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Rund um Prüm in der Eifel fehlt es an Augenärzten. Die Situation spitzt sich momentan zu. Patienten müssen bald bis zu 80 Kilometer fahren, um zum Augenarzt zu kommen.

Elvira Ott aus Schlossheck bei Prüm ist 76 Jahre alt und sehr aktiv. Nur die Augen machen nicht mehr so mit. Sie hat grauen Star und seit kurzem auch Diabetes. Deshalb muss sie alle drei Monate zum Augenarzt.

Bis zum vergangenen Jahr war das kein Problem. Doch der Augenarzt in Prüm ist mittlerweile in Rente. Ein Nachfolger wurde nicht gefunden, die Praxis steht leer. Die nächste Praxis im Umkreis ist in Gerolstein. 25 Kilometer muss Elvira Ott fahren, um dort untersucht zu werden.

Auch die Praxis in Gerolstein macht dicht

Für dieses Jahr bekommt sie gar keinen Termin mehr in der Gerolsteiner Praxis. Denn die Augenärztin ist aktuell erkrankt und wird an wenigen Tagen in der Woche von anderen Ärzten vertreten. Im Sommer wird die Praxis ganz schließen. Auch hier ist kein Nachfolger in Sicht.

"Wir sollen zukünftig nach Bitburg. Dort sind zwei Augenärzte, die dann das schaffen sollen, was vorher vier Ärzte geleistet haben", sagt Rentnerin Ott. Bei der zentralen Hotline des Patientenservice habe man ihr auch gesagt, sie solle nach Cochem fahren. Das sind knapp 80 Kilometer. Bei der Arztsuche im Internet, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung anbietet, findet man im Umkreis von Prüm Augenärzte beispielsweise in Bitburg, Daun, Wittlich oder Trier. Dorthin müsste Rentnerin Ott Strecken zwischen 30 und 65 Kilometer zurücklegen.

Was noch erschwerend hinzu kommt: Die meisten älteren Patienten in der Eifel haben keinen Führerschein. "Wenn sie Kinder oder Enkel haben, müssen die sich für eine Fahrt zum Arzt Urlaub nehmen. Oder man muss sich ein Taxi nehmen - und das geht ins Geld", so Ott.

Auch Optiker in Prüm betroffen

Auch Optiker Knut Kaiser aus Prüm macht sich Sorgen. Er war der Vermieter des Augenarztes in Prüm und hat deshalb auch ein wirtschaftliches Interesse, wieder einen Mieter zu bekommen. Hinzu komme: "Wir sind fünf Optiker in der Stadt. Wenn die Leute bis nach Trier zum Augenarzt fahren müssen, gehen sie dort auch zum Augenoptiker." Aber das sei nicht das Hauptproblem, sagt Kaiser. Eine ärztliche Versorgung müsse in einem gewissen Umkreis um den Wohnort gewährleistet werden, vor allem für den Ernstfall.

"Wenn ich mir überlege, dass ich mit meinen Kindern im Notfall abends um acht Uhr bis nach Trier fahren muss ins Krankenhaus. Wollen wir das?"

Optiker Knut Kaiser, Prüm

Ärztemangel in der Eifel hat Fachärzte erreicht

Für die ambulante medizinische Versorgung der Kassenpatienten ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz verantwortlich. Der allgemeine Ärztemangel habe inzwischen auch die Fachärzte auf dem Land erreicht, so ein Sprecher der KV. Gründe seien zum Beispiel, dass überdurchschnittlich viele Ärzte kurz vor dem Ruhestand stünden und es in Rheinland-Pfalz zu wenig Ausbildungsplätze für junge Fachärzte gebe.

Die KV verzeichnet für den Eifelkreis Bitburg-Prüm dreieinhalb freie Stellen für Augenärzte. Jeder interessierte junge Arzt, der frisch vom Studium kommt, könne sich darauf bewerben. Aber junge Mediziner blieben heute häufig am Studienort in den großen Städten und ihnen sei die Work-Life-Balance wichtig, so der Sprecher der KV. Eine Lösung für ländliche Gegenden seien Medizinische Versorgungszentren, in denen mehrere Ärzte als Angestellte arbeiten. Auch die Gemeinden müssten hier Anreize bieten, auch wenn das schwierig sei.

Neue Lösungen müssen her

Genau solch einen Anreiz möchte die Verbandsgemeinde Prüm bieten: Bürgermeister Aloysius Söhngen (CDU) sagte dem SWR, es gebe Ideen für ein telemedizinisches Pilotprojekt. Der Augenarzt betreibt demnach eine große Praxis in Trier und würde von dort aus Dienstleistungen via Telemedizin anbieten. Eine medizinische Assistenz könnte vor Ort bestimmte Untersuchungen durchführen, zum Beispiel den Augeninnendruck messen. Das würde dann über das Internet an den Arzt in Trier weitergegeben. Der Arzt müsse aber auch ein bis zweimal pro Woche eine Sprechstunde in Prüm anbieten.

"Neuland" für die Kassenärztliche Vereinigung

Bisher hat es laut Bürgermeister Söhngen darauf noch keine positive Reaktion der Kassenärztlichen Vereinigung gegeben. Der KV-Sprecher sagte dem SWR, die Überlegungen zu einem Pilotprojekt Telemedizin für Augenärzte seien auch für die Kassenärztliche Vereinigung "Neuland" und man könne daher noch nichts dazu sagen. Man sei aber offen gegenüber allen innovativen Modellen, um die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern. Deshalb gebe es Gespräche vor Ort.

Diese Gespräche sollen laut Verbandsgemeindebürgermeister Söhngen im März fortgesetzt werden. Vielleicht ist dann eine Lösung in Sicht. Und die 76-jährige Elvira Ott aus Schlossheck bei Prüm muss bald nicht mehr mindestens 25 Kilometer zum Augenarzt fahren.

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