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100 Millionen Euro erbeuten Täter im Jahr durch Betrügereien als falsche Polizisten oder mit dem Enkeltrick. Ein Betroffener und Experten erklären, wie und warum die Masche immer wieder funktioniert.

8.000 Euro erbeuteten Betrüger vor drei Jahren von einem damals 75-jährigen Mann aus dem Raum Koblenz. "Ich hatte mich für eine Pause am Nachmittag hingelegt, als das Telefon ging", erinnert sich der Betroffene. "Die Stimme kam mir bekannt vor, ich hatte gleich eine Person im Kopf", erzählt der Rentner, wie er in die Falle tappte.

Hans, Günther, Wolfgang - im Vornamen lauert die Gefahr

So wie diesem Opfer erging es 2018 mehr als 2.000 Menschen in Rheinland-Pfalz. Laut Landeskriminalamt betrifft knapp ein Drittel die Altersgruppe zwischen 71 und 80 Jahren. In zwei Prozent der Fälle seien die Betrüger erfolgreich. "Die Betrüger suchen sich im Telefonbuch die Vornamen aus, die in älteren Generationen üblich sind", berichtet Joachim Schneider, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und Bundes. Aber warum sind besonders ältere Menschen von Betrug betroffen?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Die Opfer - höflich und hilfsbereit

Ältere Menschen seien oft durch ihre Erziehung besonders höflich und hilfsbereit - und legen nicht direkt auf. "Die Betrüger sind rhetorisch extrem gut, sie füllen den gedanklichen Raum", sagt Schneider. "Sie lassen nicht los, rufen immer wieder an."

Die Tatzeit - wenn die Opfer müde sind

Michael Krausch von der polizeilichen Kriminalprävention des Landeskriminalamts beobachtet, dass die Täter meist spätabends anrufen. "Sie suchen sich eine Situation aus, die vollkommen überraschend ist", sagt er. Dann, wenn Menschen müde sind, Fernsehen schauen, lesen, in einer Entspannungsphase sind. "In so einer Situation erinnern sich viele nicht daran, was sie eigentlich wissen", sagt Krausch. So erging es auch dem betrogenen Mann aus der Umgebung von Koblenz.

Beduselt vom Nickerchen

Er wurde durch den Anruf aus der Mittagspause aufgeschreckt und sagt heute: "Ich war wie 'besoffen' und bin regelrecht reingefallen." Es seien immer wieder Anrufe gekommen, um die Details zu besprechen.

Der Mann hat dann 8.000 Euro von seinem Sparkassen-Konto abgehoben, die Geldübergabe fand am nächsten Tag statt. Kaum hatte er das Geld überreicht, beschlich ihn jedoch das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. "Ich habe also versucht, meine Bekannte, von der ich glaubte, sie habe mich angerufen, zurückzurufen." Dann war ziemlich schnell klar, dass der damals 75-Jährige auf Betrüger reingefallen war. "Wenn ich daran denke, kann ich manchmal fast verrückt werden", sagt das Opfer noch heute.

Die Betrüger - gerissen und professionell

Gerade beim "Enkeltrick" appellieren sie bewusst an den drohenden Gedächtnisverlust älterer Menschen. "Häufig sagen sie so etwas wie 'Kannst du dich nicht an mich erinnern, muss ich mir Gedanken machen?'", erzählt Schneider. Die Betrüger seien perfide und professionell, man gerate wie in einen Strudel.

"Ältere Menschen sind häufig froh, wenn sie gebraucht werden", nennt Krausch einen weiteren Grund, warum Senioren häufiger betroffen sind. Zudem wohnten sie oft allein. "Wer keinen anderen Menschen fragen und sich nicht reflektieren kann, ist eher empfänglich", sagt Schneider.

Bei dem Trick mit den falschen Polizisten appellieren die Betrüger an das bei älteren Menschen häufig große Vertrauen in die Polizei. Häufig stehe sogar die 110 auf dem Display, diese technischen Möglichkeiten haben die Täter. Und auch da kommt der emotionale Druck hinzu. "Die Täter sagen häufig so etwas wie 'Wenn sie jetzt nicht helfen, machen Sie sich strafbar'", sagt Krausch. Häufig seien die Täter mehrere und soufflieren sich gegenseitig, wenn dem Opfer doch kurzzeitig die Erkenntnis kommt.

"Das Opfer ist nie schuld."

Céline Sturm, Referentin für Kriminalprävention beim Weißen Ring

"Ältere Menschen sind auch medial schwieriger zu erreichen", sagt Céline Sturm, Referentin für Kriminalprävention beim Weißen Ring. Kampagnen und aufklärende Berichte finden oft im Internet statt. Hinzu komme, dass ältere Menschen schlechter hören, sehen und sich erinnern. "Wenn Unstimmigkeiten bei der Betrugsmasche auftauchen, suchen ältere Menschen den Fehler zuerst bei sich", sagt Schulz. Sie vertrauen sich selbst weniger. "Sie haben dadurch schneller Angst, gerade wenn das Gegenüber sehr souverän auftritt", sagt sie.

Der Gang zur Polizei ist kein leichter

"Wichtig ist, den Opfern niemals einen Vorwurf zu machen", sagt Krausch vom LKA. Es gehöre Mut dazu, zuzugeben, sein Vermögen weggeworfen zu haben und sich bei der Polizei zu melden. Das typische Opfer gebe es nicht. Es könne jeden treffen, mit Bildungsstand habe das nichts zu tun. "Die Menschen werden zwei Mal Opfer, wenn man ihnen sagt 'wie konntest du so blöd sein?'", sagt Krausch. "Menschen glauben gern, dass die Welt im Prinzip gerecht ist und einem selbst sowas nicht passiert, wenn man sich nicht dumm anstellt", beschreibt Sturm diesen Mechanismus des "Opfer-Blamings". "Aber das Opfer ist nie schuld."

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