Den 250 Kühen auf dem Hof von Ignaz Hontheim in Leidenborn soll es gut gehen. (Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann)

Molkereigenossenschaft Finalist bei Deutschem Nachhaltigkeitspreis

Wie nachhaltig die Nachhaltigkeitsstrategie der Arla ist

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Anna-Carina Blessmann
Anna-Carina Blessmann am Mikrofon (Foto: SWR)

Die Molkereigenossenschaft Arla will ihren CO2-Fußabdruck reduzieren und ist deshalb bis ins Finale für einen renommierten Preis gekommen. Es gibt aber auch kritische Stimmen zu Arlas Strategie.

Als Landwirt, der täglich mit der Natur zu tun hat, sind Ignaz Hontheim aus Leidenborn in der Eifel Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz wichtig. Deshalb setzt er schon lange unter anderem auf Photovoltaik auf seinem Dach.

Seinen Stallmist gibt er in die örtliche Biogasanlage und düngt seine 150 Hektar Land mit dem Mist und dem Substrat, das er aus der Anlage zurückerhält. So müsse kaum Dünger hinzugekauft werden, der transportiert werden müsste und so CO2 verursachen würde.

Besonders wichtig ist Hontheim auch das Wohl der 250 Kühe auf seinem Hof, den er mit seiner Familie betreibt. Der Stall sei vergrößert worden und werde gut eingestreut, die Kühe können sich an der Stallbürste schubbern und selbstständig zum Melkroboter gehen. Mit Sensoren wird genau überwacht, wie viel Milch eine Kuh gibt, wie viel sie sich bewegt, wie gesund sie also ist.

"Wir sehen ja draußen, dass sich das Klima verändert. Ich denke mal, jeder ist verpflichtet, da etwas an der Problematik zu tun."

Klimacheck als Anreiz der Arla

Seit ein paar Jahren wird Hontheim für diese Bemühungen auch belohnt: Die Molkereigenossenschaft Arla, der Hontheim seine Milch liefert, gibt jedem Landwirt einen Cent mehr pro Kilo Milch, wenn er einen sogenannten Klimacheck durchführt. "Was die Landwirte jährlich machen, ist, dass sie die Daten rein geben, wie sie ihren Hof betreiben. Also mit der Anzahl der Kühe, wie gefüttert wird, was für Strom genutzt wird, Düngemittel und Gülle-Management", erklärt Arla-Sprecher Kasper Thormod Nielsen.

"Den Klimacheck haben wir mit Experten nach einem internationalen Standard entwickelt. Er wird mit dem Landwirt und für den Landwirt entwickelt."

Die Daten werden laut Arla dann von einem externen Berater bewertet. Dieser komme auch auf den Hof und gebe eine individuelle Beratung, wie die Landwirte ihre Bemühungen um Nachhaltigkeit und Klimaschutz noch steigern können. Denn die Arla will viel erreichen, so Nielsen: "Wir haben eine ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie als Unternehmen. Wir haben uns verpflichtet, uns an das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens zu halten."

Bis 2030 sollen CO2-Emission und ähnliche Ausstöße auf den Höfen um 30 Prozent pro Kilogramm Milch verringert werden. Auch in der Produktion, Logistik und Energienutzung soll reduziert werden, bis 2050 will man sogar einen Netto-Null-Ausstoß von CO2-Emissionen erreichen.

Arla für Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert

Für diese Bemühungen kam Arla in der Kategorie "Unternehmen Transformationsfeld Klima" bis ins Finale für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Gewonnen hat die Arla aber nicht. Die Preise wurden am Freitagabend vergeben. Sie werden jährlich von der gleichnamigen Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung und diversen Unternehmen und Organisationen ausgelobt.

Die Arla plant noch ein weiteres Anreizmodell: Ab dem kommenden Jahr können Landwirte wie Hontheim nach einem Punktesystem bewertet werden, wenn sie konkrete Schritte für Nachhaltigkeit und Klimaschutz machen. Je nachdem, wie viele der möglichen 80 Punkte sie erreichen, können sie sogar bis zu drei Cent Aufschlag pro Liter Milch von der Arla erhalten.

