Friedmunt Sonnemann auf der Königsfarm. (Foto: SWR)

Ein Aussteiger aus dem Hunsrück erzählt

Was braucht der Mensch wirklich?

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Lena Bathge
Lena Bathge ist multimediale Reporterin im SWR Studio Trier (Foto: Lena Bathge )

Hohe Gaspreise, kalte Wohnungen - diese Aussichten bereiten vielen Sorge. Man kann auch mit weniger auskommen. Was braucht der Mensch wirklich, haben wir einen Aussteiger gefragt.

Schon die Wegbeschreibung liest sich fast wie die Karte zu einem versteckten Schatz irgendwo im Nirgendwo: am Marienhäuschen links, am Waldrand entlang, Achtung - da wird es nochmal steil. Bereits am Telefon hat Friedmunt Sonnemann mich vorgewarnt: "Die meisten denken, da kommt nichts mehr." Doch dann taucht ganz unerwartet eine hohe Scheune zwischen den Bäumen auf. Vor mir liegt die Königsfarm. Ein Sammelsurium aus Lehmhäusern, Schuppen, Bauwagen und Kompostklo. Das Zuhause von Friedmunt Sonnemann.

Einer, der auszog, die Freiheit zu finden

Vor mehr als 30 Jahren beschloss Sonnemann in eine Hütte im Wald zu ziehen. Sehr zum Entsetzen des Vaters, denn die drei Brüder sind Architekt, Mathematiker und bei der Deutschen Bahn angestellt. Gute, solide Berufe, aber nichts für Friedmunt Sonnemann. Heute lebt er dort mit einer wechselnden Zahl an Menschen, viele von ihnen Freiwillige, die auf der Farm mitarbeiten. Sonnemann baut alte Gemüse- und Kräutersorten an. Das Saatgut verkauft er weiter und trägt so zum Erhalt der Kulturpflanzen bei.

"Das hat schon als Kind in mir drin gesteckt. Ich hab damals schon gewusst, dass ich die Zivilisation hinter mir lassen werde", erzählt er. Sonnemann will zurück zur Natur, frei und unabhängig sein, sich auf das Wesentliche reduzieren, auf das, was der Mensch wirklich braucht.

Aussteiger Friedmunt Sonnemann erzählt (Foto: SWR)
Friedmunt Sonnemann baut alte Gemüse- und Kräutersorten an. Das Saatgut verkauft er anschließend weiter. Reihenweise stehen Einmachgläser in Kisten und Regalen. Sie alle enthalten wertvolle Sämereien von selten gewordenen Kulturpflanzen.

Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf und Luft zum Atmen

Und was ist das? Was braucht der Mensch wirklich? Das frage ich Sonnemann und die Antwort klingt denkbar einfach: Genug vollwertige, energiereiche Nahrung, Trinkwasser, Atemluft, die ihren Namen auch verdient hat und ein Dach über dem Kopf, das man selbst im tiefsten Winter noch einigermaßen warm halten kann. Doch genau da liegt das Problem: Sonnemann heizt mit Holzöfen, das Feuerholz stammt zu einem großen Teil aus dem umliegenden Wald. Den meisten Menschen ist dieser Luxus nicht vergönnt. Sie sind abhängig von Öl und Gas. Und das ist problematisch zur Zeit.

Sind 25 Grad im Schatten der Heizung wirklich nötig?

Egal, ob es die steigenden Preise sind oder mögliche staatlich verordnete Sparmaßnahmen, im Winter müssen wir alle mit hoher Wahrscheinlichkeit den Gürtel enger schnallen. "Aber muss ich wirklich mitten im Winter meine Wohnung auf 25 Grad heizen, um dann im T-Shirt herumzulaufen?", fragt Sonnemann. Er selbst fühlt sich auch bei 14 Grad Raumtemperatur noch wohl. Dann natürlich nicht mehr im T-Shirt, sondern im dicken Wollpullover. Wichtig dabei ist: Aus richtiger Wolle muss er sein, nicht aus Baumwolle, um wirklich warm zu halten.

Aussteiger Friedmunt Sonnemann erzählt (Foto: SWR)
Die Solarzelle auf dem Dach wärmt bei gutem Wetter das Wasser für die Dusche auf. Im Winter duschen die Bewohner der Königsfarm daher meistens kalt.

Mit wenigen Mitteln möglichst viel zu erreichen, damit kennt Sonnemann sich aus, denn das erste Jahr im Wald war vor allem von Provisorien geprägt. "Es ist nicht gefährlich, so zu leben wie ich. Aber man sollte dennoch wissen, was man tut", meint Sonnemann. Die ursprüngliche Hütte im Wald war renovierungsbedürftig, sie zu heizen eine Herausforderung. "Da war es vor allem wichtig, sich nachts warm zu halten. Ich habe dann oft eine Wärmflasche oder einen Wärmestein mit ins Bett genommen", erklärt Sonnemann.

Mühevolle Freiheit statt romantischer Idylle

Fließend Wasser und Strom? Gab es nicht. Inzwischen ist das anders, zumindest teilweise. Ihr Nutzwasser beziehen die Bewohner der Königsfarm aus einer nahegelegenen Quelle. Über Schläuche gelangt es auf die Farm. Auch zwei Regenwasserzisternen sind mittlerweile eingebaut. Wer Glück hat, kann sogar warm duschen, denn auf dem Dach des Duschhäuschens ist eine Solarzelle angebracht. Im Winter nutzt das aber nicht mehr viel. Es sei denn, man wärmt sich Waschwasser über dem Holzofen auf. Die Wohnhäuser haben bis heute keinen Strom, nur auf dem Scheunendach sind ein paar Photovoltaik-Module angebracht.

