Demo-Schild mit der Aufschrift: Ich will keine Impfung (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Impfmüdigkeit und Herdenimmunität

Was ist dran an den Bedenken gegen eine Corona-Impfung?

STAND
AUTOR/IN

Corona-Impfung ja oder nein? Die Frage ist zu einer Grundsatzfrage geworden, die die Gesellschaft spaltet. Rund 14 Prozent der Bevölkerung lehnen einer Studie zufolge eine Impfung ab, stehen ihr zögerlich oder unsicher gegenüber. Was sind die Bedenken und sind sie berechtigt?

Der Mensch vertraut am meisten auf die eigenen Erfahrungen. Und so wird das eigene Umfeld oft zum Maßstab genommen für die Einschätzung der Gefahr. Wer niemanden kennt, der an Covid-19 erkrankt ist, ist weniger bereit, sich dagegen impfen zu lassen. Impfskeptiker berufen sich auf Fälle in ihrem Bekanntenkreis, bei denen nach Impfungen Beschwerden auftraten oder Geimpfte sogar gestorben sind. Impfbefürworter führen dagegen Todesfälle oder schwere Erkrankungen nach einer Corona-Infektion an. Aussagekräftig sind solche persönlichen Erfahrungen keinesfalls.

Stuttgart, Mainz, Berlin

COVID-19: Impfungen im Südwesten Corona-Impfen: Aktuelle Zahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird seit Ende Dezember gegen das Coronavirus geimpft. Hier finden Sie die aktuellen Impfzahlen.  mehr...

Die Gründe, warum jemand eine Corona-Impfung ablehnt, sind unterschiedlich. Allerdings vermischen sich oftmals politische und medizinische Argumente. In dem Gemeinschaftsprojekt Cosmo sind die Uni Erfurt und das Robert Koch-Institut zusammen mit anderen wissenschaftlichen Institutionen den Gründen nachgegangen:

Die Forschungslage sei nicht ausreichend und die Impfstoffe seien zu schnell zugelassen worden, rund 25 Prozent der Ungeimpften sind dieser Meinung.

Tatsächlich wurden die Impfstoffe in Rekordzeit zugelassen! Allerdings wurden sie nicht komplett neu erfunden. Bei der Entwicklung konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Forschungsarbeiten zu anderen Coronaviren, zum Beispiel dem SARS-Coronavirus von 2003 zurückgreifen. Außerdem basiert die neue mRNA-Technik auf früheren Arbeiten in der Krebsforschung. Die Impfstoffe mussten alle vorgeschriebenen Prüfungen durchlaufen. Sie durften aber parallel durchgeführt werden und Verwaltungsabläufe wurden verkürzt.

Spätfolgen einer Corona-Impfung sind noch nicht genug erforscht, diese Bedenken haben 24 Prozent der Ungeimpften.

Ja, das ist richtig. Über Langzeitschäden durch die Impfungen kann die Medizin noch nichts sagen. Allerdings treten erfahrungsgemäß die meisten sogenannten "Impfschäden" schon kurze Zeit nach der Impfung auf. Seit Beginn der Impfkampagne Ende Dezember wurden in Deutschland mehr als 100 Millionen Impfdosen gespritzt und dem Paul Ehrlich-Institut 15.122 Verdachtsfälle mit schwerwiegenden Reaktionen gemeldet. 1.450 der Betroffenen starben demnach in unterschiedlichem zeitlichen Abstand zur Impfung.

Im Vergleich dazu: Seit Ausbruch der Pandemie starben in Deutschland 93.959 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion. (Stand 6.10.2021), allein in Rheinland-Pfalz werden mittlerweile mehr als 4.000 Tote gezählt. Und weil dieser Vergleich so oft herangezogen wird: Bei der außergewöhnlich starken Grippewelle 2017/18 sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts schätzungsweise 25.100 Menschen gestorben. Aber sowohl im Fall von Impfungen, als auch bei Corona-Infektionen bringt meist erst die Obduktion Gewissheit, was tatsächlich die Todesursache war. Für eine erste Risiko-Abschätzung sprechen allerdings die Zahlen für sich.

Und auch die Berichte über Long Covid, bei denen die Betroffenen noch Monate nach der Erkrankung an Erschöpfung, Atemnot und anderen Beschwerden leiden, häufen sich. Wie viele es tatsächlich sind, steht derzeit aber noch nicht verlässlich fest.

Die Corona-Impfstoffe wirken nicht, glauben 23 Prozent.

Das ist falsch. Impfstoffe dürfen erst zugelassen werden, wenn ihre Wirksamkeit von unabhängiger Stelle (Europäische Arzneimittelbehörde und Paul Ehrlich-Institut) bestätigt ist und der Nutzen einer Impfung größer ist als das Risiko von Impfschäden. Wer beispielsweise mit den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna geimpft wurde, ist mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent gegen Covid-19 geschützt.