Den 250 Kühen auf dem Hof von Ignaz Hontheim in Leidenborn soll es gut gehen. (Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann)
Den 250 Kühen auf dem Hof von Ignaz Hontheim in Leidenborn soll es gut gehen. Anna-Carina Blessmann

Für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis musste die Arla umfangreiche Unterlagen einreichen, die laut einem Arla-Sprecher nach festgelegten Standards geprüft wurden.

SWR-Umweltredakteurin Nadine Gode sagt dazu: "Das Gute an dem Preis ist: Er macht das Thema Nachhaltigkeit total attraktiv. Unter den Bewerbern und auch den späteren Finalisten finden sich einige gute Projekte. Und auch die Jury besteht aus renommierten Experten und Wissenschaftlern."

Allerdings ist der Deutsche Nachhaltigkeitspreis auch durchaus umstritten: Zuletzt musste die zuständige Stiftung dem Youtuber Fynn Kliemann einen Preis wieder aberkennen, nachdem herausgekommen war, dass dieser doch keine nachhaltigen Coronamasken verkauft hatte.

"Aber es gibt auch einen Haken: Das ganze Verfahren, wer den Preis bekommt, ist ziemlich intransparent."

Eine Recherche der Wochenzeitung "Die Zeit" hat auch gezeigt, dass im Vergabeverfahren nicht alle Angaben, Zahlen und Daten der Bewerber kontrolliert werden können. "Das hat in der Vergangenheit schon zu Problemen geführt und schmälert natürlich das Ansehen der Auszeichnung", sagt Gode.

Foodwatch kritisiert Übertreibung von Arlas Klimazielen

Und auch von anderer Seite gibt es Kritik: Die Verbraucherschutz-Organisation "Foodwatch" begrüßt zwar, dass Arla nicht nur bei der Milchproduktion, sondern auch bei den Kühen und Landwirtinnen und Landwirten ansetzt, um Emissionen zu reduzieren, sagt Manuel Wiemann von Foodwatch: "Gleichzeitig übertreibt Arla jedoch mit den Werbeaussagen und behauptet beispielsweise, sich an das Pariser Klimaabkommen zu halten."

Um dieses Abkommen einzuhalten, müsste laut Foodwatch aber in Deutschland die Zahl der gehaltenen Nutztiere und insbesondere der Kühe halbiert werden. Arla als Unternehmen setze aber auf ein Wachstum von drei bis vier Prozent, das entspreche möglicherweise 25 Prozent mehr Kühen bis 2030, sagt Wiemann: "Das ist viel zu viel und an der Stelle eine Übertreibung, sich an das Pariser Klimaabkommen zu halten."

Foodwatch sieht allerdings nicht die Unternehmen, sondern die Bundesregierung in der Pflicht, die Zahl der Tiere in Deutschland zu halbieren.

Um dennoch die eigenen Klimaziele zu erreichen, trickse Arla: Das Ziel, 30 Prozent der Emissionen auf den Milchhöfen zu reduzieren, bezieht sich nur relativ auf den Ausstoß pro Liter Milch. Die Arla kann also den Ausstoß pro Kuh verringern, trotzdem aber mehr Tiere halten und gleichzeitig die eigenen Klimaziele einhalten, so Foodwatch.

Arla muss Öl statt Gas nutzen

Zudem bekommt Arla durch die Energiekrise noch ein weiteres Problem: Zwar will man auf erneuerbare Energien umsteigen, muss aber in diesem Jahr wieder Öl statt Gas als Energieträger nutzen. "Die Energiekrise ist eine zwischenzeitliche Herausforderung, die wir als Gesellschaft alle haben. Aber das hält uns nicht davon ab, dass wir immer noch auf grünen Strom und erneuerbare Energie umstellen wollen. Das ist immer noch unser Ziel für 2025", sagt Sprecher Nielsen dazu.

