Eine Intensivpflegerin versorgt auf der Intensivstation einen an Covid-19 erkrankten Patienten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Ole Spata)

Viele ungeimpfte Corona-Patienten

Trierer Intensivmediziner: Krankenhaus-Personal durch Corona am Limit

STAND

Überstunden, psychisch belastende Situationen, zu wenig Personal und schwerkranke Corona-Patienten. Intensivmediziner Professor Tim Piepho hat mit SWR aktuell über die Corona-Situation im Trierer Brüderkrankenhaus geredet.

SWR Aktuell: Wie viele Corona Patienten werden derzeit bei Ihnen behandelt?

Prof. Tim Piepho: Aktuell betreuen wir nur vier Corona-Patienten hier im Brüderkrankenhaus. Zwei dieser Patienten werden intensivmedizinisch behandelt. Insgesamt werden in der Region Trier etwa zehn Corona-Patienten in den Krankenhäusern betreut. Im August konnten wir einen gewissen Anstieg an Patienten beobachten, die wegen Corona vermehrt ins Krankenhaus mussten. Das hat sich allerdings ein wenig stabilisiert. Im Winter hatten wir aber wesentlich mehr Corona-Fälle in den Krankenhäusern.

SWR Aktuell: Wie viele der Patienten, die sie derzeit betreuen, sind ungeimpft?

Prof. Tim Piepho: In der Region haben wir in den Krankenhäusern vorwiegend ungeimpfte Patienten. Es sind natürlich nur sehr wenige Zahlen, die ich aktuell hier in Trier überblicke. Ich habe aber viele Kontakte zu anderen Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz und wenn ich es mit den Zahlen, die mir die Kollegen widerspiegeln, grob einordne, sind ungefähr 80 Prozent der Patienten, die in den Krankenhäusern betreut werden, ungeimpft. Im Allgemeinen kann man sicherlich auch sagen, dass die Personen, die geimpft sind, insgesamt mildere Verläufe der Erkrankung haben.

Prof. Dr. med. Tim Piepho, Chefarzt Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin im Brüderkrankenhaus Trier  (Foto: Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier)
Dr. Tim Piepho, Chefarzt im Trierer Brüderkrankenhaus sagt, dass mittlerweile überwiegend jüngere Menschen wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden müssen. Häufig hätten sie schwere Verläufe. Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

SWR Aktuell: Überall hört man, dass mittlerweile verstärkt jüngere Menschen an Corona erkranken. Können Sie das bestätigen?

Prof. Tim Piepho: Also, das kann ich eindeutig bestätigen. Die Patienten, die wir in den Krankenhäusern betreuen, sind überwiegend jüngere Menschen, meistens so zwischen dem dreißigsten und dem fünfzigsten Lebensjahr. Und da sehen wir auch häufiger schwere Verläufe. Um das einzuordnen: Ende 2020, Anfang 2021, als wir die zweite Welle hatten, da haben wir ganz viele Patienten gesehen, die älter waren als 80 Jahre. Und die sehen wir heute in den Krankenhäusern fast gar nicht mehr. Und das liegt daran, dass die Impfquote in dieser Altersgruppe einfach unheimlich hoch ist und dass die Menschen dann dementsprechend seltener schwer erkranken.

SWR Aktuell: Rechnen Sie im kommenden Winter wieder mit steigenden Infektionszahlen und dementsprechend mehr Corona-Patienten, die ins Krankenhaus müssen?

Prof. Tim Piepho: Also, wir würden uns natürlich alle sehr wünschen, dass es keine schweren Verläufe gibt und die vierte Welle, die wir momentan erleben, nicht so stark wird wie die zweite und vor allen Dingen auch die dritte Welle. Aber nichtsdestotrotz befürchten wir, dass wir steigende Infektionszahlen haben werden, vor allen Dingen auch dadurch, dass sich die Impfquote sicher jetzt schon ein wenig einpendelt und nicht mehr so stark ansteigt, wie sie das ursprünglich getan hat. Wir haben hier in den Krankenhäusern schon wieder angefangen, Anpassungen und Umstrukturierungen vorzunehmen, um dann auch eine größere Anzahl von Patienten versorgen zu können. Im Brüderkrankenhaus gibt es jetzt zum Beispiel wieder eine Station, die nur für Covid-Patienten reserviert ist. Und wenn man sich aktuelle Prognosen auch vom Robert-Koch-Institut (RKI) anschaut, kann man sehen, dass auch die Zahl der intensiv-pflichtigen Patienten zunehmen wird.

Coronaimpfung Vierte Corona-Welle vermeiden: Welche Impfquote reicht?

Nur wenige Prozentpunkte entscheiden bei der Impfquote, ob die Corona-Pandemie in Zukunft ohne strengere Maßnahmen oder Lockdown kontrolliert werden kann - das geht aus einem neuen Bericht des Robert Koch-Instituts hervor. Doch können wir dieses Ziel erreichen?  mehr...

