - auch auf Frischlinge oder Elterntiere - das ist generell bei der Jagd verboten (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa | Jens Büttner)

Nach den tödlichen Schüssen auf Polizisten im Kreis Kusel

Wilderei - skrupellos, kriminell und gar nicht so selten

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Andrea Lohmann

Erste Ermittlungen im Fall der getöteten Polizisten im Kreis Kusel deuten auf Wilderei als mögliches Tatmotiv hin. Ein Massenphänomen scheint die Wilderei nicht zu sein - aber eine Straftat mit vielen gefährlichen Facetten.

In Rheinland-Pfalz wurden 88 Fälle von Jagdwilderei im Jahr 2020 von der Polizei erfasst. 1.080 Fälle waren es laut Statistik in ganz Deutschland. Vielleicht kein Massenphänomen, aber auch keine Seltenheit. Vom Deutschen Jagdverband (DJV) heißt es dazu: "Wir glauben, dass es nur die Spitze des Eisberges ist", so DJV-Sprecher Torsten Reinwald.

Aber unabhängig von der tatsächlichen Dimension des Problems warnt Reinwald: "Wir sollten das Thema nicht verniedlichen, denn immerhin geht es um den Einsatz von Schusswaffen." Der Fall der getöteten Polizisten im Kreis Kusel zeigt das eindrücklich, bei aller Zurückhaltung mit Blick auf den frühen Stand der Ermittlungen. Diese deuten nach Angaben der Staatsanwaltschaft daraufhin, dass die mutmaßlichen Täter eine vorherige Wilderei verdecken wollten.

"Die Kaltblütigkeit, die Brutalität, das habe ich in drei Jahrzehnten noch nicht erlebt."

"Die Kaltblütigkeit, die Brutalität, das ist eine hier unbekannte Dimension. Das habe ich in drei Jahrzehnten so noch nicht erlebt", sagt Reinwald. Aus Afrika kenne man das. Dort gehe es immer oft um Leben und Tod, wenn Polizei und Wilderei aufeinanderträfen. "Aber hier in Deutschland, das macht mich sprachlos."

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Wilderei - was versteht man darunter?

"Wilderei ist ein Riesenspektrum", erklärt Jäger Reinwald und nennt zwei Beispiele: Wilderei, das treffe auf den Autofahrer, der nach einem Wildunfall ein totes Reh mitnimmt, genauso zu wie auf Jugendliche, die als Mutprobe mit selbst gebauten Fallen oder Pfeil und Bogen auf Kaninchen schießen. "Und dann gibt es da eben auch die Facette der gewerbsmäßigen Wilderei - da ziehen Leute dann gezielt und regelmäßig los, um dann zu verkaufen."

Wildern - ein lukratives Geschäft?

Den offiziell erfassten 1.100 Fällen von Wilderei stehen um die zwei Millionen legal geschossene und verarbeitete Stück Wildbret von Paarhufern - also Rehe, Wildschweine, Dam- und Rotwild - im Jahr in Deutschland gegenüber. Bei diesem großen Angebot stellt sich die Frage, warum überhaupt gewildert wird.

Reinwald ist skeptisch, dass es ums Geld geht: "Den großen Reibach kann ich damit sicherlich nicht machen, wenn ich Millionär werden will, gibt es lukrativere Jobs." Nach seiner Einschätzung ist es auch schwer, illegal geschossenes Wild an den Mann zu bringen.

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Jägerpüfung, Jagdschein, Begehungsschein - so wird man legaler Jäger

Wer offiziell jagen möchte, muss ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen. Zunächst muss nach Aussage von Reinwald die staatliche Jägerprüfung abgelegt werden. Mit dieser kann man dann bei den Behörden einen "Jagdschein lösen", wie es im Fachjargon heißt. Damit man allerdings diesen Jagdschein bekommt, werde der Antragsteller auf "Herz und Nieren" geprüft. Polizeiliches Führungszeugnis, Abfrage beim Verfassungsschutz, möglicherweise auch gesundheitliche Prüfung, all das sei Voraussetzung, um den Jagdschein zu bekommen.


