Bildmontage: Ukrainischer Panzer mit dem Schriftzug "Interview" (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Vadim Ghirda / Montage: SWR)

Krieg in der Ukraine

Russland-Kenner Bernhard Kaster aus Trier ist geschockt

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Politiker Bernhard Kaster (CDU) aus Trier setzt sich seit Jahren für die deutsch-russischen Beziehungen ein. Er ist von dem Angriff Russlands auf die Ukraine geschockt.

Bernhard Kaster (CDU) war von 2002 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Acht Jahre war er Vorsitzender der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe mit engen Beziehungen zu Parlamentariern in Russland.

Bernhard Kaster ist außerdem schon seit vielen Jahren Mitglied im Vorstand des Deutsch-Russischen-Forums, dessen Ziele es sind, Plattformen für den politischen Dialog zu organisieren und die Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften Deutschlands und Russlands zu fördern.

Bernhard Kaster am Rednerpult im Bundestag  (Foto: Bernhard Kaster)
Bernhard Kaster am Rednerpult im Deutschen Bundestag. 15 Jahre lang war er Abgeordneter. Bernhard Kaster

Im SWR Aktuell-Interview spricht er über den Krieg in der Ukraine und die Auswirkungen der Sanktionen auf die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland.

SWR Aktuell: Sie haben die ganze Zeit versucht, das gesellschaftliche Band zwischen Deutschland und Russland zu stärken. Jetzt hat Putin einen Krieg gegen die Ukraine angefangen und Deutschland mit seinen europäischen Partnern starke Sanktionen gegen Russland beschlossen. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Bemühungen jetzt umsonst sind?

Bernhard Kaster: Es ist bei allen, die sich seit Jahrzehnten für die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland eingesetzt haben, jetzt eine Situation, in der es allen den Boden unter den Füßen wegzieht. Das ist ein so gravierender Einschnitt. Die Welt ist von nun an eine andere. Da ist schon große Enttäuschung da. Man blickt auch zurück und sagt, was haben wir denn da alles gemacht, hat es denn keine Wirkung gehabt? Man ist richtig geschockt über diese Entwicklung.

"Die Welt ist von nun an eine andere."

SWR Aktuell: Es wird von Putins Krieg gesprochen. Gibt es in Russland Proteste dagegen?

Kaster: Das ist der Krieg von Putin. Für die Russen, mit denen ich spreche, mit denen wir zusammenarbeiten, ist das eine undenkbare Situation, die Ukraine zu überfallen. Die russische Bevölkerung schätzt auch sehr die Zusammenarbeit mit Deutschland. Dennoch gibt es in Russland eine andere politische Sichtweise auf Europa. Teilweise ist es auch ein Herabblicken auf die Europäische Union. Wir haben gerade in der Politik oft gemerkt, dass Russland bilaterale Beziehungen bevorzugt, weniger Beziehungen mit der gesamten EU.

Der grundlegende Unterschied in der Sichtweise zwischen Europa und Russland ist auch, dass es in Russland beispielsweise weit verbreitet ist, die Einstellung zu haben, dass Russland ein großes starkes Land ist, dem Einfluss-Zonen zugebilligt werden müssen. Zudem anderen kleinen Ländern vorschreiben zu können, welchen Mitgliedschaften und Bündnissen diese sich anschließen.

Die Sicht auf die Ukraine ist dabei nochmals eine völlig andere. Putin stellt ja das Existenzrecht mit einem Weltbild aus der Zarenzeit in Frage.

SWR Aktuell: Bekommt die Zivilgesellschaft in Russland mit, was da gerade in der Ukraine passiert? Warum gibt es keine großen Proteste?

Kaster: Das ist eine nachvollziehbare, in den vergangenen Jahren eingetretene Entwicklung. Putin hat in Russland über Jahre hinweg, besonders ab den großen Protesten in den Jahren 2011 und 2012 mit Repression im Inneren reagiert. Sie merken das ja jetzt auch bei den sehr mutigen Protesten, die erfreulicherweise zunehmen. Gegen Leute, die in Sankt Petersburg und in anderen Städten auf die Straßen gehen, wird schnell durchgegriffen und sie werden verhaftet. Es gibt ein schlecht zu schätzendes Protestpotenzial, vor allem in den Städten, aber man muss auch immer sehen, wie gefährlich das für den Einzelnen und die Organisationen ist. In den vergangenen zehn Jahren hat man hier die Zügel radikal angezogen.

Mit zahlreichen Gesetzen wurde die Pressefreiheit eingeschränkt. Und es gibt schon einen sehr großen Anteil in der russischen Bevölkerung, der fast ausschließlich seine Informationen aus den Staatsmedien bezieht. Das muss man wissen, das hat dann auch eine Wirkung.

SWR Aktuell: Wie kann der Westen jetzt reagieren? Was können wir tun?

Kaster: Mein Anliegen ist es, dass bei diesem fürchterlichen Ereignis, diesem Drama für die Ukraine und den Frieden in Europa, keine Feindschaften zwischen den Völkern entstehen. Wir müssen, auch wenn es schwer fällt, den Draht in die russische Zivilgesellschaft aufrechterhalten. Im Moment wird verständlicherweise vieles abgebrochen. Das hat auch mit der jetzt schieren Verzweiflung und Ohnmacht zu tun, dass nun Sport- und Kulturveranstaltungen abgesagt werden. Das passt ja auch nicht zum augenblicklichen Sterben vieler Menschen.

Wir müssen aber trotzdem schauen mit Besonnenheit und Klugheit, dass wir diejenigen Russen, die Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa wollen und gegen militärische Auseinandersetzung sind, stützen. Die Kontakte zu ihnen müssen wir weiter pflegen, auch wenn sich das derzeit schwer aussprechen lässt.

"Wir müssen mehr denn je für Freiheit und Demokratie kämpfen."

SWR Aktuell: Ein Konflikt dieser Art hat die westliche Welt seit Jahrzehnten nicht gesehen. Wie groß ist bei Ihnen die Angst vor einem “Dritten Weltkrieg”?

Kaster: Angst ist in der Politik ist immer ein schlechter Ratgeber. Ich glaube und will nicht glauben, dass man zu atomaren Waffen greift, das wäre das Ende. Ich will an dieser Stelle annehmen, dass so viel Verstand und Verantwortung vorhanden ist. Wir müssen entschlossen und einig bleiben.

SWR Aktuell: Wie schauen Sie in die Zukunft?

Kaster: Mein Wunsch ist jetzt, dass es zu Frieden kommt, dass das Schießen und Sterben in der Ukraine aufhört und die Ukraine in Freiheit bleibt. Danach müssen wir dafür sorgen, dass aus einem Konflikt, der von einem einzelnen Präsidenten herbeigeführt wurde, keine Feindschaft unter den Völkern entsteht. Wir müssen mehr denn je für Freiheit und Demokratie kämpfen. Vielleicht kann das alles auch der Beginn vom Ende Putins sein.

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