SWR Aktuell: Könnte es dann auch wieder zu Situationen kommen, bei denen geplante Operationen verschoben werden oder dass es bei den Intensivbetten zu Engpässen kommt?

Prof. Tim Piepho: Auch das ist durchaus realistisch. Man muss ganz klar sagen, dass wir vor Corona nicht so viele Intensivbetten hatten und dass auch die Auslastung der Intensivkapazitäten vor Corona bereits hoch war. Da kam Corona als neue Erkrankung dazu. Aber Krankheiten wie Krebserkrankungen etc. oder auch schwere Verletzungen und schwere Unfälle finden ja auch weiterhin statt und die sollen natürlich auch weiterhin vernünftig versorgt werden. Und deshalb kann es in einigen Regionen durchaus einen Versorgungsengpass geben. Der Pflegemangel, der momentan landesweit zu beobachten ist, wird das Ganze natürlich noch mal verstärken. Das heißt, dass nur eine gewisse Anzahl von Intensivbetten in einzelnen Häusern überhaupt zur Verfügung steht. Persönlich muss man natürlich hoffen, dass es dazu nicht kommt, dass die Auslastung von den Intensivstationen erreicht wird. Aber wir haben weiterhin auch Konzepte, um Patienten auch über eine größere Distanz in andere Regionen verlegen zu können. Und das müssen wir möglicherweise dann auch wieder tun.

SWR Aktuell: Sie haben es bereits angesprochen, es fehlt an Personal in der Pflege. Wie sieht es diesbezüglich in der Region Trier aus?

Prof. Tim Piepho: Also wir haben einfach einen Pflegemangel. Das muss man ganz klar sagen und das bemerkt man in jedem Krankenhaus. Also ich glaube nicht, dass es in unserer Region oder in Rheinland-Pfalz eine Klinik gibt, die sagen kann, dass sie nicht in dieser Situation ist. Und am Ende ist es natürlich wichtig, dass man zum einen das Personal, was man hat hält und motiviert so weiterzuarbeiten. Gleichzeitig muss man natürlich langfristig dafür sorgen, dass man wieder mehr Pflegepersonal bekommt. Das ist allerdings etwas, was sich kurzfristig gar nicht bewerkstelligen lässt.

Medizin Arbeiten auf der Intensivstation – Wenn Leben retten krank macht

Es ist eine extreme Belastung – körperlich und psychisch. Und nun noch Corona! Wer diese Folge hört, versteht, warum viele Intensiv-Pflegekräfte sich einen neuen Job suchen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

SWR Aktuell: Wenig Personal heißt mehr Arbeit für die, die da sind. Wie ist aktuell die Stimmung unter Ihren Mitarbeitern?

Prof. Tim Piepho: Also, die Stimmung ist sicherlich auch jetzt im Hinblick auf wieder steigende Corona-Patientenzahlen schon gedämpft. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern haben während der Pandemie eine unheimlich hohe Belastung gehabt und die sicherlich auch unheimlich gut gemeistert. Nichtsdestotrotz muss man ganz klar sagen, dass Corona für alle, die am Krankenbett stehen und drumherum arbeiten, eine unheimlich hohe psychische und physische Belastung darstellt. Wenn man dann sieht, dass Patienten zwischen 30 und 50 schwer erkranken, Lungenversagen haben und auf der Intensivstation liegen, fühlt man natürlich auch als Arzt und als Pflegeperson mit. Und diese Verläufe, die sind oftmals unheimlich frustrierend. Das heißt, die Patienten sehen wir viele Wochen auf der Intensivstation, mitunter auch mehrere Wochen an der ECMO. Und trotzdem ist es so, dass sich die Organe, gerade die Lunge oftmals nicht erholen kann und die Patienten dann doch sterben. Und das sind einfach wirklich schlimme Verläufe, die wirklich frustrierend sind. Und da besteht natürlich schon die Sorge in den Krankenhäusern, dass wir das dann auch wieder vermehrt sehen müssen.

SWR Aktuell: Ein Kollege von Ihnen aus Ludwigshafen sprach davon, dass das Krankenhaus-Personal mittlerweile sehr frustriert ist, dass sich so viele Leute nicht impfen lassen und deshalb auf der Intensivstation landen. Wie ist das bei Ihnen?

Prof. Tim Piepho: Also diese Meinung haben auch hier einige Mitarbeiter im Haus, die einfach darüber verärgert sind, dass das Impfen momentan ein wenig stockt und die dann natürlich auch klar sagen, dass sie es am Ende sind, die das Ganze quasi ausbaden müssen. Die Überstunden und zusätzliche Schichten machen müssen etc, um dann die Patienten auch adäquat versorgen zu können. Denn das ist ja am Ende die Aufgabe, der wir uns gemeinsam hier stellen und gestellt haben, dass wir gute Medizin und gute Pflege machen und alle Patienten bestmöglich versorgen. Und wenn man dann natürlich schon weiß, dass es durchaus Wege gibt, schwere Erkrankungen zu vermeiden und das dann aber nicht erfolgt, da fühlt man sich natürlich dann schon ein bisschen im Regen stehen gelassen.

