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Nach fast zwölf Jahren legt der Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm sein Amt nieder. Für ihn geht es in den Landtag. Wehmütig blickt er auf die Höhen und Tiefen seiner Amtszeit.

Es ist eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude, die sich in dem Gesicht von Joachim Streit widerspiegeln. Fast zwölf Jahre lang hat er den Eifelkreis und seine Bürgerinnen und Bürger vertreten.

Seit Dezember 2009 ist der promovierte Jurist Landrat des flächenmäßig größten Landkreises in Rheinland-Pfalz. Bei der Landtagswahl im März wurde Joachim Streit für die Freien Wähler (FWG) in den Landtag gewählt.

Es gab Höhen und Tiefen als Landrat im Eifelkreis

Dass sich die ländlichen Regionen im Eifelkreis - besonders durch die Initiative "Zukunftscheck Dorf" - weiterentwickelt hätten, mache ihn stolz, sagt Joachim Streit. Seit mehreren Jahren arbeiteten über 500 Arbeitsgruppen in 170 Gemeinden für eine innovative Zukunft in den Ortschaften.

Leicht sei es jedoch nicht immer gewesen, sagt der 55-Jährige. Besonders Abschiebungen von Geflüchteten seien schwer gewesen.

Projekt Passagierflughafen Bitburg war Reinfall

Der Landrat gibt sich aber auch selbstkritisch. Das Projekt im Jahr 2012, aus der ehemaligen Airbase in Bitburg einen internationalen Passagier- und Frachtflughafen zu machen, sei ein Reinfall gewesen. Da sei damals der falsche Weg eingeschlagen worden.

Corona-Pandemie: Die schwerste Zeit als Landrat

Die Bewältigung der Corona-Pandemie war und ist für Landrat Streit die größte Herausforderung in seiner politischen Laufbahn, sagt er. Dennoch habe sie gezeigt, wie wichtig die Institutionen wie die Gesundheitsämter vor Ort seien.

Erst kürzlich kündigte Joachim Streit, stellvertretend für die Freien Wähler (FWG), an, mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die Bundes-Notbremse vorzugehen. Auf der Bundespressekonferenz griff er die Bundesregierung scharf an und bezeichnete die nächtliche Ausgangssperre als ein untaugliches Mittel, um die Corona-Pandemie zu bekämpfen. Zuvor war er als Privatperson mit einem Eilantrag gegen die Ausgangssperre im Eifelkreis vor dem Verwaltungsgericht Trier gescheitert.

Parteien im Eifelkreis verabschieden Joachim Streit

Auch die im Kreistag vertretenen Parteien sehen Joachim Streit als einen fairen und kommunikativen Politiker. Allerdings seien Themen wie Klimaschutz zu schleppend angelaufen, heißt es von den Grünen. Die Linke bemängelt, es sei zu wenig im Bereich des sozialen Wohnungsbaus und der Frauenhäuser getan worden.

