Das verheerende Hochwasser im Ahrtal hat Schuld (Kreis Ahrweiler) hart getroffen. Zahlreiche Häuser wurden durch die Fluten zerstört. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Hochwasserkatastrophe im Ahrtal

Landesamt für Umwelt: "Gegen 15:30 Uhr war klar, es würde ein extremes Ereignis geben"

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Im Fokus des heutigen Untersuchungsausschusses zur Flutkatastrophe steht das Verhalten der Behörden. So geht es zum Beispiel um Fragen, wie vorliegende Wetterdaten ausgewertet und kommuniziert wurden.

Der Leiter der Abteilung Hydrologie des Landesamtes für Umwelt (LfU), Thomas Bettmann, sagte, am Tag der Flutkatastrophe sei gegen 15:30 Uhr klar gewesen, dass es ein extremes Ereignis geben würde. Der Wasserstand der Ahr sei zu diesem Zeitpunkt schon auf über fünf Meter prognostiziert worden. Eine entsprechende Warnung sei vom Landesamt herausgegeben worden.

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Welche konkreten Auswirkungen dieses Hochwasser auf das betroffene Gebiet haben könnte, könne das Landesamt aber nicht wissen. Das Landesamt für Umwelt sitze in Mainz und habe keine Ortskenntnis. Warnmeldungen werden, so Bettmann, an die Kreisverwaltung weitergegeben. Dies sei Aufgabe seiner Behörde. Die Kreisverwaltung informiere dann die Verbandsgemeinden und Gemeinden.

Schwanke: Ahrtal hätte noch evakuiert werden können

Am Vormittag hatte der Meteorologe Karsten Schwanke gesagt, seiner Einschätzung nach wäre es bei der Flutkatastrophe im Ahrtal noch möglich gewesen, Menschen rechtzeitig zu warnen und zu retten.

"Selbst in der Ist-Vorhersage am Abend des 14. Juli um 20, 21 Uhr wäre immer noch genug Zeit gewesen, die Leute da rauszuholen", sagte der TV-Moderator in der siebten Sitzung des Untersuchungsausschusses zu Flut im Ahrtal. Er ist prominentester Sachverständiger bei der siebten Sitzung des Gremiums.

Schwanke: Wusste nicht, dass es zur Flutwelle kommt

"Ich kann nur vermuten, dass die Person fehlte, die mit panischer Stimme gesagt hat, wir müssen alle rausholen." Zwei Tage vorher habe man gewusst, dass es eine Hochwasserlage im Ahrtal geben könnte. Am späten Nachmittag oder frühen Abend des 14. Juli "wussten wir, dass es extreme Niederschläge gibt". Aber: "Ich wusste nicht, dass es zu dieser zehn Meter hohen Flutwelle kommt", betonte Schwanke. Er hätte das nie erwartet. In anderen Regionen seien an dem Tag viel höhere Regenmengen gefallen.

Die lokalen Gegebenheiten des Ahrtals hätten zusätzlich zu den meteorologischen Fakten eine entscheidende Rolle gespielt. Das sehr enge, V-förmige Tal mit einem Zuschnitt, in dem einzelne Hochwasserwellen der Nebentäler im Haupttal zusammenlaufen, nannte er als Beispiel. Die Böden seien nach vielen Niederschlägen im Mai und Juni zudem nass gewesen und hätten genauso wenig Wasser aufnehmen können wie der Wald. Eine entscheidende Rolle habe auch der Bau der Ahr-Brücken gespielt, die bis zum Bersten als Staudämme fungiert hätten.

Schwanke hat am Freitag im Untersuchungsausschuss auch Kritik an der Berichterstattung des SWR am 14. Juli geübt. Er behauptete, er habe sich für ein Gespräch am Abend der Flut angeboten, dies sei aber abgelehnt worden. Der SWR wird den Sachverhalt klären.

Andere Metereologen wie Sven Plöger, Jörg Kachelmann und mehrere Beschäftigte des Deutschen Wetterdienstes hatten sich bereits in vorherigen Sitzungen im Mainzer Landtag über die Vorhersagen zu der verheerenden Sturzflut geäußert.

"Ministerium ist nicht Teil der Meldekette"

Der Abteilungsleiter aus dem Umweltministerium, Andreas Christ, erklärte im Ausschuss, ihm sei am Tag der Ahr-Flutkatastrophe nach 17 Uhr klar gewesen, "dass es ein sehr deutlich großes Hochwasser gibt". Einen Lagebericht aus seinem Haus an die damalige Ministerin Anne Spiegel (Grüne) habe es seines Wissens an diesem Tag nur einmal gegeben - bereits am Vormittag. Der Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft betonte: "Das Ministerium ist aber nicht Teil der Meldekette."

