Ein Lkw ist im Rückspiegel eines Autos zu sehen. Auch in Rheinland-Pfalz gibt es immer wenige Fahrer, die in den Lastern unterwegs sein wollen. (Foto: SWR)

Zwischen Traumberuf und Dauerstress

Fernfahrermangel auch in RLP - Wie wird der Job attraktiver?

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Es gibt zu wenig Lkw-Fahrer - auch in Rheinland-Pfalz. Die Arbeitsbedingungen sind oft hart. Sie müssen besser werden, fordern die Fahrer. Dennoch sei der Job besser als sein Ruf.

Daniela Grabert sitzt seit etwas mehr als zwei Jahren auf dem Bock. Lkw-Fahrerin - das war für sie ein Kindheitstraum, der mit 38 endlich in Erfüllung ging. Die Vorteile ihres Berufs: "Dass ich überall rumkomme", sagt sie im Interview mit "Zur Sache Rheinland-Pfalz" und kommt ins Schwärmen.

Beruf der Lkw-Fahrerin hat auch viele schöne Seiten

"Ich kann Montag in Kiel sein und Donnerstag in Passau, querbeet durch Deutschland fahren. Dass ich sehr viele Sonnenaufgänge mitmache, mit Kollegen ins Gespräch komme, knifflige Probleme löse, das ist das Schöne."

Daniela Grabert im Führerhaus ihres Lkw. Seit etwas mehr als zwei Jahren ist sie als Fernfahrerin unterwegs - ihr Kindheitstraum. Trotz Quereinsteigern wie ihr, herrscht auch in Rheinland-Pfalz Mangel bei Lkw-Fahrern. (Foto: SWR)
Daniela Grabert im Führerhaus ihres Lkw. Seit etwas mehr als zwei Jahren ist sie als Fernfahrerin unterwegs - ihr Kindheitstraum.

Die inzwischen 40-Jährige arbeitet für eine Spedition in Ransbach-Baumbach im Westerwaldkreis. Oft ist sie fünf Tage am Stück im Fernverkehr unterwegs. Das funktioniert, weil ihr Mann sich in der Zeit um die vier Kinder kümmert. Familienleben, Ehe und Freundschaften finden am Wochenende statt.

Anstrengung und Frustration gehören zum Job

Dass der Beruf nicht nur Sonnenaufgänge und Abenteuer mit sich bringt, wusste Grabert, bevor sie sich für den Quereinstieg entschied. Onkel und Vater waren ebenfalls Lkw-Fahrer. "Ich bin nicht blauäugig hier reingegangen. Ich wusste, dass es körperlich anstrengend und manchmal frustrierend ist, aber dass es genauso gut Spaß machen kann."

Nicht von allen Kunden werde man nett behandelt, erzählt sie. Die sanitären Anlagen ließen zu wünschen übrig. Als die Corona-Pandemie anfing, wurde es besonders schlimm. Auf einmal wurden Toiletten einfach geschlossen. Grabert spricht von menschenunwürdigen Zuständen.

In Rheinland-Pfalz fehlen bis zu 4.000 Lkw-Fahrer

Schattenseiten wie diese führen wohl dazu, dass den Speditionen auch in Rheinland-Pfalz der Lkw-Fahrer-Nachwuchs fehlt. "Für Rheinland-Pfalz gehen wir davon aus, dass aktuell 3.000 bis 4.000 Fahrer fehlen, dazu kommt dann eine Lücke von 750 bis 1.000 jedes Jahr hinzu", warnt Guido Borning, Geschäftsführer des Dachverbandes der rheinland-pfälzischen Mobilitäts- und Logistikbranche (Molo).

Diese entsteht, weil mehr Fahrer und Fahrerinnen in Rente gehen als neue nachrücken. Fast allen Mitgliedsunternehmen im Land seien wegen des Fahrermangels schon Aufträge entgangen, es handele sich um das größte Problem der Branche.

Seelsorger spricht mit Lkw-Fahrern über ihre Sorgen

Die Sorgen und Nöte der Fernfahrer hört auch der Betriebsseelsorger Hans-Georg Orthlauf-Blooß vom Bistum Mainz. Er kommt mit ihnen auf Rasthöfen ins Gespräch, wenn er ihnen Tüten mit kleinen Geschenken überreicht: Schokolade, Feuerzeug, Maske, Dankeskarte. Er bedankt sich dann bei den Fahrern für deren Arbeit.

"Seelsorge ist das im weitesten Sinne", erzählt er. "Gerade bei Fernfahrern, die in der Logistikkette das schwächste Glied sind, bleibt die Seele oft auf der Strecke. Wir haben viele Fahrer, die sind wochenlang nicht zu Hause." Die Verhältnisse seien beengt, dazu kommen einseitige Ernährung und das lange Sitzen. "Ich denke, wir leben in vieler Beziehung auf Kosten dieser Menschen. Es ist wichtig, dass wir als Kirche deutlich machen: Die Verhältnisse sind nicht in Ordnung."

