In Rech im Ahrtal sind durch die Flutkatastrophe große Freiflächen entstanden. Viele Häuser mussten abgerissen werden.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Flutkatastrophe auch Thema in Glasgow

Weltklimakonferenz: Es geht auch um die Zukunft des Ahrtals

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Die globale Erwärmung führt schon heute zu Katastrophen, das haben die Menschen im Ahrtal im Juli auf erschreckende Weise erfahren. Im schottischen Glasgow hat am Sonntag die Weltklimakonferenz begonnen. Auch in Rheinland-Pfalz hofft man auf zählbare Ergebnisse.

Tausende Teilnehmer aus insgesamt fast 200 Staaten beraten zwei Wochen lang darüber, wie die Klimakrise und die Erderwärmung eingedämmt werden können. Im Vordergrund steht die Einhaltung des 1,5-Grad-Zieles. Bislang liegt die Erwärmung bei rund 1,1 Grad, mit regionalen Unterschieden. In Deutschland sind es bereits 1,6 Grad.

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Die verheerenden Auswirkungen des Klimawandels sind schon da: Nicht nur am Nordpol, wo das Eis schmilzt, oder in Ostafrika, wo Menschen wegen zunehmender Dürren hungern. Auch die Hochwasserkatastrophe im Juli in Rheinland-Pfalz mit 135 Toten und mehr als 750 Verletzten ist nach Expertenansicht eine Folge der menschengemachten globalen Erwärmung. Im Ahrtal kam es zu Zerstörungen von bisher unvorstellbarem Ausmaß.

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Flut in RLP Thema zum Auftakt der Konferenz

Die Flutkatastrophe in Deutschland ist zum Auftakt der Weltklimakonferenz prominent als Beispiel für die Folgen des Klimawandels erwähnt worden. "Die Überschwemmungen in Deutschland und Belgien, die wären ohne den Einfluss des Klimawandels nicht möglich gewesen", sagte der Generalsekretär der Weltwetterorganisation (WMO), Petteri Taalas.

Das Klima sei durch die Treibhausgase "wie gedopt". Klimatische Ereignisse würden dadurch verstärkt. Meteorologen beobachteten, dass sich beispielsweise Tiefdruckgebiete oft tagelang nicht bewegten. Das trage zu Überschwemmungen bei.

Höhere Wahrscheinlichkeit für Überschwemmungen

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein extremes Hochwasser auftritt, ist in vielen Regionen Deutschlands größer geworden. "Früher hatten wir das klassische Fluss-Hochwasser an der Elbe oder am Rhein bei der Schneeschmelze", sagt Ralf Merz, Hydrologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) Leipzig, Magdeburg und Halle (Saale). Aufgrund der Klimaveränderung bildeten sich aber neue Wetterlagen; dies führe zu Ereignissen wie lokalem Starkregen. Ein Hintergrund sei, dass Wetterlagen sich langsamer von West nach Ost über Europa bewegen, weil der Jetstream aufgrund des Klimawandels an Kraft verliert. So bleibe Regenwetter lange in derselben Region, was im Juli zu den katastrophalen Überschwemmungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geführt habe.

Notwendig seien funktionierende Warnsysteme sowie eine Anpassung der Instrumente zum Hochwasserschutz und zur Landschaftsplanung, sagt Merz: "Wir sollten bei der Planung mehr von Extremen ausgehen."

Frau räumt Unrat nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal auf (Foto: imago images, imago0126577850h/SWR)

Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz - Ein Dossier

Unvorstellbare Wassermassen haben in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Region Trier und das Ahrtal in der Eifel getroffen. Die Folgen: Viele Tote und Verletzte und Schäden in Milliardenhöhe.

Wissenschaftler: Hitzewellen sind nicht zufällig

Die Hitzesommer 2018 und 2019 in Deutschland ordnen Wissenschaftler ebenfalls nicht als zufällige Ereignisse ein. Die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen erhöhe sich um den Faktor zehn, wenn die Emissionen von Treibhausgasen eingerechnet werden, sagt Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Nach den Hitzesommern 2018 und 2019 hielt die Dürre in Deutschland Marx zufolge bis Ende 2020 an, in manchen Regionen sogar bis zum Frühjahr 2021. Forschende ermittelten allein für 2018 in Deutschland rund 20.200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze.

