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Für viele Menschen steht kein Fest so sehr wie Weihnachten für Familie und Gemeinschaft. Sie haben feste Abläufe: Heiligabend bei den Eltern, Weihnachtsfeiertage mit den Großeltern oder Freunden. Doch in diesem Jahr trüben die steigenden Corona-Infektionszahlen die Aussichten auf ein gemütliches Fest.

Die aktuell bundesweit geltenden Corona-Regeln erlauben nur Treffen von Angehörigen zweier Haushalte - und machen dabei auch keinen Unterschied, ob es sich um Treffen zwischen Kollegen, Freunden oder Familienmitgliedern handelt. Ob die Maßnahmen, die zunächst bis zum 30. November gelten, wieder gelockert oder sogar verschärft werden, ist noch unklar. Viele Familien stehen deshalb auch vor organisatorischen Problemen: Wie viel muss eingekauft werden, wenn der jährliche Restaurantbesuch am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht stattfinden kann? Können die Kinder alle Großeltern sehen - oder muss dieses Jahr aufs Pendeln verzichtet werden?

In der nächsten Woche, also unmittelbar vor dem ersten Adventssonntag am 29. November, soll im Rahmen der nächsten Bund-Länder-Schalte eine Entscheidung fallen: Das Ziel ist nach Worten der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), dass die Menschen dann wissen, was an Weihnachten und Silvester möglich ist. Klar sei, dass nun alle ihre Kontakte reduzieren müssten. Der Virologe Christian Drosten empfiehlt im Interview mit der "Zeit", er halte das Prinzip der Vorquarantäne für eine gute Idee: "Also dass Menschen einige Tage, optimalerweise eine Woche, vor dem Familienbesuch mit Oma und Opa soziale Kontakte so gut es geht vermeiden.“

Weihnachten als kulturelle Institution

Der Freiburger Theologe und Universitätsprofessor Stephan Wahle forscht unter anderem dazu, wie das Weihnachtsfest die Gesellschaft prägt: "Sie hat sich ihr eigenes Fest auch bis zu einem gewissen Grad selber gegeben." Ende des 19. Jahrhunderts habe die neu entstehende bürgerliche Familie es für sich entdeckt. "Im 20. Jahrhundert setzte sich Weihnachten als Familienfest dann flächendeckend durch." Während es lange Zeit vor allem eine religiöse Bedeutung besessen habe, habe sich Weihnachten immer mehr zu einer kulturellen Institution gewandelt.

Was Weihnachten so besonders macht? "Natürlich gibt es auch an anderen Festen vielfältige Traditionen", betont der Theologe, "aber dieser sehr stark gemeinschaftlich vollzogene, ritualisierte Charakter - das ist Weihnachten einzigartig." Auch psychologische Motive spielten eine Rolle, etwa, dass die ganze Familie und mit ihr sämtliche in ihr vertretenen Generationen beisammen kämen. "Die Erinnerungen gehen mit Weihnachten auch immer zurück in die Vergangenheit, in die eigene Kindheit."

Fünf Tipps der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung

In diesem Jahr stehen vor allem die, die sich daran gewöhnt haben, im großen Kreis Weihnachten zu feiern, vor Herausforderungen - und die sind nicht nur logistischer Art, sondern auch psychologischer. Denn liebgewonnene Routinen lässt man selten los. Die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) hat - auf der Basis ihrer Erfahrungen in der therapeutischen Praxis - fünf Empfehlungen formuliert, die dabei helfen sollen, mit Gefühlen von Hilflosigkeit umzugehen. Denn, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Christina Jochim, die daran mitgearbeitet hat, "Traditionen und Rituale dienen aus psychologischer Sicht dazu, gemeinsame Verbindungen und Identität zu schaffen und zu stiften und damit Orientierung zu geben. Und wenn genau das wegfällt, ist das natürlich eine Belastung". Die Pandemie habe ohnehin schon viele Gewohnheiten und Alltagsstrukturen auf den Kopf gestellt.

Rituale würden insbesondere dann wichtig, so Jochim, wenn Menschen es mit außergewöhnlichen emotionalen Situationen zu tun haben. Weihnachten sei zudem stark mit Kindheit assoziiert, meint auch sie: "Egal, wie selbständig, erwachsen und entfernt wir von unserer Kinderzeit sind." Für manche seien das vielleicht nicht positive Erfahrungen: "Gerade sie sind dann vielleicht erleichtert, weil der Weihnachtsstress oder Familienzwang nicht zum Tragen kommt."

Alle auf unterschiedliche Art und Weise betroffen

Wen trifft es wohl am meisten, wenn Weihnachten nicht wie gewohnt stattfinden kann? Wer sollte sich darauf vorbereiten, mit der Situation umgehen zu müssen, bevor sie eintritt? Sind es Kinder, für die schwer verständlich ist, wieso die ganze Familie nicht zusammen kommen kann? Oder ältere Personen, die möglicherweise isoliert sind, weil sie in einem Altenheim leben oder ihre Familie sie als Risikopatienten nicht gefährden möchte? Darauf gibt es keine konkrete Antwort, meint Jochim, aber: "Wir können Vermutungen aufstellen, die auf unserer sonstigen Erfahrung beruhen. Und die ist, dass gerade die Menschen am meisten betroffen sind, für die es die größte Umstellung bedeutet."

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Regel-Verschärfung an Weihnachten?

Ob und wie sehr wir uns an Weihnachten werden einschränken müssen, steht also noch nicht fest - aber es gibt Möglichkeiten, sich innerlich auf verschiedene Szenarien vorzubereiten. Für den Theologen Wahle ist es angesichts der mit vielen Aspekten aufgeladenen Bedeutung von Weihnachten bezeichnend, dass sich Politik wie Gesellschaft so viele Gedanken darum machen, ob das Fest stattfinden kann oder nicht: "Es würde das gesellschaftliche Leben sicher auch auf die Probe stellen, wenn gerade an Weihnachten noch mal eine Verschärfung beschlossen würde."

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