Eine Postkarte aus der Zeit, als das Kloster Marienhöhe noch ein sogenanntes Kindererholungsheim war.  (Foto: SWR, Christian Altmayer )

Skandal in ehemaligem Kinderheim

Misshandlungen im Hunsrücker Kinderheim: Weitere Betroffene melden sich

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Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier (Foto: SWR)

Jahrzehntelang haben Nonnen in einem Erholungsheim in Langweiler wohl Kinder misshandelt. In den vergangenen Tagen melden sich immer mehr Zeugen und Opfer.

Es geschah vor 60 Jahren. Eigentlich sollte sich Reinhold N. in dem Kinderheim in Langweiler erholen. Stattdessen bekam er mit, wie Kinder gequält wurden. So wie einen kleinen Jungen, der sein Mittagessen nicht schaffte. Die Nonnen hätten ihn unter Androhung von Schlägen gezwungen immer weiter zu essen, erinnert sich der Eifeler.

Kind musste Erbrochenes essen

Der Junge habe sich irgendwann erbrochen. Das Martyrium sei aber weitergegangen: Die Nonnen sollen das Kind anschließend gezwungen haben, das Erbrochene zu essen. Reinhold N. hat diese Szenen nie vergessen, die er als Kind im Erholungsheim Marienhöhe in Langweiler erlebt hat - genauso wie vermutlich Dutzende andere Jungs und Mädchen.

"Hätte ich damals eine Chance gesehen aus dem Erholungsheim abzuhauen, hätte ich es getan. Doch ich kannte mich dort nicht aus."

Weitere Opfer melden sich nach SWR-Bericht

Reinhold N. ist nur einer von mehreren Betroffenen, die sich in den vergangenen Tagen beim SWR gemeldet haben. Nach einem Beitrag über mutmaßliche Misshandlungen in dem Hunsrücker Kinderheim in Langweiler wollen auch sie ihre Geschichten erzählen.

Opfer leiden bis heute

So schildert ein heute erwachsener Mann aus Longuich, er sei durch seine Erfahrungen in Langweiler zum Stotterer geworden. "Meine Albträume und die immer wieder aufkommenden Erinnerungen beschäftigen mich heute noch", schreibt eine weitere Betroffene aus Neuwied. Eine Frau aus dem Westerwald erzählt: "Das Einzige, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich abends keinen körnigen Hüttenkäse essen mochte und eine Nonne neben mir stand und mich zwang zu essen." Danach habe sie sich erbrochen.

Augenzeugin bricht nach 50 Jahren ihr Schweigen

Sie war die Erste, die über ihre Erlebnisse in Langweiler berichtet hat. Monika Kilburg brach nach 50 Jahren ihr Schweigen. Sechs Wochen lang sei sie von den Nonnen misshandelt und gedemütigt worden, wie sie erzählt.

"Ich bin ausgestiegen bei diesem Kloster, und habe mehrmals gegen die Mauern getreten, um den Frust raus zu lassen."

Geprügelt, erniedrigt und zum Essen gezwungen

Kilburg war ein sogenanntes Verschickungskind. Sie war gerade acht Jahre alt als ihre Eltern entschieden, sie über die Sommerferien 1966 im Kindererholungsheim Marienhöh unterzubringen. Doch Erholung fand sie bei den Marienschwestern, einem katholischen Orden, keine.

Nach dem Erbrechen mussten Kinder weiteressen

"Schlimm waren die Mahlzeiten", erzählt Kilburg. Morgens und Abends gab es Schmalzbrote, mittags Kartoffeln mit Specksoße - jeden Tag.

"Wir sollten zunehmen", sagt die Wintricherin, die für ihr Alter sehr groß und dürr war. Wer nichts mehr schaffte, sei zum Weiteressen gedrängt worden.

Verschickungskind in einer Kinderheilstätte in Westdeutschland  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Christoph Sandig Privatfoto)
Dünne Kinder wurden bis in die 1980er-Jahre häufig in Kinderheime geschickt, wo sie zunehmen sollten. Dies sollte der Gesundheit dienen. picture alliance/dpa/Christoph Sandig Privatfoto

"Viele haben sich damals über den Tisch erbrochen und mussten trotzdem die Teller leer machen."

Nächtliche Schläge gegen das Daumenlutschen

Auch nachts habe sie in Langweiler keine Ruhe finden können. "Wir durften nicht weinen, wir durften nicht aufstehen, und ich war zu der Zeit noch Daumenlutscher", erinnert sich die heute 64-Jährige: "Das wollten sie mir abgewöhnen."

