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Verborgen in einem Bunker in Traben-Trarbach agierte der weltweit zweitgrößte Darknet-Drogenhandel. Wie wurde er ausgehoben? Reporter des ARD-Magazins Panorama und des "Spiegel" konnten Ermittlungsakten einsehen.

Es geht um Drogenhandel, Fälschungen, Hackerangriffe und Kinderpornografie. Tausendfache Straftaten im Internet wurden weltweit offenbar über Server in Traben-Trarbach in Rheinland-Pfalz begangen. Neben verschiedenen Darknet-Marktplätzen beherbergte der sogenannte "Cyberbunker" auch Inhalte der völkisch-rechtsextremen "Identitären Bewegung". Das geht aus umfangreichen Dokumentbeständen hervor, die der NDR und der "Spiegel" gemeinsam ausgewertet haben.

Rabatt für Rechtsextreme

Die Unterlagen belegen, dass die Betreiber des Bunkers einen Cloudserver an die "Identitäre Bewegung" vermietet haben. Die Positionen der Identitären Bewegung sind laut Bundesamt für Verfassungsschutz "nicht mit dem Grundgesetz vereinbar".

Bei der Durchsuchung der Anlage fanden die Beamten einen Hosting-Vertrag mit der rechtsextremen Gruppe. Ein Bunkermitarbeiter erklärte in einer Vernehmung, man habe in extremen Gruppierungen eine "Marktlücke" gesehen. Die Rechten hätten sogar einen besonders günstigen Preis von 30 Euro monatlich bekommen - andere Kunden zahlten für Dienste des "Cyberbunkers" offenbar mehrere hundert Euro.

Bunkerchef gibt sich ahnungslos

Erstmals äußerte sich der Bunkerchef nach der Festnahme und bestreitet gegenüber NDR und "Spiegel" von illegalen Inhalten auf seinen Servern gewusst zu haben. "Unsere Server müssen sie mit Bankschließfächern vergleichen. Kein Bankmitarbeiter prüft nach, was sich in den Schließfächern befindet." Des Weiteren schreibt er: "Wir hatten ein reines Gewissen." Alle im Datenzentrum seien im Glauben gewesen, legal und korrekt gehandelt zu haben.

Polizeiauto vor dem so genannten Cyberbunker (Foto: SWR)

Etwa sechs Jahre lang soll Herman X. in einem ehemaligen Nato-Bunker in Traben-Trarbach zahlreiche illegale Webseiten gehostet haben. Angeblich sogar "bulletproof", also supersicher, wie seine Internetseite geworben hatte. Bulletproof bedeutet, dass Inhalte von Kunden vor äußeren Angriffen, auch zum Beispiel durch Strafverfolgung, geschützt werden.

Verschlüsselte Kommunikation für Organisierte Kriminalität?

Neben den Servergeschäften soll Herman X. außerdem eine verschlüsselte Kommunikations-App entwickelt haben, mutmaßlich finanziert durch einen angeblichen irischen Drogenbaron, vertrieben offenbar an Größen der Organisierten Kriminalität. Der Moselort wurde zu einer Art Schaltzentrale im Darknet.

Der führende Oberstaatsanwalt Jörg Angerer erklärt, dass erstmals nicht gegen die eigentlichen Täter im Netz, zum Beispiel die Drogenhändler, vorgegangen werde, sondern gegen die Hoster, "also die, die diese Dienste hosten und die Taten der Haupttäter erst möglich machen".

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Staatsanwalt geht von Mitwisserschaft aus

Angerer zufolge können die Ermittlungen bei einigen Diensten belegen, dass ein Teil der Bunker-Leute von den illegalen Seiten auf ihren Servern wusste. Dem Staatsanwalt zufolge soll Herman X. dubiosen Kunden, zu denen im Rechenzentrum eine Warnung eingegangen war, sogar eine Art "Tarnkappenservice" angeboten haben, der sie gegen einen Aufpreis im Netz unsichtbar machen sollte.

Das Datenzentrum in einem Bunker im rheinland-pfälzischen Traben-Trarbach war im vergangenen Herbst nach jahrelangen Ermittlungen in einem Großeinsatz ausgehoben worden. Hunderte Server im "Cyberbunker" beherbergten nach Angaben der Behörden ausschließlich illegale Webseiten, unter anderem auch den weltweit zweitgrößten Darknet-Drogenmarkt "Wall Street Market".

Diese Seite diente als Plattform für digitale Deals und war ähnlich aufgebaut wie beispielsweise Amazon oder Ebay. Dort sollen Rauschmittel wie Cannabis, Ecstasy, Kokain und Heroin im Wert von mehr als 41 Millionen Euro verkauft worden sein. Ermittler zählen am Ende mehr als eine Million Nutzer auf dem Drogenmarkt im Darknet.

Angeblich nur aus technischem Interesse gehandelt

Im Interview erklärt einer der drei Betreiber gegenüber NDR und "Spiegel", seine Motivation für "Wall Street Market" sei rein technisch gewesen. "Das hat ja nichts mit der Affinität zu Drogen zu tun, sondern es ging eher um die technische Umsetzung. " Er vergleicht die Drogenplattform mit einem legalen Unternehmen. "Natürlich ist der Erfolg schön und dass funktioniert, was man sich vorstellt."

Erst im Nachhinein sei dem Mitbetreiber klar geworden, wie "falsch und dumm und schlecht" es gewesen sei, solch einen Marktplatz zu betreiben. Im April 2019 wurden die Betreiber von "Wall Street Market" festgenommen. Sie alle sind umfangreich geständig. Eine Anklage steht unmittelbar bevor.

Überführt wurde der Bunker-Betreiber Herman X. offenbar unter anderem durch einen eingeschleusten verdeckten Ermittler. Herman X. spekuliert, dass das Interesse der Behörden mit einer Verbindung zu Wikileaks zu tun haben könnte: "Wir haben zum Beispiel auch die WikiLeaks-Server gehostet." Die Frage sei deshalb erlaubt, ob nicht "WikiLeaks der Hauptgrund war, dass die deutschen Behörden plötzlich Interesse an uns zeigten."

"Keine einzige legale Seite gefunden"

Der führende Oberstaatsanwalt Jörg Angerer sieht in der Aussage einen Versuch, sich als Opfer politischer Verfolgung zu stilisieren. Gegenüber dem NDR und "Spiegel" erklärt er: "Wir haben bisher keine Erkenntnisse, dass im Bunker WikiLeaks-Server gestanden haben." Die Auswertung der "Cyberbunker"-Server würde zwar noch andauern, die Ermittler hätten aber bislang keine einzige legale Website gefunden.

Anklage erhoben

Am 7. April hatte die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz Anklage gegen die acht Verdächtigen erhoben. Der Vorwurf lautet auf Bildung einer kriminellen Vereinigung und Beihilfe zur Verbreitung von Drogen, Falschgeld und Kinderpornografie.

Es ist nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft das erste Mal deutschlandweit, dass nicht gegen die Betreiber von Marktplätzen im Darknet Anklage erhoben wird, sondern gegen diejenigen, die die Technik zur Verfügung stellen. Insofern werde mit dem bevorstehenden Gerichtsverfahren juristisches Neuland betreten.

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