Bildmontage: Hände, die auf einem Smartphone tippen mit dem Schriftzug Interview (Foto: dpa Bildfunk, Sebastian Gollnow / Montage: SWR)

Hassnachrichten an Schule in Idar-Oberstein

Experte: "Jeder zehnte Lehrer Opfer von Cybermobbing"

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Maximilian Storr

In Idar-Oberstein wird gegen zwei Schüler ermittelt, die ihre Lehrer im Netz gemobbt haben sollen. Das ist kein Einzelfall, erklärt ein Experte. Cybermobbing gegen Lehrer nehme zu.

Zwei Schüler sollen ihre Lehrer an einer Idar-Obersteiner Schule auf einem Sozialen Netzwerk beleidigt und bedroht haben. Wie häufig Lehrer, aber auch Schüler Opfer solcher Hassnachrichten werden, ist unklar. Für Dr. Uwe Leest ist das Teil des Problems.

Leest ist Vorstandsvorsitzender des Vereins "Bündnis gegen Cybermobbing", das seinen Sitz in Karlsruhe hat. Im Interview mit SWR-Aktuell fordert er im Kampf gegen Cybermobbing mehr Engagement von den Schulen. Außerdem liefert er dem SWR erste Einblicke aus einer neuen Studie zum Thema Cybermobbing, die Leest am 12. Oktober auf der Bundespressekonferenz vorstellen wird.

Jeder fünfte Schüler von Cybermobbing betroffen

SWR-Aktuell: Das Bündnis gegen Cybermobbing setzt sich seit 2011 gegen Gewalt im Netz ein. Wie groß ist das Problem an Schulen?

Dr. Uwe Leest: Man muss an den Schulen zwei Dimensionen betrachten. Zum einen gibt es Cybermobbing unter Schülern. Dieses Problem – das werden unsere neuen Zahlen zeigen – hat sich auf einem sehr hohen Niveau stabilisiert. 20 Prozent der Jugendlichen im Pubtertätsalter sind davon betroffen. Vor fünf Jahren waren es nur zehn Prozent. Der andere Aspekt, also Mobbing gegen Lehrer, wie möglicherweise in Idar-Oberstein, das nimmt weiter zu. Unsere Studien zeigen, dass es fast zehn Prozent der Lehrer sind, die von Cybermobbing durch Schüler oder Kollegen betroffen sind oder waren.

Das Problem hat sich verdoppelt. Und bei den Lehrerinnen und Lehrer sieht das ähnlich aus.

SWR-Aktuell: Warum nimmt Cybermobbing an Schulen zu?

Dr. Uwe Leest: Einer der Hauptgründe ist, dass Cybermobbing an vielen Schulen überhaupt nicht sanktioniert wird. Das heißt, man nimmt Cybermobbing immer noch als eine Art Kavaliersdelikt wahr. Die Täter werden nicht immer ermittelt, weil das manchmal auch schwierig ist. Und was ganz schlimm ist: An den Schulen wird zu wenig getan, um wirksame Präventionsarbeit zu leisten. Vor allem, wenn man sieht, in welchem Umfang das Problem existiert.

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Das ist auch als klarer Apell an die Schulleitungen zu verstehen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das Problem sich nicht von alleine löst, sondern dass Cybermobbing weiterläuft und sich verfestigt. Hinzu kommt, dass die Taten immer schwerwiegender werden und die Opfer mit immer größeren Beleidigungen, Belästigungen und Bedrohungen konfrontiert.

SWR-Aktuell: An einer Idar-Obersteiner Schule wird gegen zwei Schüler ermittelt, weil die Taten zur Anzeige gebracht worden sind. War das die richtige Entscheidung?

Dr. Uwe Leest: Der Fall, der dort vorliegt, ist meiner Ansicht nach konsequent behandelt worden. Die Schüler sind angezeigt worden. Und was jetzt ganz wichtig ist, dass die Schüler auch dementsprechend bestraft werden, wenn man ihnen nachweisen kann, dass sie die Täter waren. Nur durch eine Bestrafung wird potentiellen Tätern aufgezeigt, dass man für solchen Taten eben auch bestraft wird in unserer Gesellschaft.

Cybermobbinggesetz soll Täter abschrecken

Uwe Leest (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Hannibal Hanschke)
Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing Hannibal Hanschke

SWR-Aktuell: Sehen Sie auch die Politik in der Pflicht?

Dr. Uwe Leest: Ja. Wir brauchen in Deutschland endlich ein Cybermobbinggesetz,. Das gibt es zum Beispiel schon in Österreich und Frankreich. Im Grunde geht es darum, Straftatbestände wie Beleidigungen oder Bedrohungen unter einem Cybermobbingparagraphen zusammenzufassen. Wir würden uns davon erhoffen, dass ein derartiges Gesetz potenzielle Täter abschreckt.

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Noch wichtiger ist aber, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft personell auch in der Lage sind, diese Täter auch zu verfolgen und auch zu bestrafen. Und da haben wir in Deutschland das größte Defizit, dass wir personell teilweise dazu nicht in der Lage sind. Hinzu kommt häufig die Anonymität beim Cybermobbing. Das macht es den Tätern leicht, ihr Unwesen zu treiben. Deshalb sollten im Netz Klarnamen zur Pflicht werden, damit Täter nicht im anonymen Raum agieren können.

SWR-Aktuell: An wen sollten sich Betroffene wenden?

Dr. Uwe Leest: Jugendliche sollten sich an Vertrauenspersonen wenden. Also zum Beispiel an die Eltern, aber auch an Vertrauenslehrer. Als Betroffener sollte man aktiv und offen damit umgehen und sich nicht zu Hause mit seinen Schmerzen unter die Bettdecke legen. Des Weiteren kann es - wie in Idar-Oberstein - notwendig sein, eine Strafanzeige zu erstatten, um juristisch gegen die Personen vorzugehen. Dabei ist man auch gut beraten einen Rechtsanwalt zur Seite zu haben.

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