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Knapp eine Woche nach dem überraschenden Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx wird weiter über Motive spekuliert. Möglicherweise spielt seine Zeit in Trier eine Rolle.

Sechs Jahre lang von 2002 bis 2008 war Marx Bischof von Trier. In der Zeit wurden mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Kleriker bekannt, die kein gutes Licht auf den Umgang des Bistums und seines Bischofs mit Vorwürfen gegen Priester werfen.

Betroffene aus dem Bistum Trier werfen Marx persönliches Fehlverhalten vor

Die Initiative der Missbrauchsopfer im Bistum Trier, MissBit, ist überzeugt, als Bischof habe Marx dazu beigetragen, Täter zu schützen, Gespäche mit Betroffenen zu verweigern, Menschen einzuschüchtern und Missbrauch zu verharmlosen.

Trier

Sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch Missbrauchsopfer wirft Trierer Bischof Täterschutz vor

Eine Betroffene von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch durch einen Priester wirft den Bischöfen Marx und Ackermann unzureichende Aufarbeitung und Täterschutz vor.  mehr...

In Zusammenhang mit Marx werden immer wieder drei Fälle genannt: zwei aus Orten im Saarland (Freisen und Köllerbach), sowie der erst spät bekannt gewordene Fall einer erwachsenen Frau, die unter dem Pseudonym Karin Weißenfels von geistlich-sexuellem Missbrauch durch einen Priester und dessen Komplizen berichtete, und die dem damaligen Bischof zu viel Nachsicht mit den Tätern vorhält. Missbit-Sprecher Hermann Schell geht davon aus, dass bei genauer Betrachtung "weitere Fälle auftauchen".

Trier

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SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR Fernsehen RP


Dem Verzicht des Kardinals auf das Bundesverdienstkreuz ging lautstarke Kritik aus Betroffenenkreisen voraus, insbesondere aus Trier. Nun lässt eine weitere Wendung aus Trier aufhorchen: Vor wenigen Wochen wandte sich ein Betroffener in einem sechsseitigen persönlichen Brief, datiert auf den 3. Mai, an Kardinal Marx. "Ich bin derjenige, welcher 2006 den Freisener Pfarrer M. bei der Polizei angezeigt hat", schreibt Timo Ranzenberger.

Marx soll von Ermittlungen gegen Pfarrer gewusst haben

Gegen den früheren Freisener Priester hatte die Staatsanwaltschaft 2006 ermittelt, das Verfahren aber wegen Verjährung eingestellt. Marx soll informiert gewesen sein, aber - trotz anderslautender Richtlinien der Bischofskonferenz - weder die Akten der Staatsanwaltschaft angefordert noch mit dem Betroffenen gesprochen haben. Nach den Maßstäben des jüngsten Kölner Gutachtens hätte er damit eine Pflichtverletzung begangen. Dessen Hauptautor Björn Gercke hatte bei der Vorstellung der Studie überdies erwähnt, dass bei Sichtung von Kölner Akten auch Trierer Unregelmäßigkeiten zutage getreten seien.

Beschuldigter durfte weiter als Priester arbeiten

Der Beschuldigte im Fall Freisen durfte bis 2015 als Priester arbeiten. Das Bistum wurde erst nach weiteren Anzeigen und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aktiv und leitete 2017 alle Informationen an die Glaubenskongregation in Rom weiter. Seit 2018 wird der Fall vom Kirchengericht Köln untersucht. Die Verantwortlichen in der Kirche räumten später Fehler ein, sowohl "im Umgang mit Betroffenen als auch in der Handhabung der Bearbeitung".

"Machen Sie mal lieber hier auf Erden reinen Tisch mit sich selbst und stehen endlich zu Ihrer Verantwortungslosigkeit aus Ihrer Vergangenheit."

Ranzenberger scheint das zu wenig. In seinem Brief an Marx wählt er harte Worte, formuliert persönliche Anschuldigungen, aus denen Wut und Unverständnis spricht. "Können Sie überhaupt reinen Gewissens in den Spiegel schauen? Oder besteht dieser Spiegel aus massivem Panzerglas, damit er nicht zerspringt wenn Sie dort hineinschauen?", schreibt er. Und fordert: "Machen Sie mal lieber hier auf Erden reinen Tisch mit sich selbst und stehen endlich zu Ihrer Verantwortungslosigkeit aus Ihrer Vergangenheit.» Abschließend wünscht er Marx «eine gehörige Portion Verantwortungsbewusstsein".

Marx hatte am Freitag erklärt, sein Entschluss zum Rücktritt habe im Kern bereits an Ostern (4. April) festgestanden. Am 21. Mai habe er den Papst informiert. Demnach war der persönliche Brief aus Trier, der ihn zwischen beiden Daten erreichte, nicht ausschlaggebend; dennoch könnte er die Wortwahl von Marx' Schreiben an Franziskus beeinflusst haben. So führt der Kardinal aus, er wolle Mitverantwortung tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche. Anstatt das System vorzuschieben betont er: "Ich bin bereit, persönlich Verantwortung zu tragen, nicht nur für eigene mögliche Fehler, sondern für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge."

MissBit: Rücktrittsgesuch war längst überfällig

Missbit-Sprecher Schell würdigte den Ton des Rücktrittsschreibens. Lob auszusprechen, sei aus Sicht der Betroffenen aber schwierig, denn Marx habe "über Jahrzehnte in der Kirche Verantwortung getragen". Dennoch verdiene sein Schritt Anerkennung, auch wenn er "in der Konsequenz nur logisch und zudem längst überfällig war".

In anderen Fällen wie Köllerbach oder Karin Weißenfels geht es womöglich weniger um rechtliche Aspekte, sondern um moralisch fragwürdiges Verhalten. So sehen Betroffene Marx in der Verantwortung, Interessen von Betroffenen auf die lange Bank geschoben und wenig Empathie gezeigt zu haben. Marx selbst spricht rückblickend von einem Lernprozess.

Triers Bischof Stephan Ackermann will Missbrauch von einer unabhängigen Kommission untersuchen lassen. Da könnte es auch Ergebnisse zu Verfehlungen von Marx im Umgang mit Missbrauch in seiner Trierer Zeit geben. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Harald Tittel)
Triers Bischof Stephan Ackermann will Missbrauch von einer unabhängigen Kommission untersuchen lassen. Da könnte es auch Ergebnisse zu Verfehlungen von Marx im Umgang mit Missbrauch in seiner Trierer Zeit geben. Harald Tittel

Seine Rolle in Trier wird demnächst ebenfalls umfassend untersucht. Im Auftrag des Bistums unter seinem Nachfolger Stephan Ackermann soll sich eine unabhängige Kommission mit der Aufarbeitung befassen.

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Sie hat ihre Arbeit aber noch nicht aufgenommen. Zusätzlich zu fünf bereits benannten Mitgliedern muss der neue Betroffenenbeirat zwei Mitglieder bestimmen. Es wird also noch dauern, bis klare Ergebnisse zu möglichen Verfehlungen im Umgang mit Missbrauch in Marx' Trierer Zeit vorliegen.

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