"Wir müssen uns eben überlegen, was machen wir jetzt mit dem Strom, der da ist? Dadurch lernt man Achtsamkeit."

Auch das Trinkwasser kommt aus der nahen Quelle, muss aber jeden Tag in Glaskaraffen hinunter in die kleine Siedlung gebracht werden. Romantische Vorstellungen vom Idyll im Wald werden hier schnell zerschlagen. "Man muss auch anpacken können, kann nicht nur in der Hängematte liegen. Es ist bisweilen mühevoll", sagt Sonnemann selbst über seinen Lebensstil.

Trotzdem ist dieses Leben für ihn in erster Linie von Freiheit und nicht von Belastung geprägt. Sind wir anderen einfach zu gemütlich geworden, frage ich ihn. Haben wir uns so sehr an unseren hohen Lebensstandard gewöhnt, dass wir diesen gar nicht mehr zurückschrauben können?

Aussteiger Friedmunt Sonnemann erzählt (Foto: SWR)
Friedmunt Sonnemann holt Trinkwasser für die Königsfarm. Jeden Tag muss das Wasser in Glaskaraffen von der Quelle zur Siedlung getragen werden.

Viele Menschen könnten das nicht, meint Sonnemann. Seinem Vater fällt es, auch dreißig Jahre, nachdem sein Sohn in den Wald gezogen ist, noch immer schwer, dessen Lebensweise nachzuvollziehen. "Mein Vater ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, die Familie hatte nur sehr wenig", erzählt Sonnemann. "Für ihn war es eine große Errungenschaft, sich alles kaufen zu können."

Dass Friedmunt Sonnemann bewusst eine ganz andere Richtung einschlägt, freiwillig in "ärmlichen" Verhältnissen lebt, kann manch einer nur schwer begreifen. Doch in diesem speziellen Fall scheint das Verständnis von Armut und Reichtum eher eine Frage der Definition zu sein, als dass es durch die Ökonomie des Geldbeutels festgeschrieben wird. Sonnemann würde sich sicher als reich bezeichnen: Reich an Natur, reich an Freiheit und Unabhängigkeit. Frei von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen. Diesen versucht Sonnemann sich so gut es geht zu entziehen, schließlich wisse man seit Jahrzehnten, dass der Lebensstil der meisten Menschen nicht nachhaltig ist.

Unsere Lebensweise - der Säbelzahntiger der Moderne

"Die moderne Lebensweise ist kein Überlebensweg", sagt Sonnemann deutlich. Er zieht einen Vergleich: Die Steinzeitmenschen mussten einst vor angreifenden Säbelzahntigern fliehen. Doch war man ihnen einmal entkommen, dann legte sich der Stress auch wieder. "Heute leben wir doch zu einem großen Teil fremdbestimmt, keiner hat mehr Zeit oder Energie, für die wirklich wichtigen Dinge", meint Sonnemann.

Lehmhaus auf der Königsfarm (Foto: SWR)
Die Wohnhäuser auf der Königsfarm sind traditionell aus Lehm und Stroh gebaut.

Wir hätten uns zu weit von der Natur entfernt, sind ständig gestresst. Und der Stress höre niemals auf, der Säbelzahntiger der Moderne jage uns tagein, tagaus hinterher. "Viele Menschen haben das Maß der Dinge aus den Augen verloren", so Sonnemann. Aber können wir alle von heute auf Morgen unsere sieben Sachen packen und in den Wald ziehen? Das ist eher unwahrscheinlich.

Die Stadtwohnung ist keine Farm im Wald

Ich frage mich also: Wie lässt sich das, was Sonnemann und die anderen Bewohner der Königsfarm hier praktizieren, auf mein Leben in der Stadt übertragen, wenn im Winter das Gas knapp wird? Holzöfen kommen nicht in Frage, Wärmflaschen und Wollpullover habe ich dagegen schon im Schrank liegen. "Vorübergehend kann man immer auch mit kühleren Temperaturen leben", meint Sonnemann.

Darüber hinaus sei es wichtig, nicht nur sparsam mit den Ressourcen, die einem zur Verfügung stehen, umzugehen, sondern auch sinnvoll. Sprich: Wann brauche ich die Heizung wirklich, wann macht es Sinn, sie einfach aus zu lassen? "Letztlich kann das aber nur jeder für sich persönlich entscheiden, jeder muss für sich selbst Verantwortung übernehmen. Ein erster Schritt, den jeder machen kann, ist anzufangen achtsamer mit den Dingen umzugehen", rät Sonnemann.

"Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass alles, was wir beziehen, egal ob Gas, Brennholz, oder Lebensmittel, der Erde entnommen ist."

"Wir müssen achtsam damit umgehen und Respekt vor dem haben, was wir bekommen. Das ist etwas, was viele Menschen erst wieder lernen müssen", meint Sonnemann. Am Ende geht es also nicht nur um den nächsten Winter, sondern um eine Veränderung unserer Grundeinstellung. Fragt man also Friedmunt Sonnemann, was der Mensch wirklich braucht, dann lautet die Antwort: Weniger.

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