Trier

Viele ungeimpfte Corona-Patienten Trierer Intensivmediziner: Klinik-Personal durch Corona am Limit

Überstunden, psychisch belastende Situationen, zu wenig Pflegepersonal und schwerkranke Corona-Patienten. Intensivmediziner Prof. Thomas Piepho hat mit SWR aktuell über die Corona-Situiation im Trierer Brüderkrankenhaus geredet.  mehr...

Belegt wird das durch Studien, aber mittlerweile auch dadurch, dass unter den Covid-Patienten in Krankenhäusern die meisten ungeimpft sind. Wie lange der Impfschutz anhält, ist aber derzeit noch nicht bekannt. Eine geimpfte Person wird sich zwar seltener anstecken, aber möglich ist es schon. Seit Beginn der Impfkampagne gab es nach Angaben des Robert Koch-Instituts 56.837 wahrscheinliche Impfdurchbrüche (Stand 30.9.2021). Das liegt zum einen daran, dass die Impfstoffe eben nicht zu 100 Prozent schützen, zum anderen auch an der Delta-Variante des Virus, die deutlich ansteckender ist. Allerdings verläuft die Covid-Erkrankung dann meist mild oder völlig unbemerkt. Gleichwohl können Geimpfte andere anstecken, deshalb sollten besonders beim Zusammentreffen mit Ungeimpften Masken getragen und Abstand gehalten werden.

Ungeimpfte glauben öfter: "Corona ist für mich nicht gefährlich"

Obwohl Ungeimpfte viel gefährdeter sind an Covid-19 zu erkranken als Geimpfte, schätzen sie ihr Risiko einer Infektion und schweren Erkrankung niedriger ein. Auf einer Skala von 1 (extrem unwahrscheinlich) bis 7 (extrem wahrscheinlich) bewerten die Ungeimpften die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, mit 2,9. Geimpfte dagegen halten es trotz ihres Schutzes mit 3,2 für wahrscheinlicher (Stand 21.9.2021).

Dem subjektiven Empfinden, "unsterblich" zu sein, ist mit Statistiken und Wahrscheinlichkeiten kaum beizukommen. Ohne die persönliche Erfahrung scheint das Risiko weit weg, zumal es sich bei Corona ja um eine unsichtbare Gefahr handelt. Aber immerhin: Seit Beginn der Pandemie haben sich in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, in Rheinland-Pfalz mehr als 180.000, und das trotz der strengen Hygienevorschriften. Hätte es diese nicht gegeben, wären es also noch deutlich mehr Infektionen und Todesfälle.

Ungeimpfte führen Misstrauen in die Regierung an

Für Menschen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen wollen, spielen auch politische Gründe eine Rolle. Sie geben beispielsweise an, sie fühlten sich von der Bundesregierung zu etwas gedrängt, an dem sie selbst Zweifel haben. Seit Anfang April 2020 ist Befragungen des Cosmo-Projekts zufolge der Anteil derer, die wenig Vertrauen in die Bundesregierung haben, von 25 auf aktuell 53 Prozent gestiegen. Die Landesregierungen schneiden unwesentlich besser ab (Stand 10. September 2021). Am meisten Vertrauen haben die Menschen in Deutschland und Rheinland-Pfalz aber weiterhin in das Robert Koch-Institut als Forschungseinrichtung und Hüter der öffentlichen Gesundheit.

Und in der Tat gab es einige Regierungsentscheidungen, die sich im Laufe der Pandemie als nicht so hilfreich wie erhofft herausgestellt haben. Entscheidungen, die angesichts der Tatsache, dass es keine Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus und einer Pandemie gab, vielleicht verständlich sind, aber die Betroffenen dennoch mit voller Härte trafen. Eine gesamte Gesellschaft schaut der Wissenschaft beim Forschen und der Regierung beim Ringen um Lösungen zu. Das hat es so noch nicht gegeben und löst noch immer Verunsicherung aus.

Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts Wie sicher sind die Corona-Impfstoffe?

In regelmäßigen Abständen veröffentlicht das Paul-Ehrlich-Institut einen Sicherheitsbericht zu den Corona-Impfstoffen, in denen sie alle gemeldeten Nebenwirkungen und Komplikationen der Impfstoffe auflisten.  mehr...

Hachenburg

Mangelndes Vertrauen in Covid-Impfstoffe Westerwälder Paar: "Darum lassen wir uns nicht gegen Corona impfen"

Noch immer sind viele Menschen nicht gegen Corona geimpft und wollen das auch nicht. So wie ein ungeimpftes Paar aus dem Westerwald. In einem SWR Aktuell-Interview begründen sie ihre Entscheidung.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Informationen Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs bei Teststationen

Corona-Regeln, aktuelle Zahlen und alles rund ums Impfen: Die wichtigsten Entwicklungen zum Coronavirus in Rheinland-Pfalz finden Sie hier bei uns im Liveblog.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Entwicklung der Corona-Pandemie Neuinfektionen und Sieben-Tage-Inzidenz nehmen zu

Das rheinland-pfälzische Landesuntersuchungsamt (LUA) meldet 5.592 neue, bestätigte Corona-Fälle binnen eines Tages. Drei weitere Menschen starben im Zusammenhang mit einer Infektion.  mehr...

STAND
AUTOR/IN