Fragwürdige Kompensationen auch bei Arla geplant

Und auch grundsätzlich ist Milchproduktion nicht ohne CO2-Ausstoß möglich, allein schon, weil das Produkt von Anfang an gekühlt werden muss. Eine Möglichkeit, auch hier den CO2-Ausstoß kleiner zu rechnen, ist eine sogenannte Kompensation: Unternehmen kaufen sich beispielsweise in Aufforstungsprojekte ein, durch die vermeintlich CO2 gebunden wird, und erhalten dafür ein Siegel.

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Foodwatch und das ZDF haben den Discounter Aldi in diesem Jahr kritisiert, weil er mit diesem Verfahren eine Milch als "klimaneutral" verkauft hat, obwohl er nach eigenen Angaben weder weiß, wie viel CO2 bei der Produktion ausgestoßen noch wie viel durch das Siegel eingespart wird.

Auch die Arla will auf solche Kompensation setzen, sagt Sprecher Nielsen: "Unser Ziel ist es, auf den Höfen und in unserer Produktion so weit wie möglich CO2 zu reduzieren. Und nebenbei werden wir auch, wenn es relevant ist und wenn es Sinn macht, kompensieren, um auf null CO2-Ausstoß zu kommen."

"Und ich denke, wenn die Kompensation richtig gemacht wird, ist das auch eine vernünftige Entscheidung. Generell muss man schauen, dass richtig kompensiert wird und mit welchen Projekten tatsächlich CO2 gebunden wird."

Laut Foodwatch gibt es aber keine "richtige" Kompensation, da es keine verlässlichen Standards oder Zertifikate gebe, mit denen ein solcher Ausgleich möglich ist. Das private Öko-Institut habe hunderte Zertifikate untersucht und festgestellt, dass nur zwei Prozent davon halten, was sie versprechen. Es sei aber unmöglich, herauszufinden, welche diese zwei Prozent sind, weil alle Kompensationsprojekte auf fragwürdigen Hypothesen beruhten.

"Wer kann garantieren, dass ein Wald, der zum Ausgleich benutzt wird, in 30 Jahren noch steht? Oder dass dieser Wald dann nicht einer Dürre oder einem Waldbrand zum Opfer gefallen ist? Deswegen darf Klimaschutz nicht von fragwürdigen Kompensationen abhängen, sondern die Unternehmen müssen ihre eigenen Emissionen drastisch reduzieren."

Stolz auf Arla-Landwirte

Dennoch ist der Ansatz der Arla, tatsächlich auf den Höfen und in der Produktion die Emissionen zu reduzieren, offenbar zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Landwirt Ignaz Hontheim aus Leidenborn ist nicht nur überzeugt vom Klimaschutz, sondern auch von der Strategie der Arla: "Unser Vorteil als Arla-Landwirt ist, dass wir durch den Klimacheck mittlerweile schon seit Jahren Zahlen haben, die uns zeigen, wo wir klimamäßig stehen."

Er selbst habe mal einen CO2-Fußabdruck von einem Kilo CO2 pro Liter Milch gehabt, also sogar besser als der Arla-Durchschnitt. Kleinste Veränderungen könne er daran genau ablesen, so zum Beispiel, als er in diesem trockenen Sommer Futter hinzukaufen musste: "Da hat sich der Wert verschlechtert. Aber nur um zwei Hundertstel", lacht er.

Die Arla ist stolz auf diese Leistung, sagt Sprecher Nielsen: "Was Ignaz auf seinem Hof schaffen kann, ist ja eine Sache. Aber wenn alle Arla-Landwirte gemeinsam arbeiten, auch am Klimacheck, da kann man schon eine Veränderung bewirken. Und das bewundere ich, dass fast 9.000 Arla-Landwirte eine Veränderung schaffen möchten."

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