Betriebsseelsorger Hans-Georg Orthlauf-Blooß vom Bistum Mainz packt regelmäßig Geschenktüten für Fernfahrer und verteilt sie an Raststätten. So kommt er mit den Lkw-Fahrern ins Gespräch. (Foto: SWR)
Betriebsseelsorger Hans-Georg Orthlauf-Blooß vom Bistum Mainz packt regelmäßig Geschenktüten für Fernfahrer und verteilt sie an Raststätten.

Zeitmangel und Staus gehören zu den Schattenseiten

Was läuft falsch? Auf dem Parkplatz der Raststätte Wonnegau West an der A61 fasst es ein deutscher Fahrer gegenüber Orthlauf-Blooß so zusammen: "Zeitmangel, wenig Geld, alle haben's eilig, Stau." Ein Fahrer aus Belarus - er fährt für eine polnische Firma - wünscht sich billige Supermärkte an der Autobahn: "Der Autohof ist zu teuer". "It is not a job for soft guys. You need to be a little bit strong", findet ein Fahrer aus Rumänien.

Auf der anderen Seite erzählen die Fahrer dem Seelsorger aber auch, dass es schön sei, viel unterwegs zu sein. Die Arbeit sei gut, sagt ein anderer rumänischer Fahrer, als er seine Dankestüte bekommt.

Ein Thema, das aber in jedem Gespräch aufkommt: Fehlende Parkplätze. Wer nach 18 Uhr anfängt zu suchen, hat verloren und muss im schlimmsten Fall seine Lenkzeit überziehen.

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Verbraucher könnten Fahrermangel bald zu spüren bekommen

Arbeitsbedingungen wie diese müssen sich dringend bessern, um das Berufsbild attraktiver zu machen, sagen die Branchenexperten. Und daran sollten nicht nur Lkw-Fahrer ein Interesse haben. Auch die Bevölkerung könnte sonst Auswirkungen des Fahrermangels zu spüren bekommen. "Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, könnte in zwei bis drei Jahren ein Versorgungskollaps zu erwarten sein", warnt Borning vom Molo.

Bei der Bezahlung ist laut Mike Kirsch, Experte für Speditionen und Logistik bei ver.di in Rheinland-Pfalz, Luft nach oben. Laut Tarif verdiene ein Berufskraftfahrer in Rheinland-Pfalz nach drei Jahren bei 170 Stunden im Monat brutto 2006 Euro - ohne Spesen. Rheinland-Pfalz liege damit im deutschlandweiten Vergleich im Mittelfeld.

Und noch weitere Vorschläge gibt es: Für den mindestens 8.000 bis 9.000 Euro teuren Führerschein müsste es bessere Förderprogramme geben. Die Füherscheinprüfungen sollten auch auf Englisch möglich sein, um Fahrer mit Migrationshintergrund zu gewinnen. Bei den Kunden müsste ein Umdenken in Richtung fairerer Frachtpreise einsetzen.

Schmitt: Kräfte mobiliseren, um Menschen für Beruf zu gewinnen

Auch das rheinland-pfälzische Verkehrsministerium hat Interesse daran, dass sich mehr Menschen für den Beruf des Fernfahrers entscheiden. Ministerin Daniela Schmitt (FDP) sagt: "Wir arbeiten natürlich mit allen Mitteln daran, den Beruf attraktiver zu machen." Aufgrund des sich zuspitzenden Fachkräftemangels in der Logistikbranche müsse man alle Kräfte mobilisieren, um Menschen für den Beruf zu gewinnen.

Schmitt geht davon aus, dass beispielsweise das Thema Abstellplätze im Rahmen der Koalitionsverhandlungen priorisiert wird. Bei der Führerscheinförderung fände Schmitt einen Abbau der Hürden wünschenswert, konkrete Pläne nennt sie nicht.

Um den Fahrermangel anzugehen, sei man inzwischen dazu übergegangen, Ausbildungen aus Drittstaaten bei gleichen Standards anzuerkennen - man habe gute Erfahrungen mit Fahrern aus Serbien und Nordmazedonien gemacht.

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Rücksichtnahme - kleine Geste mit großer Wirkung

Neben Fahrern aus dem Ausland können auch Quereinsteiger die Branche entlasten - Quereinsteiger wie Daniela Grabert aus dem Westerwald. Der Job ist besser als sein Ruf vermuten lässt, findet die 40-Jährige: "Es gibt sicherlich frustrierende Sachen aber nix, was den Job hoch unattraktiv macht."

Wenn sie sich etwas wünschen könnte, wäre es mehr Rücksichtnahme: "Ich würde mir wünschen, dass die Lkw Fahrer nicht automatisch der Buhmann sind. Ob jetzt bei Corona, im Straßenverkehr, beim Kunden. Ich glaube, dass würde schon unheimlich viel wettmachen."

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