Am zweiten Prozesstag am Landgericht Bad Kreuznach wegen des Tankstellenmords in Idar-Oberstein hat sich der Angeklagte geäußert. (Foto: SWR, Stefan Schmelzer)

Zweiter Prozesstag am Landgericht Bad Kreuznach

Tödlicher Schuss an Tankstelle in Idar-Oberstein: Mutter sagt aus

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Ein halbes Jahr nach der Bluttat in einer Tankstelle in Idar-Oberstein hat der Angeklagte im Prozess vor dem Landgericht Bad Kreuznach gestanden. Jetzt hat auch die Mutter des Opfers ausgesagt.

Unter Tränen schilderte sie, dass sie seit der Tat unter Panikattacken und Schlafstörungen leide. Gesehen hatte sie ihren 20-jährigen Sohn an dem Tag nicht. Abends im Internet habe sie gelesen, dass etwas Schreckliches an der Tankstelle passiert war und sei deshalb dorthin gefahren. Vor Ort habe sie erfahren, dass ihr Sohn an diesem Abend gearbeitet hatte. Erst auf der Polizeiwache teilten ihr Bekannte mit, dass ihr Sohn Opfer eines Verbrechens geworden war.

"Die Welt ist ohne meinen Sohn dunkler geworden."

Er sei ein fröhlicher Mensch gewesen, nach seinem gewaltsamen Tod sei die Welt um sie herum dunkler geworden. "Ich hätte mir so gewünscht, ihn nochmal zu sehen, um ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe", sagte die ganz in schwarz gekleidete Mutter vor Gericht.

Angeklagter lässt Geständnis verlesen

Zuvor hatte der Angeklagte ein schriftliches Geständnis verlesen lassen. Sein Mandant schäme sich und bereue die Tat, teilte Verteidiger Alexander Klein am zweiten Prozesstag in einer Erklärung mit. Der Angeklagte entschuldigte sich darin bei der Familie des Opfers. Er beschrieb, dass er sich am Tattag in einer psychisch schwierigen Situation befunden habe. Die Corona-Maßnahmen hätten ihn zermürbt und auch beruflich sehr eingeschränkt. Er habe sich zunehmend isoliert und dabei wie ein Aussätziger gefühlt.

Bad Kreuznach

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Mit nach unten gesenktem Kopf betritt der Anklagte den Gerichtssaal. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, als sein Verteidiger sein Geständnis vorliest. Für die Mutter des Opfers beginnen zwanzig qualvolle Minuten.  mehr...

Vor der Tat elf Dosen Bier getrunken

Die Tat selbst führt der 50-Jährige auch auf seinen Alkoholkonsum am Tattag zurück. Er habe acht Dosen Bier getrunken, bevor er zur Tankstelle fuhr. An den Wortwechsel mit dem Mitarbeiter könne er sich nicht genau erinnern. Er habe um Verständnis gebeten, dass er seine Maske vergessen habe. Seine Bitte, schnell zu bezahlen, habe der Tankstellenmitarbeiter abgelehnt. Er habe sich danach wie ein Idiot gefühlt, habe an einer anderen Tankstelle weitere fünf Dosen Bier gekauft und davon zu Hause drei bis vier getrunken. Dabei habe er sich in eine aggressive Stimmung hinein gesteigert, so der Angeklagte.

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Mit Maske in die Schlange gestellt

Der 50-Jährige habe im Schlafzimmer die Pistole seines Vaters geholt, entschlossen, ein Zeichen setzen zu wollen. Seine Frau habe bereits geschlafen. An der Tankstelle habe er in der Schlange seine Maske getragen, diese aber vor dem Kassierer abgezogen. Dann habe er dem 20-Jährigen ins Gesicht geschossen. Zurück in seinem Haus habe er ein weiteres Bier getrunken. Am nächsten Morgen habe er daran gedacht, sich umbringen zu wollen, es aber wegen seiner Frau nicht gemacht. Stattdessen habe er sich der Polizei gestellt.

Mordprozess wurde fortgesetzt

Der Prozess war am Montag kurz nach dem Auftakt unterbrochen worden, weil neue Akten der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz aufgetaucht waren, die die Verteidigung nach eigenen Angaben noch nicht kannte. Mit der Unterbrechung wollte das Landgericht Bad Kreuznach der Verteidigung des Angeklagten Gelegenheit geben, die Akten in Ruhe einzusehen.

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1.300 neue Aktenseiten zum Tötungsdelikt

Bei den neuen Unterlagen handelt es sich um rund 1.300 Aktenseiten inklusive eines 26 Seiten langen psychiatrischen Gutachtens über den Angeklagten. Außerdem soll es dabei unter anderem um Chat-Protokolle gehen und um die Frage, ob der Angeklagte Mitglied von Internet-Gruppen ist, die ihn zu der Tat motiviert hätten.

Anklage wegen Mordes an Alex W.

Zum Prozessauftakt ließ sich der Angeklagte aus Idar-Oberstein mit verschränkten Armen, gebeugtem Kopf und geschlossenen Augen von den zahlreichen Fotografen und Kamerateams aufnehmen. Er trug - wie alle im Gerichtssaal - eine Corona-Schutzmaske.

Idar-Oberstein

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Alex W. wurde in Idar-Oberstein von einem Mann erschossen, weil er ihn auf die geltende Maskenpflicht hinwies. Das ist bisher über den "Tankstellenmord" bekannt.  mehr...

Der 50-Jährige ist wegen Mordes angeklagt. Er soll am 18. September vergangenen Jahres in einer Idar-Obersteiner Tankstelle einen Kassierer erschossen haben. Der 20-jährige Alex W. habe ihn zuvor auf die Maskenpflicht im Verkaufsraum hingewiesen.

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Für die Verhandlung vor dem Landgericht Bad Kreuznach sind bislang 13 Verhandlungstage angesetzt. Nach Angaben des Gerichts sollen Zeugen, Polizisten und Sachverständige gehört werden. Ein Urteil wird Mitte Mai erwartet.

Auf einer Mauer ist ein Graffiti "Sein Name war Alex" für getöteten Tankstellen-Mitarbeiter gemalt (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Auf einer Mauer entlang der Nahe erinnert ein Graffiti an den getöteten Tankstellen-Mitarbeiter. Picture Alliance

Betroffenheit in ganz Deutschland groß

In Idar-Oberstein sei die Tat immer noch in den Köpfen der Menschen, sagt Oberbürgermeister Frank Frühauf (CDU). "Man spürt immer noch das Leid, das die Menschen hier in der Stadt empfunden haben." Der Zusammenhalt in der Bevölkerung sei aber riesengroß, die Menschen hielten zusammen, so Frühauf.

"Die Menschen in Idar-Oberstein halten zusammen."

Der tödliche Schuss an der Idar-Obersteiner Tankstelle hatte in ganz Deutschland für Bestürzung gesorgt. Selbst internationale Medien beschäftigte die Bluttat. Auch die New York Times berichtete.

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