Symbolbild Häusliche Gewalt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Jan-Philipp Strobel/dpa)

Neues Konzept für drei Kreise

So sehr wird ein Frauenhaus in der Eifel gebraucht

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Anna-Carina Blessmann

Manche Frauen leiden jahrelang, bis sie sich aus häuslicher Gewalt befreien: Auch in der Eifel gibt es daher Bedarf an einem Schutzraum. Drei Kreise haben ein Konzept für ein Frauenhaus erarbeitet.

Vom Partner, Vater, Bruder oder Sohn erniedrigt, unter Druck gesetzt, geschlagen: Das erleben auch in der Eifel zahlreiche Frauen. In den Kreisen Vulkaneifel, Bitburg-Prüm und Bernkastel-Wittlich sind es jährlich 300.

Das sagt Doris Sicken, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Vulkaneifel. Von diesen 300 müssten jedes Jahr 30 in ein Frauenhaus aufgenommen werden - oder sie werden abgewiesen, weil es nicht genügend Plätze gibt.

„Es gibt 17 Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz. Aber der weiße Fleck, wo nichts ist, das ist die Eifel. Wenn auch nur eine Frau beim Frauenhaus abgewiesen wird – das ist schon zu viel!“

Sicken hat zusammen mit ihren Kolleginnen aus Bitburg-Prüm und Bernkastel-Wittlich ein Konzept für ein Frauenhaus in der Eifel entwickelt. Denn dafür gebe es absoluten Bedarf.

Warum wird ein Frauenhaus gebraucht?
Was sieht das Konzept für das neue Frauenhaus vor?
Welche Schritte stehen als nächstes an?

Jahrelange Qualen für die Frauen

Viele Frauen litten schon bis zu zehn Jahre, ehe sie endlich den Mut fänden, sich an die Polizei oder andere Institutionen wie die Caritas, pro familia oder Hilfe für Frauen in Not (FIN) zu wenden.

"Man muss sich vorstellen, welches Martyrium die Frauen hinter sich haben, bevor sie sich an jemanden wenden", sagt Sicken. Die Gewalt habe dabei viele Facetten: Sie gehe von verbalen bis zu schweren körperlichen Verletzungen.

Als Gleichstellungsbeauftragte der Vulkaneifel hat Doris Sicken zusammen mit ihren Kolleginnen aus den anderen beiden Kreisen das Konzept für ein Frauenhaus erstellt. (Foto: SWR, Anna-Carina Blessmann)
Als Gleichstellungsbeauftragte der Vulkaneifel hat Doris Sicken zusammen mit ihren Kolleginnen aus den anderen beiden Kreisen das Konzept für ein Frauenhaus erstellt. Anna-Carina Blessmann

Gewalt hat viele Gesichter

Aber Gewalt fange nicht erst dann an, wenn eine Frau geschlagen wird. Auch psychische Erniedrigung spiele eine Rolle. Und es gebe Gewalt in allen Schichten, unabhängig von Einkommen, Bildungsstand, Herkunft, Religion oder Alter.

"Wenn eine Frau jeden Tag über einen langen Zeitraum mit ‚Du blöde Kuh, du kannst doch gar nichts!‘ beschimpft wird, verliert sie Selbstbewusstsein und Selbstachtung.“

Scham sorgt auch für hohe Dunkelziffer

Auch Männer sind von Gewalt betroffen, sagt Sicken, in vier von fünf Fällen seien es aber Frauen. Täter seien oft die Lebenspartner. Es gebe aber auch Fälle, in denen der Sohn der Mutter Gewalt antue, oder der Enkel der Oma.

Manche Frauen wollten das am Anfang nicht wahr haben oder schämten sich zu sehr, als dass sie sich an jemanden wenden würden. Deshalb sei die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt auch hoch.

Erstes Konzept für ein Frauenhaus

Das neue Konzept der Gleichstellungsbeauftragten der drei Kreise hat Doris Sicken bereits im Kreisausschuss der Vulkaneifel vorgestellt. Orientiert habe man sich an den Vorgaben der Istanbul-Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

Die Konvention enthält konkrete Anforderungen, zum Beispiel für eine angemessene Anzahl an Frauenhäusern und Vorgaben dafür. Das rheinland-pfälzische Frauenministerium hat eine Koordinierungsstelle eingerichtet, um die Konvention umzusetzen.

Voraussetzungen für ein Frauenhaus

Danach müsse ein Frauenhaus etwa einen bestimmten Sicherheitsstandard haben - Türen und Fenster müssen verschließbar sein, damit niemand Unbefugtes Zutritt hat.

Auch der Standort ist wichtig: Er darf nicht allzu bekannt sein, damit die schutzsuchenden Frauen nicht einfach auffindbar sind.

Umfassende Betreuung vor Ort

Das Konzept von Sicken und ihren Kolleginnen sieht außerdem Sozialpädagoginnen und Psychologinnen im Personal vor, die den Frauen und ihren Kindern helfen sollen, das Erlebte zu verarbeiten.

Die Frauen bekommen mit dem Frauenhaus einen ersten Schutzraum. Langfristig sollen sie aber nicht dort wohnen. Deshalb gibt es auch Unterstützung bei Behördengängen, zu Sorge- und Aufenthaltsrecht, Arbeitsmarktintegration und bei der Wohnungssuche.

Laut Konvention soll es pro 100.000 Einwohnern einer Gebietskörperschaft - wie sie ein Landkreis ist - einen Platz für Frauen und ihre Kinder in einem Frauenhaus geben. In der Eifel kommt man so auf einen Bedarf von 27 Zimmern.

Suche nach einem geeigneten Gebäude

Die Gleichstellungsbeauftragten rechnen aber mit sechs bis acht Plätzen. Denn ein Frauenhaus muss noch mehr Anforderungen erfüllen, für die erst einmal ein Gebäude gefunden werden muss.

Das Konzept sieht unter anderem genügend Zimmer, eine Küche, mindestens ein Bad, einen Gemeinschaftsraum, einen Beratungsraum und einen geschützten Außenbereich vor.

Noch einige Hürden

Derzeit sei man in Gesprächen mit dem Frauenministerium, um eine Landesförderung zu bekommen. "Das Ministerium fand es innovativ, dass drei Kreise gemeinsam ein Frauenhaus errichten wollen", sagt Sicken. Aber auch in den Kreisen müsse das Konzept noch in den Gremien abgenickt werden.

Es sei außerdem offen, welche der Kosten nun welcher Kreis tragen müsse und wie viel vom Land dazu kommt. Sollte es eine Förderung geben, müssten sich potentielle Träger für das Frauenhaus bewerben. Außerdem müsse dann noch ein geeignetes Gebäude gefunden werden.

"Dass das Frauenhaus nächstes Jahr fertig wird, das wäre zu sportlich. Aber Jahrzehnte soll es nicht dauern."

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Anna-Carina Blessmann