Ein Förster in Bad Sobernheim hält zwei Rindenstücke, in die sich der Borkenkäfer eingenistet hat.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Andreas Arnold)
Ein Förster in Bad Sobernheim hält zwei Rindenstücke, in die sich der Borkenkäfer eingenistet hat. picture alliance/dpa | Andreas Arnold

Trockenheit stresst den Wald

"Dürre ist ein permanenter Stressfaktor für den Wald", sagt Experte Marx. Infolge von Trockenheit in den vergangenen drei Jahren ging in Deutschland eine Waldfläche von rund 280.000 Hektar verloren - das ist größer als das Saarland, rund 2,5 Prozent der Waldfläche bundesweit. Getroffen wurden vor allem Monokulturen von Fichten, die vor 60 bis 80 Jahren angepflanzt wurden. Sowohl bei der Fichte als auch bei der Buche ist es seltener die Trockenheit selbst, die zum Absterben der Bäume führt, als der Befall durch andere Organismen wie Borkenkäfer oder Pilze. Sie nutzen das aufgrund der Dürre verminderte Abwehrvermögen der Bäume aus. Zudem vermehren sich Borkenkäfer wegen der ganzjährig milderen Temperaturen viel schneller als früher. Mit dem Klimawandel steigt zudem die Waldbrandgefahr.

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Nach Ansicht der Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum ist es Zeit für ein groß angelegtes Klimaanpassungsprogramm. Sie haben zentrale Prinzipien definiert, an denen Städte und Gemeinden ihren Umbau für mehr Klimasicherheit orientieren sollten.

Frühwarnsysteme verbessern und Bevölkerungsschutz stärken

Auch für kleinere Flussgebiete wie das Ahrtal gilt es nach Ansicht der Helmholtz-Forscher, die Vorhersage von Hochwassern zu verbessern und zuverlässige Warnsysteme aufzubauen. Neben dieser Entwicklung sei die Etablierung einer dauerhaften und verlässlichen Kommunikation mit Vertretern von Städten und Gemeinden sowie den Bürgern vor Ort unerlässlich. Nur eine Warnung, die die Menschen verstünden und der sie vertrauten, werde im Notfall helfen.

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Schwamm- und Speicherfähigkeit steigern

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Klimasicherheit von Gebäuden fördern

Bei der Sanierung, beim Wiederaufbau und dem Neubau von Infrastrukturen und öffentlichen wie privaten Gebäuden gelte es, die Folgen des Klimawandels abzuschätzen. Es sei nicht hinnehmbar, wenn gerade während einer Krise notwendige Kommunikationsnetze, medizinische Dienstleistungen und Einrichtungen ausfielen, indem sie nicht hinreichend auf Extremereignisse vorbereitet seien, so die Fachleute des Forschungszentrums. Klimasicherheit müsse von Beginn an mitgedacht werden, vor allem bei Einrichtungen, die Kinder, Senioren oder behinderte Menschen beherbergen.

Am Ende der 26. Weltklimakonferenz wird eine Art Abschlusserklärung stehen. Darin müsste eigentlich nachvollziehbar erklärt werden, wie die Staatengemeinschaft konkret auf den 1,5-Grad-Pfad kommen will. Doch dass Regierungen in Glasgow quasi spontan ehrgeizigere Klimaschutzziele zusagen, ist derzeit unwahrscheinlich.

Experte Eckert: Klimaschutz muss vor Ort ansetzen

Der SWR-Umweltexperte Werner Eckert sieht es so: "Diese Klimakonferenz kann nicht mehr bringen, als die Menschen und die Regierungen vor Ort an Klimaschutz auch wirklich tun wollen." Man könne niemanden zwingen bei dieser Konferenz. Das bedeute, was in Rheinland-Pfalz faktisch passiere, sei viel wichtiger, als das, was in Glasgow beschlossen werde. Da werde nur der Rahmen, die Rechtsverbindlichkeit hergestellt. "Die Ziele erklären und dann handeln, das müssen die Regierungen vor Ort, von der Kommune übers Land bis zum Bund", sagt Eckert.

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