Ein Karate-Trainer aus Traben-Trarbach gibt Karatekurse im Seniorenhaus Cusanusstift in Bernkastel-Kues. (Foto: SWR)

Fit im Alter

90-jährige Senioren legen in Bernkastel-Kues Karateprüfung ab

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Exakte Armbewegungen, Fußtritte und Kampfgeschrei. Im Seniorenheim Cusanusstift in Bernkastel-Kues ist das nichts besonderes. Denn dort wird regelmäßig Karatetraining angeboten.

Für Außenstehende dürfte es schon ein ungewöhnlicher Anblick sein, der sich da im Alten- und Pflegeheim Cusanusstift in Bernkastel-Kues bietet. Fünf Frauen und ein Mann sitzen in Rollstühlen und auf Stühlen nebeneinander und führen Karateübungen aus. Sie beobachten genau, welche Armbewegungen ihr Trainer Jörg Baumgarten vormacht, um sie exakt nachzumachen. Später kommen noch Tritte dazu. Die Beine werden abwechselnd angehoben, angewinkelt und wieder auf dem Boden abgestellt. Immer wieder ist im Raum ein Karatekampfschrei zu hören.

Karateprüfung als Ziel

Doch es ist kein normales Training für die fünf Bewohnerinnen und Bewohner des Cusanusstifts. Denn nach einem dreiviertel Jahr Übung wollen sie heute ihre erste Karateprüfung machen und damit auch den ersten Karategürtel erhalten. Einige von ihnen haben sich extra dafür einen Karateanzug zugelegt, stilecht soll es sein. Geprüft werden sie heute von ihrem Trainer Jörg Baumgarten. Er ist seit mehr als 20 Jahren Karate-Trainer im Vfl Traben-Trarbach. Dort bietet er ein bereits ein inklusives Karatetraining für Menschen mit und ohne Behinderungen an.

Ein Sport für jedes Alter

Während seines Jobs als Berufsbetreuer hat er viel mit Seniorinnen und Senioren zutun. Er hat bereits viele Alten- und Pflegeheime gesehen und weiß, dass es dort nicht allzu viele Sportangebote gibt. In Sportvereine zu gehen, sei vielen Menschen in diesem Alter nicht mehr möglich. Doch die Bewegung darf vor allem im Alter nicht fehlen. Kein Wunder, dass die Begeisterung groß war, als er im Sommer 2021 die Idee vorstellte, ein Karatetraining anbieten zu wollen. 16 Seniorinnen und Senioren nahmen seitdem regelmäßig an den Trainingseinheiten teil.  

"Karate ist keine Frage des Alters. Es kann von jedem erlernt werden."

Denn Karateübungen bieten viele Vorteile, sagt Jörg Baumgarten. Sie förderten Motorik und Koordination, sie regten zum Denken an und könnten dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu erhalten oder zu verbessern. Einige seiner Schützlinge würden sich normalerweise kaum bewegen und lägen stattdessen im Bett oder säßen überwiegend. Das Training soll das ändern. "Am Anfang habe ich angefangen mit ihnen einen Fußtritt im Sitzen zu machen und da haben viele die Beine gar nicht hochbekommen. Mittlerweile bin ich wirklich überrascht, wie gut das klappt", sagt Jörg Baumgarten.

Ein Karate-Trainer aus Traben-Trarbach gibt Karatekurse im Seniorenhaus Cusanusstift in Bernkastel-Kues. (Foto: SWR)
Mit 95 ist Lotti Schmitt die älteste Teilnehmerin. Sie hat sich extra einen Karateanzug gekauft, um stilecht die Prüfung ablegen zu können. Bild in Detailansicht öffnen
Maria Billingen ist 92. Für sie ist das Karatetraining eine schöne Freizeitbeschäftigung. Manchmal sind die Übungen schwerer, manchmal leicht, sagt sie. Vor der Prüfung hatte sie keine Angst. "Ich hab gedacht, dass schaffe ich locker." Bild in Detailansicht öffnen
Der 71-jährige Ottmar Koch hat einfach nur Freude am Training. Die Übungen macht er gerne mit, er ist froh, dass die Karateprüfung gut geklappt hat. Bild in Detailansicht öffnen
Anni Guttweiler ist 93 Jahre alt. Sie hat sich gut auf die Karateprüfung vorbereitet und fand die Übungen gar nicht so schwer. Sie liebt die Bewegung, die sie durch das Karatetraining machen kann. Bild in Detailansicht öffnen
Die 90-jährige Dorothea Mai war vor der Prüfung ziemlich aufgeregt. Die Boxbewegungen beim Karate findet sie am besten. Bild in Detailansicht öffnen
"Die Bewegungen und dass der Kopf auch gefordert, all das macht Spaß", sagt Ilse Kranz. Die 94-Jährige ist stolz, heute die Karateprüfung ablegen zu können. Sie selbst hat früher ihre Kinder zum Karatetraining begleitet, jetzt nimmt sie selber teil. Ihrer Kinder so sagt sie lachend, sind deshalb sehr stolz auf ihre fitte Mutter. Bild in Detailansicht öffnen

