Ein Kunde des Supermarkts läuft an einem Leeren Regal, in welchem eine Dose liegt vorbei. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Tom Weller)

Der Ukraine-Krieg und seine Folgen

Warum Hamsterkäufe in Rheinland-Pfalz unnötig sind

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Klaus Welsch

In der Corona-Pandemie das Klopapier, jetzt verschwinden Sonnenblumenöl und Mehl aus den Supermarkt-Regalen. Warum wird gehamstert?

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz hat eine pragmatische Erklärung. Beraterin Rita Rausch (Referat Lebensmittel und Ernährung) sagt im SWR-Gespräch: "Die Verbraucher sehen leere Regale, also greifen sie zu." Das sei spontan. Die Psychologie wiederum spricht in diesem Zusammenhang von den sogenannten "mixed-motive-Situations". Auf gut deutsch: Der Verbraucher ist hin- und hergerissen. Handele ich im Eigeninteresse oder zum Wohl der Allgemeinheit? Kaufe ich für meine Vorratskammer fünf Liter Sonnenblumenöl oder begnüge ich mich mit zwei Litern, sodass auch Andere noch zugreifen können?

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Konkrete Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern im Land zum Thema "Hamsterkäufe" liegen der Verbraucherzentrale RLP nach eigenen Angaben aktuell nicht vor. Wenn es aber dazu Fragen gebe, dann seien es eher "die Ängstlichen", die Rat suchten, so Rita Rausch.

Psychotherapeut: Hamsterkäufer wollen eigene Hilflosigkeit reduzieren

Ulrich Bestle, Vorstandsmitglied der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, erklärt das Phänomen der "Hamsterkäufe" auf SWR-Anfrage so: "In Gefahrensituationen reagiert der Mensch mit Angst. Der Körper wird aktiviert, um der Situation zu entkommen oder sie zu bewältigen." Ziel sei es, unkontrollierbare Situationen kontrollierbar erscheinen zu lassen. Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine stellten solche Gefahrensituationen dar, so Bestle. Die „Hamsterkäufe“ dienten also dazu, mit den eigenen Gefühlszuständen besser umgehen zu können und die Hilflosigkeit und Unsicherheit zu reduzieren.

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Medien im kritischen Fokus

In diesem Zusammenhang wirft die Expertin der Verbraucherzentrale RLP einen kritischen Blick auf die Medien. Denn das Thema "Hamsterkäufe" werde im Moment hauptsächlich durch die Presse an die Verbraucherzentrale herangetragen, so Rita Rausch. Ihr Eindruck: Hatten Verbraucherinnen und Verbraucher das Phänomen bislang vielleicht gar nicht wahrgenommen, habe sich das durch die Berichterstattungen geändert. Der entstandene Hype verschärfe nun die Situation.

Dass vor allem Waren wie Toilettenpapier, Sonnenblumenöl oder Mehl aus den Supermarktregalen verschwinden, führt der Psychotherapeut Bestle auch auf die Berichterstattung der Medien zurück. Wenn vertraute Informationsquellen Bedrohungsszenarien beschrieben, werde nicht daran gezweifelt. Sollten im Supermarkt dann auch noch genau jene Produkte ausgehen, die zuvor als mögliche Mangelwaren genannt wurden, sehe sich der Verbraucher darin bestätigt, dass es zu einem Mangel kommen werde, so Bestle.

Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz gegen Hamsterkäufe

Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz spricht sich grundsätzlich gegen "Hamsterkäufe" aus. Sich zu Hause einen gewissen Vorrat anzulegen, auch mal eine zweite Flasche Öl im Regal zu haben, das sei kein Problem, sagt Beraterin Rausch. Aber das reiche in der jetzigen Situation auch vollkommen aus. Sie verweist bei Fragen dazu auch gerne auf das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und dessen Vorratsempfehlung.

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Lebensmittelverband sieht noch keine Unterversorgung

Auch der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) zeigt sich noch entspannt. So lägen ihm beispielsweise noch keine Informationen über eine flächendeckende Unterversorgung mit Sonnenblumenöl im deutschen Einzelhandel vor, sagte BVLH-Sprecher Christian Böttcher den Zeitungen des Redaktionsnetzwerk Deutschland. Allerdings, so Böttcher mit Blick auf den Krieg in Osteuropa, sei die Ukraine gerade für Deutschland ein wichtiger Rohstofflieferant für Sonnenblumenöl: "Das Land steht für 51 Prozent der auf dem Weltmarkt zur Verfügung stehenden Menge und gehört für Deutschland zu den wichtigsten Importländern."

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Wenn durch den russischen Überfall auf die Ukraine ein so wichtiger Rohstofflieferant ausfalle, könne das sicher nicht lange ohne Auswirkungen auf die Märkte bleiben, so Böttcher. Offen sei auch, "inwiefern steigende Kosten auf den Vorstufen in Folge des Russland-Ukraine-Krieges durch die Kette weitergegeben werden".

Lebensmittelhandel: Einkäufe nur in haushaltsüblichen Mengen

Der BVLH ist wie die Verbraucherzentrale RLP gegen Hamsterkäufe. "Wie bereits zu Beginn der Corona-Krise" sollten sich die Kunden "untereinander solidarisch verhalten und Produkte nur in haushaltsüblichen Mengen einkaufen", so Sprecher Böttcher.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte zuletzt erklärt, dass er nicht mit Versorgungsengpässen wegen des Ukraine-Kriegs rechne. Und auch Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) sah die Versorgung als "gesichert" an, warnte jedoch vor Preissteigerungen.

Dass es sich bei den rückläufigen Warenbeständen möglicherweise um eine künstlich hervorgerufene Verknappung der Lebensmittel durch die Industrie handeln könnte, glaubt Rita Rausch von der Verbraucherzentrale RLP mit Sitz in Mainz nicht. Missernten, Logistik-Probleme, teurere Düngemittel und auch der Ukraine-Krieg seien Fakten, die nicht wegdiskutiert werden könnten.

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