"Der Jagdschein ist dann auch die waffenrechtliche Erlaubnis, dass ich die Berechtigung habe einen Waffe zu besitzen", so Reinwald. Der Jagdschein werde in der Regel für drei Jahre ausgestellt. Wer den Jagdschein nicht erneut löse, müsse die Waffe abgeben. Nur der Jagdschein allein reicht aber nicht, um dann jagen zu gehen - es braucht noch ein Revier zum Jagen. Die gesamte land- und forstwirtschafltiche Fläche in Deutschland sei in Reviere eingeteilt und Pächter haben dort jeweils das Jagdrecht. Diese erteilen dann gegen Entgelt einen Begehungsschein, der dann die Jagd erlaube.

Wilderei - Gefahr für Mensch und Tier

Das Forstamt Rheinhessen sieht ein großes Problem der Wilderei auch darin, dass die Wilderer meist nicht ausgebildet sind. Schießen sie am Boden auf Wild und nicht von einem Hochsitz aus, hätten sie keinen Kugelfang und gefährdeten so andere Lebewesen. Die Kugel fliege dann parallel zum Boden und könne so weite Strecken unkontrolliert zurücklegen. Ein Jäger, der vom Hochsitz aus schießt, geht diese Gefahr nicht ein, denn die Kugel dringe bei einem Fehlschuss recht schnell in den Boden ein.

Abgesehen von diesen Gefahren für Menschen durch Wilderei verstoße diese in hohem Maße gegen den Tierschutz. "Wilderer interessieren sich nicht für Schonzeiten oder ähnliches. Wilderer nehmen Tierleid in Kauf", sagt Reinwald. So dürften zum Beispiel zwar Wildschweine eigentlich immer gejagt werden - tabu sei aber, Elterntiere zu schießen, die mit ihren Frischlingen unterwegs seien.

Bei der Wilderei werden häufig keine Jagdgewehre verwendet, sondern selbst gebaute Fallen oder Waffen, die nicht dem Tierschutz entsprechen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa | Patrick Pleul)
Ein Jagdgewehr - Wilderer sind meist nicht an solchen Waffen ausgebildet und verwenden häufig auch selbst gebaute Fallen oder kleine Waffen. picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa | Patrick Pleul

Auch die Art der verwendeten Waffen sei meist nicht mit dem Tierschutz vereinbar. "Da werden kleine Waffen selber gebaut, damit man sie schnell auseinandernehmen und verstauen kann. Aber mit kleinen Kalibern auf große Tiere schießen, erzeugt Tierleid."

Können Verbraucher illegal geschossenes Wild erkennen?

Einfache Frage, ernüchternde Antwort. "Das steht nicht drauf, das kann ich nicht erkennen", sagt der Experte. Aber Wildfleisch sei ein regionales Produkt und gezieltes Nachhaken beim Anbieter könne eine gewisse Sicherheit geben. "Und letztlich ist es ein Randphänomen, denn zu 99 Prozent wird legal gejagt."

Diese Strafen stehen auf Wilderei

Geregelt sind die Strafen für Jagdwilderei im §292 Strafgesetzbuch. Geldstrafe oder Freiheitsstrafe drohen Wilderern, die Wild nachstellen, fangen, erlegen oder sich aneignen. Schärfere Strafen sind bei sogenannten besonders schweren Fällen vorgesehen. Das trifft zu, wenn die Wilderei gewohnheitsmäßig oder gewerbsmäßig stattfindet. Oder wenn die Wilderei unter Missachtung von Schonzeiten oder nicht weidmännischer - also fachgerechter Tötung stattfindet. Darauf stehen Gefängnisstrafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren.

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Andrea Lohmann