Bildmontage mit fünf Politikern (Foto: Nico Steinbach, Die Linke Eifelkreis Bitburg-Prüm, Andreas Kruppert, Rudolf Rinnen, Ernst Weires)
Politiker der im Kreistag vertretenen Parteien bewerten die Arbeit von Joachim Streit. Klicken Sie hier durch unsere Bildergalerie ... Nico Steinbach, Die Linke Eifelkreis Bitburg-Prüm, Andreas Kruppert, Rudolf Rinnen, Ernst Weires Bild in Detailansicht öffnen
Nico Steinbach (SPD): "Joachim Streit war "mehr Gestalter und weniger Verwalter", er hatte auch als Landrat noch das "Bürgermeister-Gen" inne und somit einen eigenen Stil mit ins Amt gebracht. Die innovative Weiterentwicklung "seines" Eifelkreises war sein ständiger Antrieb. Weniger Politiker und mehr Behördenchef wäre an mancher Stelle sicher gut gewesen, aber dieser Berufung darf Herr Streit in Zukunft voll nachgehen." Nico Steinbach Bild in Detailansicht öffnen
Andreas Kruppert (CDU): "Wir haben Joachim Streit als bürgernahen Landrat erlebt, der sich den Anliegen der Bürgerinnen und Bürger angenommen hat und ein offenes Ohr für die Menschen hat. Er hat viele Projekte initiiert und umgesetzt und damit den Kreis weiter entwickelt. Der Unterschlagungsfall beim Jugendamt war sicher eine sehr schwierige Phase in der Amtszeit von Landrat Streit." Verbandsgemeinde Arzfeld Bild in Detailansicht öffnen
Rufolf Rinnen (FWG): "Joachim Streit habe ich innovativ, ungeduldig, alsTrendscout, der immer alle Antennen auf Empfang hatte und sehr transparent und offen in der Kommunikation gegenüber den politischen Gremien erlebt - nach seinem Motto: Alle kommen mit! Es gab wenig, was hätte besser laufen können. Mit den knappen finanziellen Ressourcen des Eifelkreises wurde viel bewegt. Es ist schade, dass wir in der Frage der gesundheitlichen Versorgung und beim Hausärztemangel nicht viel weiter sind." Rudolf Rinnen Bild in Detailansicht öffnen
Ernst Weires (Die Grünen): Joachim Streit ist jemand, der seiner Verwaltung vertraut und ihr viel Freiraum lässt. Und als jemand, dem die Menschen auf dem Lande am Herzen liegen. Aber der Klimawandel und seine Folgen auch für den Eifelkreis waren zu lange ausgeblendet. Erst nach der letzten Kommunalwahl wurde durch die Initiative der Grünen-Fraktion im Kreistag die Erstellung und Umsetzung eines Klimaschutzkonzeptes auf den Weg gebracht." Ernst Weires Bild in Detailansicht öffnen
Marco Thielen (Die Linke): "Ich erlebte Joachim Streit als einen fairen Partner im politischen Streit. Ich möchte mich bedanken, dass er uns, trotz dass wir leider keine Fraktion im Kreistag bilden, immer Informationen zukommen gelassen hat und uns als gleichwertigen Partner gesehen hat. Leider habe ich bei Herrn Streit die eine oder andere klare Kannte vermisst. Er war, so hatte es den Anschein, sehr harmoniebedürftig. Leider war er auch ausweichend, wenn es um "unpopuläre" Themen ging." Die LINKE Bitburg-Prüm Bild in Detailansicht öffnen

Manche vermissten "klare Kante"

Dass der ein oder andere eine "klare Kante" bei Joachim Streit vermisst habe, kann der Landrat verstehen. Das sei aber nicht sein Stil. Er bemühe sich um eine bürgernahe Politik, ohne alles in Fremdwörter und komplizierte Formulierungen zu packen.

Nähe zu den Menschen

Joachim Streit sagt selbst, dass die Nähe zu den Menschen immer sein größtes Anliegen war. Dass das auch den Menschen wichtig sei, habe sich bei mehreren Ortsbesuchen im Eifelkreis gezeigt.

"Am liebsten würde man jeden Bürger kennenlernen, der im Landkreis wohnt."

Joachim Streit, Landrat Eifelkreis Bitburg-Prüm

Die Menschen im Landkreis lassen Joachim Streit nur ungern gehen. Er sei ein guter Landrat gewesen, sagten viele Menschen in einer SWR-Umfrage in Bitburg. Sie hoffen, dass sich Streit auch im Landtag für den Eifelkreis einsetzen wird.

Vorfreude auf neue Aufgaben im Landtag

Joachim Streit ist gespannt auf die Zeit im Landtag. Ihm sei klar, dass er nur noch wenig zu Hause sein werde. Allerdings freue er sich darauf, die Menschen in Rheinland-Pfalz und in den einzelnen Orten kennenzulernen.

Letzter offizieller Diensttag noch unklar

Die konstituierende Sitzung des neuen Landtages findet am 18. Mai 2021 statt. Bereits kurz nach der Wahl hatte Joachim Streit angekündigt, dass er künftig die Fraktion der Freien Wähler im Landtag anführen möchte.

Wann Joachim Streit seinen letzten offiziellen Arbeitstag in Bitburg hat, steht nicht fest. Ob Streit tatsächlich bis zum 17. Mai als Landrat arbeitet, könne er derzeit nicht sagen, so ein Sprecher der Kreisverwaltung.

Fest steht: Innerhalb von drei Monaten müssen die Bürgerinnen und Bürger im Eifelkreis einen Nachfolger für Landrat Streit wählen. Bis zur Vereidigung eines neuen Landrates wird es einen Interims-Landrat geben.

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