Video herunterladen (11,6 MB | MP4)

SWR Aktuell: Was halten Sie von einer Impfpflicht?

Prof. Tim Piepho: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Grundsätzlich würde ich sagen, dass es sinnvoll ist, eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen zu etablieren. Da denke ich zum Beispiel auch an Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern, an Pflegepersonal. Aber auch an Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer. Da macht es sicherlich Sinn, auch eine Impfpflicht einzuführen. Ansonsten ist es natürlich in gewisser Art und Weise eine politische Frage. Und man hat sich ja vonseiten der Bundesregierung sehr früh dazu positioniert, zu sagen, dass es keine Impfpflicht geben würde. Und so würde ich das jetzt als unheimlich schwierig empfinden, diese einzuführen. Von daher muss es wahrscheinlich schon unsere Aufgabe sein, noch viel besser über die tatsächlichen Nebenwirkungen der Impfung aufzuklären, um die Bevölkerung zu motivieren, sich impfen zu lassen und das dann auch einfach mit Aktionen in der Innenstadt, vor Supermärkten etc. anbieten, um möglichst viele zu erreichen.

Forum Angst vor der vierten Welle – Welche Corona-Politik brauchen wir?

Gregor Papsch diskutiert mit
Prof. Dr. Bodo Plachter, Virologe, Universitätsmedizin Mainz
Prof. Dr. Teresa Koloma Beck, Soziologin, Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, Hamburg
Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Medizinethikerin, Universitätsmedizin Göttingen  mehr...

SWR2 Forum SWR2

SWR Aktuell: Im Hinblick auf die vierte Corona-Welle: Was halten Sie von der aktuellen Maßnahme der Landesregierung, dem Corona-Warnsystem?

Prof. Tim Piepho: Also, ich halte die 2Gplus Strategie für sehr sinnvoll und halte es auch für sehr wichtig, dass man auf die Belastung der Krankenhäuser schaut und danach auch versucht, das Infektionsgeschehen ein wenig einzudämmen beziehungsweise wieder zu drosseln. Ich halte es aber auch für richtig, dass Geimpfte und Genesene auch bei steigenden Inzidenz-Zahlen ihre Freiheiten haben. Das ist sicherlich sinnvoll und auch langfristig ein sehr wichtiger Weg. Denn ich glaube nicht, dass Corona plötzlich vorbei ist. Corona wird uns noch länger begleiten. Wir schauen natürlich auch immer kritisch, inwiefern es noch andere Mutationen gibt, die uns da vielleicht auch noch mal ganz andere Probleme machen können. Aber wenn wir einfach weiterhin schauen, wie ist die Auslastung in den Krankenhäusern? Wie viele Intensivbetten sind belegt und danach auch ein wenig die Inzidenz Zahlen versuchen zu senken, dann ist das sicherlich ein richtiger Weg.

Region Trier

Zahlen zur Corona-Pandemie Aktuelle Corona-Daten für die Region Trier

Hier gibt es die aktuellen Werte des Landesuntersuchungsamtes für die Stadt Trier und die Kreise Trier-Saarburg, Bitburg-Prüm, Birkenfeld, Bernkastel-Wittlich und Vulkaneifel.

 mehr...

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Lage im Land Corona-Live-Blog in RLP: Niederlande melden zahlreiche Corona-Fälle bei Südafrika-Reisenden

Seit dem 24. November gilt in Rheinland-Pfalz eine neue Corona-Verordnung. Die aktuelle Entwicklung der mittlerweile vierten Welle im Land finden Sie hier im Blog.  mehr...

Wittlich

Eibes übt Kritik an neuen Corona-Regeln Landrat Kreis Bernkastel-Wittlich fordert: 2G-Regel konsequent umsetzen

Der Landrat des Kreises Bernkastel-Wittlich, Gregor Eibes (CDU), sieht die neuen Corona-Regeln des Landes Rheinland-Pfalz kritisch. Er fordert, die 2G-Regel konsequent umzusetzen. Die Kontaktverfolgung sieht er als nicht mehr zeitgemäß.  mehr...

Ludwigshafen

Corona-Patienten meist ungeimpft Vierte Corona-Welle am Klinikum Ludwigshafen

Im Klinikum Ludwigshafen rollt die vierte Corona-Welle. Der Klinikchef hat am Mittwoch zu lockere Corona-Regeln und Großveranstaltungen kritisiert. Zehn Corona-Patienten sind derzeit auf der Intensivstation, alle ungeimpft.x  mehr...

Prognosen Infektionen, Inzidenzen, Intensivbetten – Was sagen die Corona-Zahlen?

Mit Mathematik versucht die Wissenschaft zu berechnen, wie sich das Virus ausbreitet und wie sich Menschen verhalten. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto genauer die Prognosen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

STAND
AUTOR/IN