Fortschritte, die begeistern

Und auch Brigitte Heuer, die Leiterin des Cusanusstifts in Bernkastel-Kues, ist begeistert. Vom Karatetraining selbst und den Fortschritten, die die teilnehmenden Seniorinnen und Senioren dabei machen. Ihre Körperhaltung verbessere sich, sie gingen nach dem Training aufrechter und sicherer. Doch nicht nur das:

"Zwei unserer Bewohner sind sehr stark dement. Sie können nicht mehr alleine laufen oder essen. Während des Trainings sind sie aber wach und machen mit und wir stehen fassungslos daneben."

Das Karateangebot sollte eigentlich eine schöne Abwechslung zu den Bingo-Nachmittagen und den Ballspielen sein, die sonst angeboten werden, erzählt Brigitte Heuer. Dass ihre Bewohnerinnen und Bewohner dabei so viel Spaß haben und auch noch eine Prüfung durchgeführt wird, macht sie spürbar stolz.

Und auch für Trainer Jörg Baumgarten ist jedes Training ein schönes Erlebnis. "Nach jedem Training klatschen sie. Sie sind dankbar, dass ich diese Übungen mit ihnen gemacht habe. Ihre Augen strahlen und das ist ein schönes Gefühl, das begeistert mich."

Übungen müssen sitzen

Die Prüfung heute wird nach den Vorgaben des Deutschen Karateverbandes (DKV) durchgeführt. Die Prüflinge müssen die genauen Bewegungsabläufe kennen und durchführen. Jörg Baumgarten, der heute nicht als Trainer, sondern als Prüfer im Dienst ist, bewertet die Leistung dann nach den individuellen Möglichkeiten der Teilnehmenden.

Karateprüfung im Cusanusstift - Die Prüflinge werden von Pflegerinnen und Pflegern in den Prüfungsraum gebracht. (Foto: SWR)
Das Training absolvieren die Bewohnerinnen und Bewohner immer ohne Publikum. Die Karateprüfung wurde heute von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Cusanusstifts verfolgt.

Er weiß unter welchen Bewegungseinschränkungen die Menschen leiden und ob beispielsweise einige Körperregionen gelähmt sind, sodass Übungen deshalb nicht oder anders ausgeführt werden müssen. Dennoch: Die Abläufe müssen funktionieren, sagt Baumgarten. Wer nur im Stuhl sitzt und sich nicht bewegt, erhält keine Urkunde. Doch wie auch beim Training macht auch heute jeder so gut mit, wie er kann.

"Es ist eine Herausforderung das umzusetzen was sie sehen. Sie geben sich große Mühe, keine Fehler zu machen"

14 erfolgreiche Prüflinge

Am Ende des Vormittags haben insgesamt 14 Seniorinnen und Senioren ihre Karateprüfung abgelegt. Alle nehmen stolz ihren weiß-gelben Karategürtel, eine Urkunde und eine rote Rose entgegen. Einige von ihnen sind sichtlich gerührt, als die zuschauenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Cusanusstift applaudieren. Für alle hier ist klar: Das Karatetraining bleibt ein fester Bestandteil des Sportprogramms im Cusanusstift.

"Wir machen das bis wir umfallen!"

Und Trainer Jörg Baumgarten ist einfach nur froh. "Ich bin richtig stolz, dass die Prüfung so gut abgelaufen ist und bestanden wurde. Viele waren wirklich aufgeregt, haben es aber mit Bravour bestanden. Mein Herz ist einfach nur glücklich, ich kann das gar nicht beschreiben." Für ihn ist klar: Mit Sport kann man auch im Alter Spaß haben und sich fit halten. Er hofft deshalb, dass das Karatetraining im Cusanusstift ein Vorbild für andere Einrichtungen ist und solche Angebote bald auch anderen Seniorinnen und Senioren zur Verfügung stehen.

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