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Job weg, der Kredit kann nicht abbezahlt werden, die Schulden sind da. Viele haben sich in dieser Notsituation in letzter Zeit an die Schuldnerberatung der Caritas gewandt. Deren Wartelisten werden länger.

"Die Leute sind teilweise fix und fertig.", sagt Joachim Schäferbarthold, Referent für Schuldnerberatung im Diözesan-Caritasverband Trier.

Er ist auch ehrenamtlicher Schuldnerberater im Ortsverband Trier, einer der 18 Beratungsstellen der Caritas in der Region. Bei seiner Arbeit begegnen ihm täglich Menschen, die durch Corona unvermittelt in die Schulden geraten sind.

Vorher hatten sie einen guten Job, geregelte Verhältnisse und hätten sich nie auch nur vorstellen können, einmal in die Schulden abzurutschen. Aber dann sind plötzlich Job oder Minijob weg.

Oder das Kurzarbeitergeld reicht einfach nicht aus - die Miete oder der Kredit für Haus oder Auto können nicht bezahlt werden, die Schulden sind da.

Schulden in allen sozialen Schichten

Das kommt in der Pandemie noch hinzu zu den klassischen Gründen für Schulden, sagt Schäferbarthold: Die drei Hauptgründe seien Trennung oder Scheidung, Krankheit und Arbeitslosigkeit.

In Zeiten von Corona kämen nicht mehr nur Hartz IV-Empfänger oder Menschen aus dem Niedriglohnsektor zu ihm und seinen Kolleginnen in die kostenlose Beratung. Eigentlich steht die denjenigen zu, die Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung beziehen.

"Aber bei uns wird keiner abgewiesen. Wir schicken niemanden weg, der unsere Hilfe braucht."

Ihnen gehe es vor allem um soziale Schuldnerberatung. Also, nicht nur einzelne Punkte zur Entschuldung schematisch abzuarbeiten, sondern den betroffenen Menschen zu sehen. Und bei den Ursachen für die Schulden anzusetzen und nicht erst die Auswirkungen zu bekämpfen.

Individuelle Hilfe statt Schema F

Schäferbarthold weist etwa auf kostenlose Beratung einer Psychologin hin, hilft, eine Stromsperre zu beenden, oder gibt Tipps, wo eine Schuldnerin günstige Babykleidung kaufen kann.

Soloselbsttändige seien auch von der Krise betroffen, hätten aber eigentlich keinen gesetzlichen Anspruch auf Schuldnerberatung. Doch auch da gebe der Ortsverband zumindest Tipps, wohin sich die Ratsuchenden wenden können.

Schulden erzeugen psychischen Druck

Man könne sich gar nicht vorstellen, was es für Menschen, die noch nie auch nur im geringsten etwas mit Schulden zu tun hatten, bedeutet, nun Kreditraten nicht zahlen zu können, sagt Schäferbarthold.

Manchmal komme auch noch der psychische Druck der Partnerin oder des Partners hinzu, die sagen: "Ich hab dir gleich gesagt, dass diese Entscheidung ein Fehler ist." Einige Schuldner bekämen Depressionen.

Lange Wartelisten, Beratung vor Ort nur eingeschränkt

In der Coronakrise haben sich Anfragen bei den Ortsverbänden der Caritas angestaut. Im Ortsverband Trier gibt es dienstags eine offene Sprechstunde als Erste Hilfe, zu der jeder kommen kann.

Aber für die ordentlichen Beratungsgespräche gebe es mittlerweile Wartelisten. Wer darauf stehe, müsse sich manchmal bis zu zwei Monate gedulden.

Das hänge auch damit zusammen, dass zu Anfang der Pandemie nur telefonische Beratung möglich war. "Aber nichts ersetzt das persönliche Gespräch.", sagt Joachim Schäferbarthold.

Mittlerweile gebe es strenge Regeln für Beratungen vor Ort. Alles muss desinfiziert werden. Das sei aber zeitaufwendig und deshalb schaffe man nicht so viele Gespräche pro Tag wie vor der Pandemie.

Die zweite Schuldenwelle kommt

Aber die brauche es jetzt mehr denn je, denn Schäferbarthold erwartet durch Corona bald eine zweite Welle an Privatinsolvenzen. Mietschulden, die wegen Corona gestundet werden konnten, müssten zurückgezahlt werden.

Erspartes, von dem die Menschen bisher leben konnten, sei aufgebraucht. Bei manchen komme der Job auch nach dem Ende von Corona nicht wieder.

Schuldnerberatung für alle

Schäferbarthold geht davon aus, dass er und seine Kolleginnen in diesem Jahr doppelt so viele Bescheinigungen für Pfändungsschutzkonten ausstellen werden wie im vergangenen Jahr. Die brauchen Schuldner, damit ein gewisser Betrag auf ihren Konten nicht gepfändet werden darf.

Weil das Thema also noch lange aktuell sein wird, fordern die Caritas und andere Wohlfahrtsverbände ein Recht auf Schuldnerberatung für alle. Dazu brauche es aber auch mehr finanzielle Mittel.

Das sieht auch Andreas Rötering vom Caritasverband Westeifel so. Ihm fehle das Personal, um alle Ratsuchenden beraten zu können. Manche Beratungen dauerten über Jahre.

Und mit mehr finanziellen Mitteln würde Rötering auch gerne Präventionsarbeit leisten: Indem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas in die Schulen gehen und schon die Kinder darüber aufklären, wie man einen Haushalt wirtschaftlich führt.

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