Eine Psychotherapeutin im Gespräch mit einer Patientin: Das Psychologiestudium wird reformiert; Psychotherapie wird ein eigener Studiengang (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa Themendienst | Christin Klose)

Psychologen schlagen Alarm

Die schwere Suche nach einem Therapieplatz in der Region Trier

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Christian Altmayer

Einen Therapieplatz zu bekommen war in der Region Trier nie einfach. Durch die Corona-Pandemie und die Flutkatastrophe Mitte Juli 2021 ist die Suche nach einem Psychologen aber noch schwieriger geworden.

Die 15-jährige Nathalie* will nicht mehr in die Schule. Lieber möchte sie den Tag in ihrem Zimmer verbringen, mit den Rolladen unten und dem Kopf unter der Decke. "Sie braucht Hilfe", sagt ihre Mutter. Sie vermutet, dass ihre Tochter eine Depression entwickelt. Doch Hilfe ist schwer zu bekommen.

Bei gut einem Dutzend psychologischer Praxen hat die Frau aus der Region Trier mittlerweile angerufen. Doch nicht mal für eine Sprechstunde hätten die Therapeuten Zeit, sagt die Frau. Denn der Bedarf an Therapie ist groß und die Plätze begrenzt.

Wartezeiten bei Therapeuten von einem halben Jahr 

Markus Hangarter kann das bestätigen. Der Trierer Psychotherapeut hat eine Praxis in Konz (Kreis Trier-Saarburg) und sagt: "Im Moment liegen die Wartezeiten bei mir bei etwa einem halben Jahr." Es gebe wesentlich mehr Anfragen, als er bearbeiten könne.

Im Oktober des vergangenen Jahres hatte der Psychologe seine Warteliste geschlossen, weil er keine zusätzlichen Patienten mehr aufnehmen konnte. Im Januar hat er wieder Anfragen entgegengenommen: "Und jetzt sind meine Therapieplätze schon wieder voll."

Corona und Flut verschärfen den Mangel 

Was sich in der Konzer Praxis abspielt, trifft nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz auf viele weitere zu. Mehrmonatige Wartezeiten seien für Patienten seit Jahren üblich. Die Therapeuten selbst sind laut Vereinigung "an der Belastungsgrenze". Hinzukämen das Coronavirus und die Flutkatastrophe in der Eifel, die für weiteren Druck sorgten.

"Wir sehen eine psychische Zusatzbelastung durch die Pandemie bei vielen Menschen und dies schlägt sich auch in noch mehr Nachfragen nach Therapieplätzen nieder", sagt Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Anfragen um 40 Prozent zugenommen haben.

180 Therapieplätze zu wenig in Rheinland-Pfalz

Psychologe Markus Hangarter in Konz sagt, er "führe keine Strichliste darüber, ob ich seit der Pandemie häufiger angerufen werde." Dennoch habe auch er Patienten, denen Corona oder das Hochwasser zu schaffen machten.

"Das Coronavirus aber auch die Flutkatastrophe können dazu führen, dass psychische Probleme angestoßen oder verstärkt werden."

Um die Lage zu entspannen, bräuchte es laut der Kassenärztlichen Vereinigung 180 Therapeuten mehr in Rheinland-Pfalz. Anders als etwa bei Ärzten gebe es genügend Interessenten - auch auf dem Land. Nur mangele es an Kassensitzen.

Genug Psychologen, aber kaum freie Plätze

Ein Beispiel, das dies deutlich macht, kann Markus Hangarter erzählen. 45 Psychotherapeuten hätten sich im Herbst 2020 allein auf seinen Kassensitz in Konz beworben, sagt er. Weil viele Psychologen nicht zum Zug kommen, eröffnen sie inzwischen vermehrt Privatpraxen. Dort kann aber nur behandelt werden, wer das nötige Kleingeld hat.

Krankenkassen sperren sich gegen Reform

Der Grund für die wenigen Sitze sei der Bedarfsplan, der nach Richtlinien des gemeinsamen Bundesausschusses für die Regionen berechnet wird. Dieser, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung, bilde die Realität aber nicht ab.

Psychologe Hangarter in Konz würde sich daher von der Politik wünschen, dass neue Kassensitze geschaffen werden. Auch Sabine Maur von der Landespsychotherapeutenkammer sagt: "Wir erwarten, dass die neue Bundesregierung zeitnah ernst macht mit der Ankündigung im Koalitionsvertrag, die psychotherapeutische Versorgung zu verbessern."

Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz würde den Bedarfsplan für die Therapieplätze am liebsten ganz abschaffen.

"Der Bedarfsplan ist ein reines Zahlenwerk vom Grünen Tisch und von der Finanzierungsunwilligkeit der Krankenkassen her geprägt."

Es müsse ein neuer Schlüssel her, der sich am tatsächlichen Patientenaufkommen orientiere. Das allerdings wäre für die Krankenkassen mit Kosten verbunden. Worin Stefan Holler von der Kassenärztlichen Vereinigung auch den Grund dafür sieht, dass seit Jahren nichts passiere.

Die Mutter der 15-jährigen Nathalie jedenfalls hat die Suche nach einem Therapieplatz inzwischen aufgegeben. "Mittlerweile bin ich so weit, dass ich sie zu einer Heilpraktikerin schicken würde", sagt sie. "Nur, damit sie überhaupt irgendwo Hilfe bekommt."

*Name von der Redaktion geändert

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