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Jedes Mal, wenn der Konflikt zwischen Israel und der Hamas eskaliert, sind davon auch Juden in Trier betroffen. Sie sind zunehmend mit antisemitischen Angriffen konfrontiert.

Ein paar jüngere Mitglieder der jüdischen Gemeinde Trier sind in die Synagoge gekommen. Sie sitzen im großen Gemeinschaftsraum zusammen. In dem hellen Raum sind Tische und Stühle aufgestellt. Es gibt einen Fernseher. An einer Pinnwand sind Fotos der letzten Jugendfreizeit im Sommer aufgehängt. Auf einem Tisch steht ein siebenarmiger Kerzenleuchter.

Die jungen Leute sind hier in Trier aufgewachsen, aber jedes Mal, wenn im Nahen Osten ein Konflikt eskaliert, erleben sie, dass sie sich für die Politik Israels rechtfertigen sollen, erzählen sie.

Synagoge Trier (Foto: SWR)
Die jüdische Gemeinde in Trier hat rund 460 Mitglieder. Fast alle sind in den 1990er Jahren aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Trier gekommen. Die jüngeren sind hier geboren und aufgewachsen.

Emilia, sie ist heute Studentin, erzählt, dass sie schon in der Schule mit Fragen zum Nahostkonflikt konfrontiert worden ist. Es sei die Art, wie Fragen gestellt würden, sagt sie. Oft solle man sich direkt positionieren. Sie sei nie gefragt worden, ob sie sich überhaupt mit der Thematik auskenne. Schließlich lebe sie in Deutschland.

Oskar studiert in Trier, auch er hat oft erlebt, dass er für die Politik Israels verantwortlich gemacht wird, nur weil er Jude ist. "Dann fragen sie, was macht ihr Juden da wieder in Palästina?", sagt er.

"Antisemitismus ist aktuell und war auch nie weg."

Während in Israel und im Gazastreifen Raketen abgeschossen und Bomben geworfen wurden, erlebten Juden in Deutschland, auch in Trier, antisemitische Angriffe. Emilia erzählt, dass Unbekannte ihr in den sozialen Medien antisemitische Hetze und Parolen schicken. Auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Trier erleben regelmäßig, dass der latente Antisemitismus zunimmt, wenn der Nahostkonflikt in Israel eskaliert.

Jüdische Mitbürger tragen Kippa verdeckt

Doch auch sonst haben viele Angst, sagt Oskar. Er kenne viele deutsche Jüdinnen und Juden, die einfach jüdisch sein wollten, aber die Umgebung es quasi nicht zulasse. Ein Freund habe einmal zu ihm gesagt, dass Jüdinnen und Juden nur sicher seien, wenn sie sich versteckten. Diese Aussage bringe ihn zum Nachdenken.

"Es stimmt irgendwo. Die meisten Juden tragen ihre Kippa unter der Mütze, wenn sie eine tragen. Die meisten tragen einen Davidstern aber keiner zeigt ihn, aus Angst."

Solidarität und Angriffe

In Trier gab es am 15. Mai eine Solidaritätskundgebung für Frieden in Israel und gegen Antisemitismus. Sie war nicht von der jüdischen Gemeinde organisiert, aber einige von ihnen waren dort. 80 Menschen standen an der Porta Nigra, darunter auch Politiker von CDU, SPD, FDP, Grünen und der Linken.

Emilia ging auch hin. Sie sagt, sie habe sich über die Solidarität gefreut. Es habe aber eine Gegendemonstration gegeben. Einige Teilnehmer hätten ständig antisemitische Parolen von sich gegeben, auch den Hitlergruß gezeigt.

Angst, in die Synagoge zu kommen

Die jüdische Gemeinde Trier ist nicht groß. Etwa 460 Mitglieder hat sie, fast alle sind in den 1990er Jahren aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Trier gekommen. Die jüngeren sind hier geboren und aufgewachsen.

Die Synagoge ist der Ort, an dem sie zusammenkommen. Als es in anderen deutschen Städten Angriffe auf Synagogen gab, hatte das auch Folgen für die Gemeinde in Trier.

Die jüdische Gemeinde Trier hat keinen eigenen Rabbi, die Vorbeter kommen von außerhalb in die Synagoge. Einmal in der Woche sei Gottesdienst, erzählt Oskar. Doch jetzt hätten die Vorbeter Angst gehabt zu kommen.

"Wir hatten letzte Woche einen hohen Feiertag, Schawuot, das ist einer der wichtigsten Feiertage im Judentum, wo die Juden ein Volk wurden, die Thora bekommen haben, und da sagt der Vorbeter, ich komme nicht, ich habe Angst. Das sagt aus, wie sich Juden in Deutschland gerade fühlen."

Solidarität anderer Glaubensgemeinschaften gibt Kraft

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Trier, Jeanna Bakal, ergänzt, es habe auch viel Solidarität gegeben, als der Shabbat-Gottesdienst abgesagt werden musste. Kurz danach habe der Trierer Bischof angerufen und ein Vertreter der evangelischen Kirche. Es habe auch Zuspruch von muslimischen Gemeinschaften gegeben. "Das ist ein Konflikt zwischen Israel und Hamas und nicht zwischen Judentum und Islam", sagt Jeanna Bakal.

"Als wir Reaktionen der Solidarität bekommen haben von verschiedenen Konfessionen, Christen, Muslimen, hat das mir sehr viel Kraft gegeben. Es ist sehr gut, Freunde an der Seite zu haben."

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