Also weckten die Nonnen das achtjährige Mädchen, strahlten ihr mit der Taschenlampe ins Gesicht und nahmen sie mit in den Waschraum. "Dort gab es mit dem Stock dann Schläge auf die Hände", sagt Kilburg.

Das Daumenlutschen konnten die Nonnen ihr so nicht austreiben. Vielmehr hätten die Schläge sie traumatisiert: "Ich war zum Bettnässer geworden, hatte Alpträume und Angst im Dunkeln zu schlafen."

Kalte Dusche als Bestrafung

Was Kilburg erzählt, ist kein Einzelfall. Allein im sogenannten Kindererholungsheim Marienhöhe dürften über die Jahrzehnte Dutzende Kinder misshandelt worden sein.

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So auch Bettina Hayer, die 1965 mit ihrer Schwester in Langweiler war: "Wir erlebten, wie ein Kind an unserem Tisch, das ein Problem mit dem Aufessen hatte, immer wieder in den Keller gezerrt und kalt abgeduscht wurde."

"Meine Schwester und ich sagen uns immer wieder, was für ein Glück es war, dass wir zusammen und nicht alleine dort waren."

Bistum Trier liegen keine Informationen vor

Etliche weitere Fälle von Gewalt und Missbrauch in kirchlichen Heimen sind aus der gesamten Bundesrepublik bekannt.

Auch beim Bistum Trier heißt es dazu auf SWR-Anfrage: "Generell lässt sich sagen, dass bundesweit verschiedentlich Vorwürfe von heute Erwachsenen, die ab der Nachkriegszeit in Heimen waren, erhoben werden."

Zu dem konkreten Fall allerdings lägen in Trier keine Informationen vor. Denn die Marienschwestern sind ein Orden päpstlichen Rechts und unterstehen daher auch nicht dem Bischöflichen Stuhl.

Sechs Wochen haben Leben verändert

Immerhin: Sexuelle Übergriffe habe Kilburg in Langweiler weder erlebt noch beobachtet. Dennoch hätten diese sechs Wochen ihr Leben verändert.

Monika Kilburg ist als Kind im Erholungsheim Langweiler misshandelt worden.  (Foto: SWR, Christian Altmayer)
Monika Kilburg ist als Kind im Erholungsheim Langweiler misshandelt worden. Christian Altmayer

Dass der Anblick von Nonnen sie wütend mache, sei die eine Sache. Doch lange war es ihr auch schwergefallen, Vertrauen zu fassen, sagt sie. Auch weil ihr als Kind nicht mal ihre Eltern geglaubt hätten.

"Es war damals einfach so, dass Pastoren und Nonnen angeblich immer die Wahrheit sagten und wir Kinder hatten den Mund zu halten, wenn Erwachsene reden."

Betroffene will Leidensgenossinnen Mut machen

Lange habe sie sich niemandem mehr anvertraut. Dass sie nun ihr Schweigen breche, habe auch den Grund, dass sie anderen Betroffenen Mut machen wolle, ihre Geschichte zu erzählen. Und das ist ihr geglückt.

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Kilburg selbst hat einen persönlichen Abschluss gefunden. Vor ein paar Jahren ist sie erneut die Serpentinen des Hunsrücks hochgefahren, um das frühere Kloster Marienhöh zu besuchen.

Kloster ist heute ein Hotel

Heute ist in den alten Klostermauern allerdings kein Kinderheim mehr untergebracht, sondern ein Luxushotel.

Heute beherbgergt das ehemalige Kloster Marienhöh in Langweiler ein Luxushotel.  (Foto: SWR, Christian Altmayer)
Heute beherbgergt das ehemalige Kloster Marienhöh in Langweiler ein Luxushotel. Früher war es ein Kindererholungsheim. Christian Altmayer

Statt Kartoffeln in Specksoße wird jetzt ein Vier-Gänge-Menü serviert. Statt in einem Hochbett schlafen Gäste jetzt in einer Suite. So auch Monika Kilburg.

Marienschwestern äußern sich nicht

"Ich bin bewusst alleine hin, um dort zu übernachten, weil ich nicht wusste, ob ich es ertrage", sagt sie: "Aber tatsächlich war es für mich jetzt schön zu sehen, was daraus geworden ist."

Dieser Besuch habe ihr geholfen, das Erlebte zu verarbeiten: "Das Leben ist Veränderung, und ich bin einfach froh, dass sie jetzt dort keine Kinder mehr quälen."

Ob der Orden inzwischen eine Aufarbeitung der Fälle angestoßen hat, ist unklar. Das Bistum Trier wäre laut einer Pressesprecherin gegebenenfalls bereit, zu unterstützen. Auf eine Anfrage des SWR haben die Marienschwestern noch immer nicht reagiert.

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