Hochwassermeldedienst und Hochwasserfrühwarnung seien aktiv gewesen. "Die Warnketten haben nach meinem Kenntnisstand funktioniert", sagte der als Zeuge geladene Abteilungsleiter in Mainz. Nach den vorgegebenen und festgelegten Meldestrukturen und -wegen verschicke das Landesamt für Umwelt (LfU) die Meldungen an die Kreismeldestellen. Er könne keine Informationen darüber haben, was ein Wasserstand konkret vor Ort bedeute und welche Maßnahmen dort ergriffen werden könnten. Es habe für ihn daher auch keinen Sinn gemacht, "die Informationen an irgendwen zu verschicken" oder "wild in der Gegend rum zu telefonieren". Das sorge für Chaos.

Er habe an dem Tag der Flutkatastrophe nicht selbst mit Spiegel gesprochen, und wisse auch nicht, wer aus dem Ministerium mit ihr gesprochen habe, sagte Christ. Er habe aber in Kontakt mit Staatssekretär Erwin Manz (Grüne) und dem LfU gestanden.

Spiegel soll am 11. März als Zeugin befragt werden

Die früheren rheinland-pfälzischen Klimaschutz- und jetzigen Bundesfamilienministerin Spiegel (Grüne) selbst soll als Zeugin im Untersuchungsausschusses befragt werden. Einem entsprechenden Antrag der oppositionellen CDU-Landtagsfraktion stimmte der Ausschuss am Freitag zu. Spiegel soll in der Sitzung am 11. März als Zeugin aussagen. Dabei sollen auch die frühere Präsidentin des rheinland-pfälzischen Landesamtes für Umwelt (LfU), Sabine Riewenherm, und der Staatssekretär im Klimaschutzministerium, Erwin Manz, als Zeugen gehört werden.

"Es wird vor allem darum gehen, welche Informationen der Führungsebene vorlagen und wer die politische Verantwortung dafür trägt, warum die Bevölkerung nicht frühzeitig gewarnt wurde", erklärten die beiden stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Marcus Klein und Gordon Schnieder.

Spiegel war zum Zeitpunkt der Hochwasser-Katastrophe im Juli 2021 Klimaschutzministerin in Rheinland-Pfalz - und damit auch oberste Dienstherrin des Landesamtes für Umwelt.

Ausschuss untersucht, warum Katastrophe nicht verhindert werden konnte

Vor dem extremen Dauerregen an sich war rechtzeitig gewarnt worden - das ergaben die vergangenen zwei Sitzungen des rheinland-pfälzischen Untersuchungsausschusses zur Flut. Warum die auf den Regen folgende Katastrophe mit 134 Toten in dem Tal trotzdem nicht verhindert werden konnte, soll jetzt nach und nach herausgefunden werden.

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Die Landtagsfraktionen ziehen aus den vorangegangen Sitzungen des Untersuchungsausschusses zur Flut unterschiedliche Schlüsse für die weiteren Befragungen. "Inwieweit und in welcher Form die tatsächlichen eingetretenen meteorologischen Bedingungen rund um den 14. Juli in Ausmaß und Intensität vorhersehbar waren", unter anderem diese Frage ist nach Einschätzung von FDP-Fraktionschef Philipp Fernis noch offen.

Auch SPD-Obmann Nico Steinbach will in der Ausschusssitzung die Reaktionen im Kreis Ahrweiler und vom damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) in den Fokus rücken. "Warum wurden Warnungen nicht in entsprechende Handlungen umgesetzt?", so Steinbach. Aus den bisherigen Befragungen gibt es nach Steinbachs Einschätzung vor allem drei Erkenntnisse:

"Es gibt nicht nur einen Faktor, der zur Katastrophe geführt hat, sondern es war eine Verkettung mehrerer vor allem lokaler und regionaler Besonderheiten."

Die Warn- und Meldeketten müssten auf mögliche Defizite und Brüche untersucht werden, fordert der Obmann der Freien Wähler, Stephan Wefelscheid. Außerdem müsse geklärt werden, "ob und wenn ja wann" die Spitze des Umweltministeriums - also die damalige Ministerin Anne Spiegel (Grüne) - über die Lage informiert wurde.

Nach Einschätzung der CDU-Obleute habe bereits am 13. Juli das dramatische Ausmaß der Wetterlage erkannt werden können. "Die folgenschweren Brüche in der Warnkette müssen danach passiert sein", stellen sie fest und rücken dabei das Landesamt für Umwelt in den Fokus.

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Der Vertreter der Grünen-Fraktion, Carl-Bernhard von Heusinger, erklärte, die bisher befragten Sachverständigen hätten klargestellt, dass die Hochwasserprognosen rechtzeitig und ordnungsgemäß an die betroffenen Landkreise herausgegeben worden seien. "Darin unterscheidet sich die Situation in Rheinland-Pfalz erheblich von der Situation in Nordrhein-Westfalen, wo offenbar die Warnungen gar nicht vor Ort vorlagen", so von Heusinger.

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